Von der Stärke der Verletzlichkeit

22. Mai 2018

Sarah Ayash und Laura Meine arbeiten als Doktorandinnen in zwei unterschiedlichen Projekten des Deutschen Resilienz Zentrums an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Nebenher schreibt die eine Gedichte, die andere zeichnet. Daraus ist ein gemeinsames Projekt entstanden: illustrierte Lyrik, mit der die beiden zeigen, dass Kunst und Wissenschaft sich nicht ausschließen müssen.
 

Laura Meine schlägt ihren Block auf und präsentiert eine Reihe von Zeichnungen. Das Bild von einem Spiegel mit reich verziertem Rahmen fällt ins Auge. Das Glas ist zersplittert. Scharf gezackte Linien durchziehen die glatte Oberfläche. Schemenhaft lässt sich darunter ein Gesicht erkennen, ein fragmentiertes Spiegelbild. Als Schatten oder als Rauch scheint es aus dem Rahmen zu entweichen. Es könnte auf rätselhafte Weise verletzt sein und bluten. Oder flieht es befreit?

Dies ist die Illustration zu einem Gedicht von Sarah Ayash. "Tonight" heißt es, "Heute Nacht":

Let my fragility surface
Tonight I see its virtues
Can one of my personalities contain it?
I can only be a mirror of one of my sides

Let my weakness break my strength
To pieces sharp enough to harm
to enough pieces not to mend
I want to celebrate my broken self tonight

Stength is blinding
Weakness is naked
In fragility I will meet my true self
Tonight

In der Übersetzung muss Lyrik immer verlieren, aber in etwa steht dort: "Lass meine Zerbrechlichkeit auftauchen / Heute Nacht sehe ich ihre Tugenden / Kann eine meiner Persönlichkeiten sie fassen? / Ich kann nur Spiegel einer meiner Seiten sein // Lass meine Schwäche meine Stärke brechen / Zu Stücken scharf genug, um zu verletzen / Zu so vielen Stücken, dass nichts mehr zu heilen ist // Stärke blendet / Schwäche ist nackt / In der Zerbrechlichkeit sehe ich mein wahres Selbst / Heute Nacht".

Deutsches Resilienz Zentrum

Ayash und Meine arbeiten am Deutschen Resilienz Zentrum (DRZ) der JGU auf dem Gebiet der Neurowissenschaften. Getroffen allerdings haben sie sich zuerst in Österreich: Die Geschäftsführer des DRZ, Prof. Dr. Beat Lutz und Prof. Dr. Klaus Lieb, organisieren regelmäßig unkonventionelle Zusammenkünfte ihrer Teams. Sie sollen sich auch jenseits der Arbeit kennenlernen.

"Ihnen sind extracurriculare Aktivitäten sehr wichtig", meint Ayash, "denn sie schaffen eine Form von Identifikation und persönlicher Zugehörigkeit zur Institution. Das ist gerade für mich als ausländische Studentin nützlich." Ayash stammt aus Jordanien, ihr Vater wurde in Jerusalem, ihre Mutter in Bethlehem geboren. Bevor sie nach Mainz kam, studierte sie in Tübingen. "Ich finde es eindrucksvoll, wie anders hier das Verhältnis zwischen Lehrenden und Studierenden ist. Hier setzen sich auch Direktoren wie Beat Lutz oder Klaus Lieb ganz selbstverständlich mit uns hin und sind aufrichtig an unseren Problemen interessiert."

Auch die beiden Doktorandinnen kamen ins Gespräch: "Sarah erzählte mir, dass sie Gedichte schreibt", erinnert sich Meine. "Und ich erfuhr, dass Laura zeichnet", fügt Ayash an. Es entstand ein eigenes künstlerisches Projekt. "Sarah zeigt mir ihre Gedichte, erklärt mir die Hintergründe und ich sage ihr, was ich davon halte", erklärt Meine. "Sie hat von Anfang an gefordert, dass ich ehrlich kritisieren soll." – "Das hilft mir sehr", nimmt Ayash den Faden auf. "Laura bespricht auch mit mir, welche Illustrationen passen könnten." – "Es geht darum, eine bestimmte Facette eines Gedichts darzustellen und zu verdeutlichen", sagt Meine. Ihre Zeichnungen sollen die Lyrik nicht zudecken oder plakativ interpretieren, sondern sie bereichern und Raum für Assoziationen bieten.

Ausgleich zur Wissenschaft

"Für uns ist das ein Ausgleich zu unserer Arbeit im Labor", sagt Ayash. Am DRZ arbeiten Fachleute aus Medizin und Psychologie, Neuro- und Sozialwissenschaften Hand in Hand. "Viele Menschen sind im Alltag Stress ausgesetzt", erzählt Meine. "Dennoch erkranken die meisten nicht an stressbezogenen Krankheiten, wie zum Beispiel Depressionen. Wir glauben, dass es Schutzmechanismen gibt, die beeinflussen, wie widerstandsfähig ein Mensch ist. Diese Mechanismen wollen wir in verschiedenen Projekten untersuchen, verstehen, was dabei im Gehirn passiert, und letztlich dazu nutzen, um Menschen zu helfen."

Ayash fährt fort: "Unser Team arbeitet an einer Art Stress-Impfung. Dahinter steckt die Beobachtung, dass Personen mit einer gewissen Stresserfahrung besser mit größeren Belastungen umgehen können als solche, die nie gelernt haben, Stress zu bewältigen." Meine befasst sich mit einem verwandten Thema: "Bei uns geht es um die persönlich wahrgenommene Kontrolle über einen Stressor. Wenn ein Mensch die Erfahrung gemacht hat, dass er eine stressige Situation durch eigenen Einsatz bewältigen kann, dann nehmen ihn andere Schwierigkeiten oft weniger mit."

Ayashs Lyrik scheint sich oberflächlich gesehen mit ganz anderen Themen zu beschäftigen: Es geht um Liebe, Freundschaft und Identität. Als sie allerdings genauer auf ihr Gedicht "Tonight" und seine Illustration eingeht, scheinen Kunst und Wissenschaft doch nicht mehr so ganz weit auseinander zu sein: "Wir feiern die Schwäche und die Zerbrechlichkeit. Beides erlaubt uns, unser Potenzial auszuschöpfen." Wer sich eine feste Schale zulegt, mag sich vielleicht sicher fühlen, doch zugleich ist er eingesperrt. Wer wachsen will, muss seinen Panzer sprengen.

Arabische Wurzeln

Auch Ayashs Herkunft fließt in die Gedichte ein. In "My stranger is no Rumi" etwa bezieht sie sich auf den islamischen Mystiker Dschalal ad-Din ar-Rumi, der im 13. Jahrhundert lebte. In gewisser Weise sprengte auch er seine Schale. Er bekam Besuch von dem persischen Händler Shams. "Shams lehrte Rumi Schönheit, Liebe und Spiritualität", erzählt Ayash. "Er sagte ihm, dass nichts zwischen ihm und Gott stehen soll, nicht einmal die Religion." Rumi änderte sein Leben, er wurde zum Sufi-Mystiker und großen Dichter, dessen Werke bis heute international geschätzt sind.

Ayash spielt mit diesem Motiv und Meine schuf einen leise lächelnden, scheinbar in sich ruhenden Rumi mit geschlossenen Augen, dessen Bart allerdings ein höchst dynamisches Eigenleben entwickelt: Er wallt in eleganten Kurven und greift dabei immer weiter aus. "Wir überlegen, noch eine Zeichnung von tanzenden Derwischen hinzuzufügen", sagt Meine. "Das könnte auch passen."

Ayash und Meine sprechen eine Unzahl von Aspekten an. Meine etwa erinnert sich, wie sie schon früh zeichnete und malte, wie sie nach der Schule regelmäßig ihre ehemalige Kunstlehrerin besuchte, die sie weiter bestärkte. Ayash erzählt vom Stellenwert des Arabischen als Sprache des Korans – und davon, wie in Jordanien ab einem gewissen Punkt doch das Englische zählt. "Die Klassenbesten dürfen mit 14 ins britische Bildungssystem, wenn sie es sich leisten können. Englisch ist die Sprache für jeden Job mit akzeptabler Bezahlung. Meist gibt es einen solchen Job aber nur, wenn man Naturwissenschaften studiert hat. In Deutschland richtet man – jedenfalls zurzeit – sein Studium eher danach aus, was man mag. In Jordanien konzentriert man sich von vornherein darauf, dass man seinen Lebensunterhalt sichern muss."

Etwas entsteht

Ayash ist zwischen den beiden Sprachen aufgewachsen, zwischen Arabisch und Englisch. Ihre Gedichte schreibt sie in Englisch. "Ich spreche beide Sprachen fließend, habe aber nicht das Gefühl, eine der beiden vollständig meine Muttersprache nennen zu können. Es ist mir wichtig, dass meine Gedichte ehrlich und authentisch sind und auf Englisch kann ich mich hier besser ausdrücken. Trotzdem mache ich mich langsam bereit, auch auf Arabisch zu schreiben. Als Erstes möchte ich versuchen, die Gedichte ins Arabische zu übertragen."

Ayash und Meine arbeiten neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit an dem Lyrik-Projekt, das vor allem Spaß machen soll. Erst kürzlich sind sie auf die Idee gekommen, ihre Gedichte und Illustrationen zu teilen. "Im Moment suchen wir nach einer Möglichkeit zur Veröffentlichung, aber das ist gar nicht so einfach", erzählt Meine, während sie weitere Zeichnungen ausbreitet. Eine zeigt zwei Nervenzellen mit Zellkernen und ihren Fortsätzen, den Dendriten und Axonen. Aus ihnen sprießen zarte Blätter.

"Inspiration" nennt Ayash ihr Gedicht dazu. Es beginnt mit den Zeilen "Etwas in mir wird lebendig / Etwas entsteht / Wird geboren //  Ich will tanzen / Ich will schreiben / Was ist das in mir, das sich nicht unterdrücken lässt / Wie eng sind die Grenzen meines Körpers".

Something in me is coming to life
Something is emerging
Is being born

I want to dance
I want to write
What is it inside me that can't be contained
How tight are the boundaries of my body