Englischunterricht in Sri Lanka

6. Juni 2018

Studierenden der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) bietet sich die Möglichkeit, sechs Monate lang in Sri Lanka Englisch zu lehren. Dieses ungewöhnliche Projekt kam vor gut zwei Jahren ins Rollen. Anke Lensch vom Department of English and Linguistics brachte es unter Leitung von Prof. Dr. Britta Mondorf und in Kooperation mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) auf den Weg.
 

Zuerst hatte Pascal Peifer mit dem Gedanken gespielt, seinen Auslandsaufenthalt über das ERASMUS-Programm der Europäischen Union zu organisieren. "Aber ich wollte etwas anderes und auch weiter weg. Ich suchte nach einer deutlich extremeren und umfassenderen Erfahrung."

Im Jahr 2015 stellte Anke Lensch vom Department of English and Linguistics der JGU die Weichen für eine  außergewöhnliche Initiative: Unterwegs zu einer Fachkonferenz traf sie im Zug eine Mitarbeiterin der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). "Sie erzählte mir, dass die GIZ dringend Englischlehrerinnen und -lehrer für den Norden von Sri Lanka sucht." Die beiden überlegten, ob eine Zusammenarbeit möglich wäre, die es erlauben würde, nach dem Vorbild gängiger pädagogischer Auslandsaufenthalte Studierende der JGU auf die Insel vor der Südspitze Indiens zu holen. "Ein Jahr später waren wir dann soweit", erzählt Lensch, "die ersten beiden Studierenden reisten ab." Das Projekt "Teaching English in Sri Lanka" war geboren.

Unterwegs nach Jaffna

Peifer studiert Englisch auf Lehramt an der JGU. Das neue Programm schien genau das zu sein, was er suchte. Der 24-Jährige bewarb sich. "Es ist nicht so, dass wir jede Bewerberin und jeden Bewerber in das Programm aufnehmen können", schränkt Lensch ein. "Wir schauen, was die Motivation der Studierenden ist, wo sie in ihrem Studium stehen." – "Für mich war klar, dass ich in diesem Projekt die Chance bekommen würde, Menschen zu helfen, dass ich etwas bewegen kann", erzählt Peifer.

Im April 2017 stieg er mit drei Kommilitonen ins Flugzeug nach Sri Lanka, um dort für sechs Monate Lehrkräfte vor Ort im Englischunterricht zu unterstützen. Die kleine Gruppe landete in der Hauptstadt Colombo im Süden der Insel. Dort wurden sie an der Technischen Universität ein wenig auf das vorbereitet, was sie erwartete. Dann ging es für Peifer und einen Kommilitonen weiter in einen Ort in der unmittelbaren Nachbarschaft von Jaffna, der Hauptstadt der gleichnamigen Nordprovinz Sri Lankas.

Englisch als Brücke

"Das war dann noch mal eine Umstellung", erzählt Peifer. "Im Süden war es drückend warm und feucht. Im Norden bei unserer Ankunft hingegen war es sehr trocken." Die beiden Studenten waren in einer Schule für taubstumme und blinde Kinder untergebracht. "Wir wohnten direkt an einer Lagune, alles war sehr ländlich geprägt. Wir haben an zwei Schulen unterrichtet. Eine lag fußläufig, die andere weiter weg auf einer kleinen Insel im Norden. Dorthin fuhren wir anderthalb Stunden mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Der Bus war immer vollgepackt mit Leuten. Manchmal dachten wir: Jetzt ist wirklich kein Platz mehr – und dann drängten sich an der nächsten Haltestelle doch noch welche hinein. Dieser Bus war wohl der heißeste Platz überhaupt."

Über Jahrzehnte herrschte in Sri Lanka ein erbitterter Bürgerkrieg: Nach der Unabhängigkeit der Insel im Jahr 1948 schaukelte sich der Konflikt zwischen der Singhalesisch sprechenden Mehrheit und der Tamilisch sprechenden Minderheit im Norden und Osten hoch. Singhalesisch wurde zur offiziellen Sprache erklärt, die Tamilen fühlten sich an den Rand gedrängt und verlangten ein eigenes Staatsgebiet. Terroranschläge und bewaffnete Auseinandersetzungen forderten an die 100.000 Opfer.

Dieser Bürgerkrieg endete 2009 endlich. In der Folge wurde sowohl Tamilisch als auch Singhalesisch zur offiziellen Amtssprache. Jenseits davon aber fiel dem Englischen, der Sprache der einstigen Kolonialherren, eine besondere Rolle zu: Sie dient bis heute als vermittelnde Brücke, als "Linking Language" – und das nicht nur zwischen den Bevölkerungsgruppen, sondern auch zwischen den Religionen: In Sri Lanka leben Hindus und Buddhisten, Moslems und Christen. Englisch ist die Sprache der Universitäten und des Obersten Gerichtshofs. All das gibt dem Englischunterricht in Sri Lanka großes Gewicht.

Eigene Projekte, viele Freiheiten

Peifer unterrichtete an zwei Schulen, an denen junge Menschen auf ihr Berufsleben vorbereitet werden. "Unter anderem gab es eine Klasse für Schneiderinnen. Da waren wirklich nur Mädchen, dort saß kein einziger Junge." In einer anderen wurden Automechaniker ausgebildet. "Anders als bei uns ist die Berufsausbildung in Sri Lanka nicht an einen Betrieb gekoppelt", erklärt Lensch. "Die Schülerinnen und Schüler belegen rund ein Jahr lang einen Kurs, danach suchen sie sich ein On-the-Job-Training. Das ist oft nicht einfach, deswegen hilft die GIZ bei der Vermittlung."

"Die meisten Schülerinnen und Schüler waren zwischen 18 und 24 Jahre alt", erzählt Peifer, "aber es gab auch entschieden ältere und wir hatten sogar 14-Jährige dazwischen. Es waren Leute dabei, mit denen wir uns fließend unterhalten konnten, andere konnten sich nicht mal auf Englisch vorstellen. Wir hatten es mit einer ungeheuren Spannweite zu tun." Insbesondere zu zwei Lehrern war der Kontakt sehr rege. "Der jüngere wäre auch an einer Schule in Deutschland nicht weiter aufgefallen, der ältere war sehr traditionell eingestellt – und ein großer Shakespeare-Fan." Eine pädagogische Ausbildung gehört in Sri Lanka nicht zwingend zum Lehrberuf. Einen Lehrplan im üblichen Sinne gab es an beiden Schulen nicht.

"Wir bekamen von Anfang an sehr viele Freiheiten. Wir konnten Einfluss darauf nehmen, wie der Unterricht abläuft. Wir durften komplette Klassen übernehmen und eigene Projekte entwickeln." Zudem setzten sich die beiden Studierenden mit den Lehrern zusammen. "Wir regten an, welche Stellschrauben man drehen könnte, um den Unterricht sinnvoller zu strukturieren. Wir überlegten auch gemeinsam, wie ein sinnvoller Lehrplan aussehen könnte."

Peifer ging es sehr um Praxisnähe. An den sogenannten "English Days", die ganz dem Englischunterricht gewidmet waren, ließ er die angehenden Schneiderinnen und Automechaniker Situationen aus ihrem zukünftigen Berufsleben durchspielen. Der ältere Lehrer hätte gern ein Shakespeare-Drama inszeniert. "Wir schrieben stattdessen Szenen, die mit dem späteren Berufsalltag der jungen Menschen zu tun haben."

Rundum positives Echo

Neben dem Unterricht erkundete Peifer das Land. "Der Lebensstandard ist niedrig, aber es gibt keine Slums in den Städten. Wenige Menschen leiden wirklich Hunger." Aber Sri Lanka hat ein Müllproblem. "Der Plastikverschleiß ist riesig, wirklich alles wird in Plastiktüten gepackt." Auf der anderen Seite erlebte Peifer in seiner Freizeit eine faszinierende Natur. Er bekam Flughunde zu sehen, Weißkopfseeadler, Elefanten und Leoparden. "Das Land ist so schön, da muss man einfach herumreisen."

Im September 2017 kam Peifer zurück nach Deutschland. "Das war die wirklich große Umstellung", meint er. "Ich habe zwar viel getan in Sri Lanka, aber dort konnte ich mich auf eine Sache konzentrieren und alles hatte mehr Zeit als bei uns. Nun muss ich mich wieder um meine Hausarbeiten kümmern, um mehrere Seminare gleichzeitig. Diese Hektik gibt es in Sri Lanka nicht."

Der Kontakt mit einigen Menschen vor Ort ist geblieben. Hinzu kam der Kontakt mit all jenen Studierenden, die bisher am Projekt "Teaching English in Sri Lanka" teilgenommen haben. "Wir treffen uns regelmäßig", erzählt Lensch. Auch mit den Studierenden vor Ort hält sie über das Internet Kontakt. "Bisher war das Echo rundum positiv", sagt sie, "es läuft hervorragend – für alle Beteiligten." Demnächst endet zwar der erste Vertrag mit der GIZ, doch Lensch ist optimistisch. "Ich denke, dies ist erst der Anfang."