Revolution als Fortschritt und Rückschritt

1. Juni 2018

Die Idee der Revolution steht im Mittelpunkt des sechsten Abends der Vorlesungsreihe "Das politische Denken. Politische Ideengeschichte und die großen Herausforderungen unserer Gegenwart in zehn Erkundungsschritten" von Prof. Dr. Herfried Münkler. Der Inhaber der 19. Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur beschreibt, wie unterschiedlich der Begriff im Lauf der Jahrhunderte gesehen wurde.
 

Am Morgen des 14. Juli 1789 wird Ludwig XIV. durch seinen Kammerherrn von Zusammenrottungen in der Nähe der Bastille berichtet. Der König sieht dies als eine Revolte, während der Duc de La Rochefoucauld-Liancourt widerspricht: "Nein, Sire, das ist eine Revolution."

Mit dieser Szene eröffnet Prof. Dr. Herfried Münkler den sechsten Teil seiner Vorlesungsreihe "Das politische Denken. Politische Ideengeschichte und die großen Herausforderungen unserer Gegenwart in zehn Erkundungsschritten" im Sommersemester 2018. Thema dieses Abends: "Die Revolution und ihre kleinen Schwestern: Rebellion, Revolte, Aufstand". Der Politikwissenschaftler beginnt seine Reise durch die Epochen im Frankreich des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Dort brodelt es gewaltig.

Anarchische Revolte

"Diese Anekdote ist natürlich im Nachhinein erzählt", kommentiert Münkler. "Wir werden uns heute Gedanken machen, was der Unterschied sein könnte zwischen Revolte und Revolution. Zunächst einmal: Das ist eine wunderbare Geschichte. Der König begreift die Lage nicht, er hat den falschen Begriff. Und eben weil er den falschen Begriff hat, verirrt er sich. Deswegen landet er vier Jahre später auf der Maschine von Monsieur Guillotine."

Der Kammerherr verwendet den richtigen Begriff – doch im Grunde konnte er zu dem beschriebenen Zeitpunkt kaum darauf kommen. "Eine Revolte ist ein Akt des Widerstands gegen als ungerecht wahrgenommene Maßnahmen oder Zustände der Herrschaft", erklärt Münkler. "Revolten haben immer etwas Anarchisches, sie sind ein Ausdruck des Zorns. Da wird nicht über morgen oder übermorgen nachgedacht." Erreicht eine einzelne Revolte ihr Ziel, läuft sie sich meist tot.

"Eine Revolution hingegen ist kein Aufbegehren, das nach einigen Tagen in sich zusammenfällt, sondern ein lang anhaltender Prozess." Dieser Prozess kommt in Gang, wenn sich Revolte an Revolte reiht, wenn sie ineinandergreifen und sich ergänzen. Das allerdings lässt sich erst in der Retrospektive konstatieren. "Im Nachhinein versuchen wir, das Skript der Revolution zu entziffern, aber das ist in jeder Hinsicht ein Versuch von uns, eine Ordnung in die Dinge zu bringen, die die Akteure gar nicht im Kopf hatten."

Aufgebogener Kreislauf

Dieser Versuch wurde häufig unternommen. Große Philosophen arbeiteten sich am Begriff der Revolution ab und färbten ihn sehr unterschiedlich ein. Die Denker der griechischen Stoa beschreiben Revolution als Kreislauf von Staatsverfassungen: Von der Monarchie geht es über Tyrannei, Aristokratie, Oligarchie und Demokratie hin zur Herrschaft des Pöbels, die wiederum von der Monarchie beendet wird. "Jeder Neuanfang ist hier eingeschrieben in die Wiederkehr des Gleichen. Zunächst hat Revolution also relativ viel mit dem Revolver zu tun, dessen Trommel sich dreht – ähnlich wie die Gestirne. Hier ist Revolution nichts Neues." Man könne sie als Vergeblichkeit des Kreislaufs sehen.

Thomas Hobbes blickte so im 17. Jahrhundert auf die englische Revolution, an deren Ende mit Karl II. doch wieder ein Königssohn den Thron bestieg. Hobbes sah Revolution als Verschwendung von Kraft und Energie.

"Im 18. Jahrhundert setzte sich die Idee des Fortschritts durch. Das ist gewissermaßen das Aufbiegen der Kreisbewegung in eine aufsteigende Kurve." Eine innerweltliche Vorstellung von der Vervollkommnung des Menschen – auch durch die Revolution – paarte sich mit religiösen Vorstellungen, mit der Eschatologie, die auch säkularisiert auf die Vollendung wies, auf den Aufbruch in eine neue Welt.

Hoffnung und Schrecken

Die Deutschen bekamen zwar keine rechte Revolution zustande, doch ihre Philosophen dachten sie gründlich durch. Hegel etwa war begeistert von der Französischen Revolution, vom Menschen, der sich auf den Kopf, also auf die Gedanken, stellt und die Wirklichkeit verändert. Für ihn ist die Revolution ein intellektuelles Projekt. Revolution schafft Neues.

"Stellt sich die interessante Frage: Gab es vor dem 18. Jahrhundert gar keine Hoffnung? Doch!" Machiavelli hing zwar noch an der Idee des Kreises. "Aber er denkt im Prinzip des aufsteigenden Kreislaufs: Man bekommt wieder eine ordentliche Republik, indem man an die Anfänge zurückkehrt", so Münkler. Genauso sahen es Reformatoren wie Luther: Sie wollten Besserung, indem sie an die Anfänge des Christentums zurückkehren.

Dieses Motiv findet sich auch in der Französischen Revolution: Mirabeau wollte das Königtum wieder zu dem machen, was es einmal war. Bei Robespierre findet sich ein ähnlich gelagerter Gedanke: Der Schrecken der Revolution sollte die Menschen erziehen, wieder tugendhaft zu werden.

Das Ende der Revolution

So entsteht ein widersprüchliches Bild: Die deutsche Philosophie mit dem Fortschrittsgedanken auf der Hinterhand überhöht die Revolution als hehre Aufwärtsbewegung. Viele Franzosen sehnen sich dagegen anscheinend nur nach der Wiederherstellung alter Zustände. "Marx versucht diese Paradoxie zu dechiffrieren", meint Münkler. Um Neues zu schaffen, kostümierten sich die Franzosen mit alten Kleidern, sie "drapierten sich abwechselnd als römische Republik und römisches Kaisertum", schreibt Marx. Die bürgerliche Revolution leihe sich eben noch die Sprache der Vergangenheit. Erst die sozialistische Revolution werde ihre Poesie aus der Zukunft schöpfen.

Doch wie steht es heute um die Revolution? Das wollte der Moderator des Abends, Prof. Dr. Andreas Rödder vom Historischen Seminar der JGU, in der abschließenden Diskussion von Münkler wissen. "Sind wir nicht in einer Welt, die so tief bürokratisch eingewurzelt ist, dass so etwas wie ein Neuanfang gar nicht mehr möglich ist?" Die Antwort des Stiftungsprofessors kam prompt: "Da würde ich sofort zustimmen. Was die politische Sphäre betrifft, würde ich sagen: Wir sind durch."