Comic-Helden in und aus Afrika

20. Juni 2018

Diese Ausstellung lädt zum Perspektivwechsel ein: "Comic-Helden in und aus Afrika" zeigt in der Schule des Sehens auf dem Gutenberg-Campus eine reiche Auswahl dessen, was Nigeria oder Kenia, die Elfenbeinküste oder Südafrika an Comic-Kunst zu bieten haben. Autorinnen und Autoren schreiben mit leichten und schweren Geschichten gegen gängige Klischees an, sie zeichnen mal bunte, mal düstere Bilder ihres Kontinents.

 

Er lebt in einer bescheidenen Hütte neben dem Ghetto, die von außen wie ein Haufen Müll wirkt. Es ist das ideale Versteck. Innen fläzt sich Kwezi auf einem bequemen Sofa und telefoniert. Ein geöffnetes Notebook steht vor ihm auf dem Tisch, daneben liegt eine Spielekonsole. Kwezi war einmal ein ganz normaler Junge, der sich für Mädchen und Mode interessierte, für die üblichen Dinge eben – bis er seine Superkräfte entdeckte. Sie änderten sein Leben. Zugegeben, zuerst nutzte er sie, um seine Freunde zu beeindrucken. Doch das war nur der Beginn seiner Reise …

Ein Ausschnitt des Superhelden-Comics "Kwezi" hängt übergroß in der Fensterfront der Schule des Sehens. Er ist Teil der Ausstellung "Sichtwechsel – Comic-Helden in und aus Afrika", die eine Gruppe Studierender unter Leitung von Dr. Anja Oed vom Institut für Ethnologie und Afrikastudien (IFEAS) der Johannes Gutenberg-Universität (JGU) realisiert hat. Comics aus 16 afrikanischen Ländern sind zu sehen, dazu einige Produktionen aus Amerika und Europa. Sie werden von insgesamt 65 Erläuterungen begleitet, die einiges zu den Exponaten und ihrem Kontext verraten.

Superheld, Präsident, DJ

Loyiso Mkize heißt der südafrikanische Künstler, der 2014 mit seiner Comic-Serie "Kwezi" einen schwarzen Superhelden schuf. Kwezi ist ungeheuer stark, unverwundbar und er kann fliegen. Unter seiner smarten Lederjacke trägt er ein gelbes T-Shirt mit dem Umriss des afrikanischen Kontinents auf der Brust. Im Laufe der Serie macht der junge Mann eine Entwicklung durch. Das zumindest deutet der Ausstellungstext an: "Nach und nach findet er heraus, wer er wirklich ist, was es mit seinen übermenschlichen Kräften auf sich hat und wozu das Schicksal ihn ausersehen hat."

In der Ausstellung geht es jedoch nicht nur um Superhelden. Die Bandbreite der Themen und Stile ist ungeheuer groß. "Comic-Helden im Dienst von Bildung und Aufklärung" ist eine Vitrine überschrieben. Ein schmales, als Zeitungsbeilage konzipiertes Heft beschreibt, wie der spätere nigerianische Präsident Goodluck Azikiwe aufwuchs. So soll er jungen Leserinnen und Lesern als Leitbild nahegebracht werden. Daneben grinst ein Radio-DJ von drei schrillen Covern der kenianischen Reihe "Shujaaz", die Ideen und Projekte vorstellt, die das Potenzial haben, das Leben junger Menschen zu verbessern.

All diese Exponate stammen aus der Jahn-Bibliothek für afrikanische Literaturen am IFEAS. Mit rund 20.000 Bänden in 80 Sprachen ist sie eine der bedeutendsten Sammlungen auf ihrem Gebiet und weltweit einzigartig. In den 1950er-Jahren begann Janheinz Jahn damit, afrikanische Literatur zu sammeln. Der Frankfurter Übersetzer, Schriftsteller und engagierte Vermittler zwischen den Kulturen hätte 2018 seinen 100. Geburtstag gefeiert. Auch an ihn sollen die Ausstellung und vor allem einige der begleitenden Veranstaltungen erinnern.

Jahn-Bibliothek für afrikanische Literaturen

Die Jahn-Bibliothek enthält nicht nur Werke weltweit renommierter afrikanischer Autorinnen und Autoren. Fantasy-Romane finden sich ebenso wie Krimiserien, Bilderbücher oder eben Comics. Es kommen ständig neue Stücke hinzu, auch wenn der zur Verfügung stehende Etat beschränkt ist. "Was wir in der Ausstellung zeigen, ist nur ein kleiner Teil unseres Comic-Bestands", erzählt Oed, die seit dem Jahr 2002 die Jahn-Bibliothek leitet. "Es fiel uns nicht leicht, eine Auswahl zu treffen." Im Zuge einer Lehrveranstaltung organisierte das achtköpfige Team alles, was zu einer solchen Schau gehört – mit finanzieller Unterstützung durch den Verein der Freunde der Universität Mainz e.V.

Zur Vernissage präsentierten die Studierenden eine szenische Lesung. Hier stellten sie "Aya" vor, eine Comic-Reihe von Marguerite Abouet von der Elfenbeinküste und Clément Ouberie aus Frankreich. Die beiden beschreiben das Leben junger Frauen in der westafrikanischen Millionenstadt Abidjan. Im Mittelpunkt steht die 18-jährige Aya, die witzig und frech aus ihrem Alltag erzählt. Sie steht kurz vor dem Abitur, genießt das Partyleben, ist manchmal genervt von den Jungs und schmiedet Pläne für die Zukunft.

"Viele der Comic-Künstler konzipieren ihre Helden bewusst als Gegenentwurf zu stereotypen Vorstellungen von Afrika", meint Oed. "Sie zeigen aus verschiedenen Blickwinkeln und in unterschiedlichen Zeichen- und Erzählstilen, was ihnen wichtig ist und was sie sich für ihre Gesellschaft wünschen." So weitet sich der Blick auf den Kontinent, auch wenn die aus Schlagzeilen bekannten Themen wie der Völkermord in Ruanda oder das Schicksal von Kindersoldaten durchaus in Comics ihren Niederschlag finden. Auch dazu finden sich Beispiele in den Vitrinen.

Außen- und Innensicht

Überkommene Klischees kommen von außen, von "Globalen Comic-Helden in Afrika": Die Ausstellung zeigt das Album "Tim im Kongo" des Belgiers Hergé, das in der Erstfassung von 1931 überdeutlich kolonialen Geist atmet und selbst nach wiederholter Überarbeitung rassistische Züge aufweist.

Ähnlich düster sieht es bei "Micky's Gast aus Afrika", erschienen 1953, aus. Walt Disneys sonst so sympathische Maus empört sich: "Da schickt mir also Freitag seinen Zwillingsbruder Donnerstag, einen nackten Wilden, der kein Wort einer zivilisierten Sprache sprechen kann. Und ich soll ihn bei mir behalten und ihn zu einem gebildeten jungen Mann erziehen. Da hab' ich ja was am Hals."

Die Ausstellung "Comic-Helden in und aus Afrika" bietet reichlich Stoff zum Sichtwechsel – und das nicht nur in den Vitrinen und mit den groß aufgezogenen Comic-Paneelen an den Wänden. Nelson Mandelas Leben in Bildern und Sprechblasen, Ayas Abenteuer, Kwezis Heldentaten und viele weitere Alben liegen zum Durchblättern bereit.

"Wir können unmöglich ein vollständiges Bild von Afrika vermitteln", meint Oed mit Blick durch den Raum, "wir können nur Ausschnitte zeigen." Tatsächlich ist es ein aufregendes Bild geworden mit ernsten und leichten Erzählungen, mit witzigen und schrecklichen Bildern. Die Schule des Sehens öffnet mit dieser Ausstellung sicher manchem die Augen, in jedem Fall aber macht sie neugierig auf Afrikas Comics.