Staaten und Imperien

11. Mai 2018

Im dritten Teil seiner Vorlesungsreihe "Das politische Denken. Politische Ideengeschichte und die großen Herausforderungen unserer Gegenwart in zehn Erkundungsschritten" betrachtete Prof. Dr. Herfried Münkler zwei Theoriemodelle, die seit Jahrtausenden die Menschheit umtreiben: Der Gutenberg-Stiftungsprofessur sprach über Staaten und Imperien.
 

Prof. Dr. Herfried Münkler beginnt in der Gegenwart, doch sein Exkurs wird ihn auch diesmal quer durch die Geschichte führen. "Ich werde zwei Modelle vorstellen", kündigt der 19. Inhaber der Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur an. Das eine sei der Staat, das andere das Imperium. Beide stehen für den Politikwissenschaftler nicht isoliert nebeneinander. "Sie erlauben durchaus, Hybridmodelle ins Auge zu fassen." Ein Beispiel dafür sei die Europäische Union. Münkler ist sich nicht sicher, ob er zu ihr noch ausführlicher kommen kann an diesem Abend. "Denn in der Tendenz will ich 2000 Jahre politisches Denken im Auge behalten." Angesichts solcher Materialfülle im Blickfeld könnte womöglich keine Zeit bleiben.

Am dritten Abend von Münklers Stiftungsprofessur-Vorlesungsreihe "Das politische Denken. Politische Ideengeschichte und die großen Herausforderungen unserer Gegenwart in zehn Erkundungsschritten" im größten Hörsaal auf dem Gutenberg-Campus soll es nun also um "Das Mosaik der Staaten und die Ordnung des Imperiums. Zwei Theoriemodelle mit historischen Beispielen" gehen.

Das überforderte Imperium

In der politischen Sprache der Gegenwart ist das Imperium noch immer gegenwärtig. In Bezug auf Putins Russland kommt es ins Gespräch, auch in anderen Regionen finden sich Anknüpfungspunkte. Münkler erwähnt neu-osmanische Vorstellungen. "Es gibt die Überlegung: Wir sind zwar die Türkei, wie Atatürk sie konstruiert hat, aber wir haben nicht vergessen, dass wir mal das Osmanische Reich waren." Selbst beim Brexit hätten Erinnerungen an das alte britische Empire eine Rolle gespielt, meint Münkler.

Er schaut auf jene Regionen, in denen einst Imperien herrschten, und kommt zu einem beunruhigenden Schluss: "Wir können postimperiale Räume beobachten, von denen eine Beeinträchtigung für die europäische Sicherheit ausgeht." Er denkt an das ehemalige Jugoslawien, den Kaukasus, aber auch Irak und Iran.

Als dritten Aspekt nennt er die USA: Dieses moderne Imperium ziehe sich gerade aus der Rolle des globalen Hüters zurück, weil es sich überfordert fühle. "Ich würde sagen, die Wahl von Donald Trump ist nicht nur, aber auch eine Reaktion auf die subjektive Erfahrung des Überfordertseins."

Imperien sind in Zentrum und Peripherie unterteilt. "Nicht immer aber werden imperiale Träume von einem Zentrum aus geträumt. Oft sind es die Vorstellungen von instabilen Rändern, an denen man intervenieren muss, die so etwas hervorrufen." Bei den USA war das wohl der Fall. Diverse Trittbrettfahrer profitierten nun davon, dass sich Amerika als Weltpolizei an globalen Peripherien betätigte. Für die Nutznießer entstanden keine Kosten, wohl aber für das Zentrum des Imperiums, also für die Bevölkerung der USA. Die aber sei nicht mehr bereit, diese Kosten zugunsten der Peripherie zu stemmen. "Neben dem militärischen Verfall von Imperien ist dies eine hochinteressante Form des Niedergangs", konstatiert Münkler. Im römischen Imperium etwa sei Ähnliches geschehen.

Konkurrenzsystem der Staaten

Das Konkurrenzsystem zum Imperium ist der Staat – oder besser: jenes Mosaik von Staaten, das Münkler im Titel seines Vortrags erwähnt. Beispiele dafür finden sich in der griechischen Antike, in den germanischen Nachfolgereichen Roms, den italienischen Stadtstaaten der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts oder in der europäischen Territorialstaatsbildung, die sich bis ins 17. Jahrhundert vollzieht.

"Die Entwicklung eines solchen Mosaiks scheint ein europäischer Sonderweg zu sein", meint der Stiftungsprofessor. Weder in der arabischen Welt noch in Nordamerika oder Asien finde sich Vergleichbares. In diesem Sonderweg sehen viele einen entscheidenden Faktor zum Aufstieg Europas. Die Konkurrenz auf kleinem Raum belebt, sie wirkt als kulturpolitischer und ökonomischer Motor. "Allerdings zu einem hohen Preis: der Belligerenz untereinander." Im Imperium gibt es eine Ordnung mit einem alles überragenden Hüter. Der fällt nun weg. An seine Stelle tritt der Krieg. "Frieden ist nicht der Hauptzustand, Krieg ist nicht diskreditiert."

"Der zentrale Gedanke der Imperien ist die Kriegsvermeidung. Imperien vermeiden Kriege untereinander. Sie begreifen Krieg als verstärkte Polizeiaktion." Deswegen redeten US-Präsidenten auch vom Kampf gegen das Böse: Der Gegner ist ein Ordnungsstörer, kein gleichberechtigter Kombattant.

"Das Imperium interveniert auch jenseits seiner Grenzen und findet das völlig in Ordnung." Schließlich lauern dort die Barbaren. Das sahen die Chinesen ähnlich wie die Römer. "Das Imperium findet es allerdings gar nicht in Ordnung, wenn jemand seine Grenzen verletzt – im Gegenteil: Stellen Sie sich vor, General Noriega wäre mit panamaischen Truppen in Washington gelandet, weil er gehört hat, dass dort viel Korruption herrscht. Klar: Das geht nicht."

Zwitterwesen Europäische Union

Imperiale Ordnung ist auf Ewigkeit ausgerichtet und auf eine Ausdehnung, die am besten die gesamte jeweils als zivilisierte Welt wahrgenommene Region umfasst. Im Staatenmosaik sieht das anders aus. Der Chor ist vielstimmig, die Beteiligung daran wird immer wieder hinterfragt. Im Europa des 18. Jahrhunderts konstatiert Münkler eine Petrarchie aus Wiener Monarchie, Spanien, Frankreich, England und Schweden. Später ersetzt Russland die Spanier, Preußen die Schweden.

Die Staaten bilden zumeist Koalitionen und Machtkonstellationen von drei zu zwei. "Vier zu eins führt zu einer Katastrophe im System." Dieses Spiel der fünf Mächte findet sich wiederholt. Es scheint geradezu notwendig zu sein. In Italien waren es einst Mailand, Venedig, Florenz, der Kirchensaat und Neapel. Auch in der Gegenwart könnte eine Petrarchie den Ton angeben. Als Kandidaten macht Münkler China und die USA, Russland und die EU aus. Der fünfte Partner allerdings müsse noch gefunden werden.

Eine Stunde Redezeit ist fast vorbei, dem Stiftungsprofessor läuft die Zeit davon. Vieles kann er nur noch kurz anschneiden. Schließlich soll Raum bleiben für die anstehende Diskussion mit dem Publikum und mit dem Moderator des Abends, Prof. Dr. Andreas Rödder vom Historischen Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Dieser fragt dann prompt nach der eingangs erwähnten EU als Hybridmodell: "Was ist das denn nun? Ein Imperium, aber ohne Zentrum, ein Imperium mit einem Staatensystem?"

"Im Augenblick ist die EU ein Zwitter, der noch nicht weiß, was er werden will, aber unter dem Zwang steht, sich entscheiden zu müssen", antwortet Münkler. Er sieht ein Zerren zwischen den zentrifugalen und zentralen Kräften in der Union. Wenn es nicht auseinander fliegen solle, müsse das Zentrum gestärkt werden. "Also Brüssel?", mutmaßt Rödder. Münkler schüttelt den Kopf. "Wir sollten die Achse Paris-Berlin wiederbeleben", rät der Politikwissenschaftler.