Von Tyrannen, Frauen und Intellektuellen

27. Mai 2018

Am fünften Abend seiner Vorlesungsreihe "Das politische Denken. Politische Ideengeschichte und die großen Herausforderungen unserer Gegenwart in zehn Erkundungsschritten" beschäftigt sich Prof. Dr. Herfried Münkler mit Tyrannen und Diktatoren. Der Politikwissenschaftler ist angetreten, zwei Begriffe zu schärfen, die heute für allzu vieles herhalten müssen.
 

War Hitler ein Tyrann oder ein Diktator? Selbst arrivierte Fachleute scheinen sich da nicht einig. Der britische Historiker Alan Bullock versah seine große Hitler-Biografie mit dem Zusatz "Eine Studie der Tyrannei". Sein deutscher Kollege Karl D. Bracher hingegen überschrieb seine Darstellung der Nazi-Herrschaft mit "Die deutsche Diktatur".

Prof. Dr. Herfried Münkler stellt sich und seinem Publikum am diesem fünften Abend seiner Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) die Frage, ob Tyrannei und Diktatur Synonyme sind. Die Antwort hat er bereits parat: "Es mag sein, dass es in unserer Zeit zu einer Verschleifung der Begriffe gekommen ist. Aber die Politikwissenschaft lebt davon, dass sie ihre Begriffe fortwährend schärft, um diffuse politische Lagen angemessen zu bezeichnen."

Tyrannei im alten Griechenland

Diese Schärfung soll im Mittelpunkt des Abends stehen. In seiner Vorlesungsreihe "Das politische Denken. Politische Ideengeschichte und die großen Herausforderungen unserer Gegenwart in zehn Erkundungsschritten" spricht Münkler über "Tyrannis, Diktatur und andere Formen repressiver (Un-)Ordnung. Gegenentwürfe zum Demokratischen Rechtsstaat".

"In der klassischen Verfassungstheorie waren Tyrannei und Diktatur Gegensatzbegriffe", konstatiert der prominente Politikwissenschaftler. "Über die Tyrannis ist nirgends so viel nachgedacht worden wie im alten Griechenland." Die Diktatur war eher eine Spezialität der Römer. Sie sollte der Verteidigung ihrer Republik dienen.

Der Boden für Tyrannen wird überall dort bereitet, wo sich verfeindete Parteien gegenseitig zerfleischen und andere mit in den Strudel der Gewalt ziehen. In Griechenland stritten sich typischerweise konkurrierende Adelsfraktionen. In solchen Situationen rissen Männer die Macht an sich, die ein Ende der Kämpfe versprachen.

"Ein Tyrann ist ein Herrscher, der sich ausschließlich auf seine im Augenblick verfügbare Macht stützt", erläutert Münkler. Friedrich von Schiller zeichnete solche Charaktere unter anderem in seiner Ballade "Der Ring des Polykrates". "Diese Tyrannen sind weder gesetzes- noch freundschaftsfähig." Sie verfügen meist über Leibwachen, die sie aus der Fremde rekrutieren. "Das hat den Vorzug, dass die Leibwachen nicht in Parteibildungen involviert sind. Sie haben keine Verbindungen zu denen, die der Tyrann beherrscht." Die Loyalität der Leibwachen erkauft der Tyrann durch den Sold.

Ratgeber Machiavelli

Irgendwann kann sich solch ein Tyrann durchaus in einen Monarchen verwandeln. "Es entwickelt sich etwas, das wir eine Gewohnheitslegitimität nennen. Die Leute sagen sich: Uns geht es wunderbar, wir schlagen uns nicht mehr die Köpfe ein." Aristoteles rät dem Tyrannen mit höheren Ambitionen, er möge sich so verhalten, als sei er ein guter Monarch, er solle also statt dem Eigennutz den Gemeinnutz in den Blick nehmen. "Offenbar geht Aristoteles davon aus, dass dies nach einiger Zeit zur Legitimierung und zur Akzeptanz durch die Bevölkerung führt. Dem allerdings steht der tyrannische Charakter des Tyrannen und vor allem seine schlecht erzogenen Söhne entgegen", meint Münkler.

Vom vorchristlichen Griechenland geht die Reise nun ins Italien des 15. Jahrhunderts: Wieder fördern heftig konkurrierende Parteien den Aufstieg von Tyrannen, die versprechen, die Gewalt zu beenden. "Aber recht oft führt das dann dazu, dass Willkür und Zügellosigkeit um sich greifen." Niccolò Machiavelli versteht sich als Ratgeber der Fürsten. Er warnt, dass sie sich zumindest davor hüten sollten, sich am Eigentum der Untertanen und an deren Frauen  zu vergreifen.

Gerade die Frauen allerdings haben es den Tyrannen – oder zumindest deren schlecht erzogenen Söhnen – angetan. "Wenn wir uns die Erzählungen vom Sturz der Tyrannen anschauen, geht es immer wieder um Übergriffe der Söhne der Tyrannen auf Frauen." Im frühen Rom löste die Vergewaltigung der Lucretia durch Sextus Tarquinius einen Volksaufstand aus und auch im alten Testament oder in Guiseppe Verdis Oper "Rigoletto" findet sich dieses Motiv. "Es ist ein durchgehender Indikator des Tyrannischen, das sie auch vor den Frauen keinen Halt machen und sich holen, was sie wollen."

Intellektuelle suchen Nähe

Die nächste Gruppe, die Münkler betrachtet, hat ein auffallend enges Verhältnis zu Tyrannen: die Intellektuellen. Das gilt für Machiavelli genauso wie für Platon, der sich sizilianischen Tyrannen andiente in der Hoffnung, dass sie sein Modell vom idealen Staat verwirklichen würden. Voltaire suchte sich Friedrich II. aus, Diderot die russische Zarin Katharina II.  und Martin Heidegger wollte Hitler beeinflussen. "Der Intellektuelle sieht sich gern in der Nähe von Potentaten und schreckt auch vor Tyrannen nicht zurück." Seine Hoffnung, diese Gewaltherrscher wirklich von den eigenen Ideen zu überzeugen, wird allerdings meist bitter enttäuscht.

Münkler hat nun viel über die Tyrannis erzählt, ihm bleibt nur noch wenig Zeit für die Diktatur. Dafür springt er zurück ins frühe Rom. Dort setzte man darauf, die Amtszeiten der Mächtigen zu begrenzen und die Zahl der Amtsträger zu verdoppeln. Das sollte vor Missbrauch schützen. In solch einer Konstellation allerdings waren kaum schnelle und entschiedene Reaktionen zu erwarten. Deswegen kam bei Krisen der Diktator ins Spiel. Er wurde vom Senat mit seinem Amt betraut, um eine gewisse Aufgabe zu erfüllen. Sobald das erledigt war, sollte er es zurückgeben. Das allerdings funktionierte nur bedingt: "Am Ende wurde die Diktatur zum Einfallstor für die Zerstörung der Republik."

Marx und Napoleon III.

Der Stiftungsprofessor schließt mit einem Seitenblick auf Karl Marx. "Gerade in Rheinland-Pfalz wird in diesem Jahr seines 200. Geburtstags gedacht. Man kommt zurzeit nicht an ihm vorbei." Marx sieht den Diktator etwas anders. Napoleon III. dient ihm dabei als Paradebeispiel. "Marx führt seinen Aufstieg auf ein reales machtpolitisches Klassengleichgewicht zurück: Die Bourgeois ist nicht mehr stark genug, um sich allein an der Macht zu halten, und das Proletariat ist noch nicht stark genug, um an die Macht zu kommen." Die Parole der Französischen  Revolution wandelt Marx angesichts dieser Zeitläufte ironisch um: aus "Liberté, Égalité, Fraternité" wird "Infanterie, Kavallerie, Artillerie“.

Die anschließende Diskussion moderiert JGU-Vizepräsident Prof. Dr. Stephan Jolie. Er knüpft an die Aussage zur Nähe der Intellektuellen zu den Mächtigen an und möchte wissen, wie das heute aussieht. In  Frankreich sei der Einfluss der Intellektuellen auf die Politik weiter spürbar, antwortet Münkler, in Deutschland eher nicht. "Wir sind als Wissenschaftler veralltäglicht. Das ist auch gut so. Lasst die Intellektuellen im Dorf und erhebt sie nicht zum Eiffelturm."