Europäische Reiseberichte im Kontext

11. Juni 2018

Dr. Sandra Vlasta kam im Oktober 2017 mit einem Marie-Skłodowska-Curie-Fellowship ans Gutenberg-Institut für Weltliteratur und schriftorientierte Medien der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU).  Hier verfolgt die Wiener Komparatistin aktuell das Forschungsprojekt "Europäische Reiseberichte im Kontext. Die sozio-politische Dimension von Reiseberichten in Europa: 1760 – 1850".
 

Im Moment liest sie "Winter auf Mallorca" der französischen Schriftstellerin George Sand. "Im November 1838 reist eine emanzipierte Frau aus Paris mit ihrem Geliebten Chopin und zwei Kindern auf die Insel", skizziert Dr. Sandra Vlasta den Inhalt. "Mallorca war damals noch keine Tourismus-Hochburg, es gab noch keine entsprechende Infrastruktur. Sand berichtet über ihren Reisealltag, darüber, wie schwierig es ist, eine Unterkunft zu finden. Verkürzt gesagt: Sie findet die Insel landschaftlich wunderbar, aber die Leute ganz schrecklich. Sie beklagt den niedrigen Lebensstandard der Bauern und der Aristokratie. Religionskritik ist auch ein wichtiger Punkt. Sie erzählt, wie abergläubisch die katholische Bevölkerung ist. Und natürlich klingt dabei immer mit: Wir sind nicht so, bei uns ist es anders."

Sands Abstecher nach Mallorca stand unter keinem guten Stern: "Sie wurde auf der Insel nicht als die berühmte Schriftstellerin erkannt. Sie tauchte mit einem Mann auf, der nicht mit ihr verheiratet war. Chopin litt an Tuberkulose und die Mallorquiner registrierten, dass er trotz seiner Erkrankung Kontakt zu den Kindern hatte: Was, wenn er sie ansteckt?" Nach 98 Tagen verließen Sand und Chopin enttäuscht die Insel. Sie hatten sich mehr von dem Aufenthalt versprochen. Das Buch darüber, "Un Hiver à Majorque", allerdings wurde ein Erfolg – so wie viele Reiseberichte zu jener Zeit.

Literarische Reiseberichte

Im Oktober 2017 kam Dr. Sandra Vlasta nach Mainz. Der Komparatistin ist es gelungen, am Arbeitsbereich Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft des Gutenberg-Instituts für Weltliteratur und schriftorientierte Medien der JGU ein Marie-Skłodowska-Curie-Fellowship für ihr Projekt "Europäische Reiseberichte im Kontext" einzuwerben. Nun sitzt sie in der frisch eingerichteten Cafeteria des Philosophicums und erzählt davon. Vlasta stammt aus Wien, das ist zu hören. Lächelnd merkt sie an, dass ihr typischer Akzent am Rhein durchaus als Bonus wirken kann: Wienerisch kommt gut an.

Vlasta wird sich in den kommenden zweieinhalb Jahren – und dann wohl über ihr Fellowship hinaus  – mit Reiseliteratur zwischen 1760 und 1850 befassen. "Vor dieser Zeit wurden Reiseberichte in den meisten Fällen von Diplomaten oder Entdeckern verfasst. Ihr Schwerpunkt lag auf dem Sammeln und Festhalten von Informationen. Es war ein eher positivistischer Ansatz."

Das änderte sich jedoch in der Folge. Schriftstellerinnen und Schriftsteller entdeckten den Reisebericht für sich. "Um 1800 hatte das Genre eine ungeheure Beliebtheit erreicht und die Verlage wollten dem Publikum eine möglichst breite Auswahl bieten." Es reichte nicht mehr, einfach kunstlos zu berichten. Verfasserinnen und Verfasser stellten immer häufiger die Frage: "Wenn ich einen Reisebericht schreibe, wie schreibe ich den? Sie versuchten, einen eigenen Zugang zum Genre zu bekommen." Sie loteten die Möglichkeiten von Form und Inhalt aus, verdichteten Ereignisse oder Beobachtetes literarisch oder schmuggelten Fiktives unter das Faktische.

Nation und bürgerliche Individualität

Die Autorinnen und Autoren brachten auch ihre eigene Person, ihren gesellschaftlichen Hintergrund mit ins Spiel. "Es finden sich zunehmend Identitätsdiskurse", erzählt Vlasta. Genau die interessieren sie. Die Komparatistin betrachtet Reiseberichte als wichtiges Medium im Prozess der politischen und gesellschaftlichen Veränderungen jener Zeit.

"Reiseberichte waren um 1800 nicht zuletzt deshalb so beliebt, weil sie den politischen Prozess der Nationenbildung und die damit einhergehende Ausbildung kollektiver Identitäten einerseits und den gesellschaftlichen Prozess der Entwicklung des Bürgertums und der Ausbildung individueller Identitäten andererseits so gut begleiteten und zugleich mitformten. Im Reisebericht werden diese Identitäten beschrieben, aber auch ausgehandelt. Mich interessiert, wie das passiert, welche sprachlichen, formalen und inhaltlichen Mittel die Autorinnen und Autoren dafür verwenden."

Vlasta beschäftigt sich für ihr Projekt mit vielen umfangreichen Texten und übt sich darin, sie gezielt auf die entsprechenden Diskurse zu lesen. Sie möchte wissen: Was zeichnet diese Texte aus, welche Strukturen und welche Gattungsmerkmale finden sich? "Wie wird mit Mehrsprachigkeit umgegangen", nennt sie ein besonderes Detail, "wie mit anderen Texten, die zitiert werden?"

Angesichts der Fülle des Materials konzentriert sich Vlasta sich auf die Werke von Schriftstellerinnen und Schriftstellern. "Dort kann ich mit einem gewissen Sprachbewusstsein rechnen, mit einer bewussten Bearbeitung und einer relativ hohen Reflektiertheit. Das macht diese Texte noch mal aufschlussreicher."

Hugo, Dickens, Schlegel

Einzigartig wird Vlastas Projekt durch den komparativen Ansatz: Viele Arbeiten konzentrieren sich auf Texte aus einem Land oder Kulturkreis, während sie die Texte vieler verschiedener europäischer Autorinnen und Autoren vergleicht. "Vor Kurzem habe ich Heinrich Heines 'Harzreise' gelesen", erzählt sie. Fanny Lewald, Victor Hugo und Charles Dickens sind ebenfalls mit von der Partie. "Gleich gebe ich gemeinsam mit Professor Eckel ein Seminar zum Thema meines Projekts. Dort geht es um Friedrich Schlegels 'Reise nach Frankreich'."

Prof. Dr. Winfried Eckel ist Vlastas Mentor am Gutenberg-Institut für Weltliteratur und schriftorientierte Medien. Er unterstützte sie bei der Konzeption ihres Antrags für ein Marie-Skłodowska-Curie-Fellowship. Auf Mainz als Ort ihrer Forschungen kam Vlasta, weil hier die Komparatistik mit einem eigenen Arbeitsbereich vertreten ist. "Außerdem interessierte mich die JGU wegen ihrer interkulturellen Ausrichtung. Es gibt hier zum Beispiel das Zentrum für Interkulturelle Studien, das ZIS."

Vor gut vier Monaten hatte Vlasta zu einem Vortrag und einem Workshop eingeladen, um ihr Projekt an der JGU zu präsentieren. Auch Prof. Dr. Tim Youngs von der Nottingham Trent University war zu Gast. "Er ist ein international anerkannter Spezialist auf dem Gebiet des Reiseberichts und Partner im Projekt." Zudem leitet er das Centre for Travel Writing Studies an seiner Universität, wo Vlasta für einige Monate arbeiten wird.

Gedanken zur deutschen Einheit

Die Ergebnisse ihrer Arbeit wird die Wienerin in einer umfangreichen Veröffentlichung festhalten. "In zweieinhalb Jahren werden erste Kapitel fertig sein", hofft sie. "Ich plane im ersten Teil einen allgemeinen Überblick, dann werde ich auf fünf oder sechs Reiseberichte genauer eingehen." Auch eine Konferenz wird es zum Abschluss ihres Fellowships geben.

Doch das ist Zukunftsmusik. Jetzt geht es erst mal ins Seminar. Schlegels "Reise nach Frankreich" steht auf dem Programm. "Er startet in Dresden und erzählt viel von mythischen Wurzeln Deutschlands, von der Wartburg", erwähnt sie noch schnell. "Wie viele deutsche Intellektuelle um 1800 macht er sich Gedanken über die mögliche Einheit Deutschlands."