Literatur schärft den sozialen Sinn

29. Juni 2018

Seit letztem Jahr studiert Selina Jung im Masterstudiengang Weltliteratur an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Die 24-Jährige engagiert sich neben dem Studium im Fachschaftsrat Komparatistik und ist ehrenamtliche Beraterin für das Kinder- und Jugendtelefon Mainz. Das Deutschlandstipendium hilft ihr, all dies unter einen Hut zu bringen.
 

"Literatur regt dazu an, sich in andere Menschen hineinzuversetzen", sagt Selina Jung. "Durch das Lesen erfahren wir viel über fremde Gedankengänge, Ansichten und Motivationen." In der Literatur sieht sie einen großartigen Weg, den Sinn für Soziales zu schärfen und Empathie zu entwickeln. Diese Dimension hat auch bei der Wahl ihrer Studienfächer eine entscheidende Rolle gespielt.

Bereits im Jahr 2013 kam die Kaiserslauterin an die JGU, um hier Komparatistik und Buchwissenschaft zu studieren. "Mich reizte diese Kombination für meinen Bachelor." Im vorigen Jahr begann sie dann mit dem Masterstudium der Weltliteratur und bewarb sich für ein Deutschlandstipendium.

Wichtige Finanzspritze

"Im Gegensatz zu vielen anderen Förderungen ist das Deutschlandstipendium nicht an eine Partei oder eine Konfession gebunden", erklärt Jung. "Das war mir wichtig." Das Deutschlandstipendium baut auf private Förderinnen und Förderer, die bereit sind, einmalig 1.800 Euro zu geben. Dieser Betrag wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) um dieselbe Summe aufgestockt. Für Studierende bedeutet das konkret, dass sie über ein Jahr hinweg mit 300 Euro monatlich unterstützt werden.

"Das reicht natürlich nicht, um mein Studium zu finanzieren, aber es ist eine schöne Finanzspritze, die unheimlich viel bringt. Ich jobbe zwar noch in einer Buchhandlung, kann meine Stunden dort im Moment aber etwas herunterschrauben." Anfang 2018 entschied sich Jung für ein zweimonatiges Praktikum in einer Hamburger Literatur-Agentur. "Das war zwar eine wertvolle Praxiserfahrung, aber leider unbezahlt, und ich konnte nebenher ja auch nicht arbeiten. Da war es gut zu wissen, dass trotzdem jeden Monat Geld aufs Konto kommt. Ohne das Stipendium hätte ich dieses Praktikum wohl gar nicht gewählt."

Deutschlandstipendien sollen nicht nur herausragende Studienleistungen honorieren. Bei der Auswahl der Kandidatinnen und Kandidaten wird Wert auf gesellschaftliches Engagement gelegt. Hier ist Jung in sehr unterschiedlichen Bereichen aktiv.

Fachschaftsrat GeKoThe

Seit 2014 gehört sie dem Fachschaftsrat GeKoThe – Germanistik, Komparatistik, Theaterwissenschaft an, unterbrochen nur durch einen Auslandsaufenthalt. "Ich selbst habe bei meinem Studienbeginn gemerkt, wie wichtig es ist, Erstsemestern einen Anlaufpunkt zu bieten. Das ist einer unserer Schwerpunkte. Wir bieten unter anderem ein Ersti-Frühstück in der ersten Semesterwoche an und helfen bei der Zusammenstellung der Stundenpläne."

Auch die Lehrsituation in der Komparatistik treibt Jung um. "Ich habe meinen Masterstudiengang gewählt, weil mir die Idee, Literatur im globalen Kontext zu vergleichen, gefällt." Und so setzt sie sich dafür ein, dass verstärkt Texte jenseits des französisch- und englischsprachigen Kanons mit einfließen. "Wir im Fachschaftsrat sind gerade dabei, Wünsche von Studierenden für eine weitere Öffnung des Studiengangs zu formulieren, und diese an die Lehrenden heranzutragen."

Nummer gegen Kummer

Jenseits der Universität hat Jung ein weiteres Betätigungsfeld für sich entdeckt: Vor zwei Jahren absolvierte sie eine Ausbildung zur Beraterin beim Kinder- und Jugendtelefon Mainz. "Ich wollte etwas Ehrenamtliches machen, weil ich das Gefühl habe, dass ich recht viele Privilegien in meinen Leben genieße. Dazu gehören auch die freie Studienwahl und das im Prinzip kostenlose Studium. Ich finde es sehr wichtig, auch etwas zurückzugeben."

Kinder wählen die "Nummer gegen Kummer" aus verschiedensten Gründen an. "Wir haben es oft mit Alltäglichem zu tun. Ich bekam sogar schon einen Anruf wegen einer verstopften Toilette. Die Kinder wollten wissen, was sie tun sollen. Wir werden aber auch mit ernsteren Dingen konfrontiert, mit Mobbing, Suizidgedanken oder Missbrauchsfällen. Am Anfang hatte ich die Vorstellung, dass ich eine Lösung präsentieren muss. Die Ausbildung im Kinderschutz-Zentrum Mainz für die Arbeit am Kinder- und Jugendtelefon hat mir diese Sorge genommen: Schon durchs Zuhören biete ich eine Entlastung und ich helfe den Kindern eventuell, durch unser Gespräch selbst eine Lösung zu finden. Oft haben sie selbst eine Idee, wie es weitergehen soll. Sie brauchen nur jemandem, mit dem sie sich darüber unterhalten können. Und bei uns haben sie die Sicherheit, alles sagen zu dürfen."

Moderne Themen

Wo ihr Berufsweg sie später hinführen wird, weiß Selina Jung noch nicht genau. Gern würde sie Literaturwissenschaft und Soziales enger verknüpfen. Sie könnte sich eine Tätigkeit in der Erwachsenenbildung vorstellen. In Sachen Studium hat sie exaktere Vorstellungen: "Ich mag die Themen, die hier in Mainz in der Anglistik angesprochen werden. Es ist viel Modernes dabei: intertextuelles Arbeiten etwa – das interessiert mich bereits aus der Komparatistik – und alles, was in Richtung Gender- oder Queer-Studies geht. Ich überlege, ob ich mich in diese Richtung spezialisiere."

Jung schaut immer wieder interessiert, was das Stipendium ihr über jene Finanzspritze hinaus zu bieten hat: "Demnächst findet eine Art Akademie für ehrenamtlich engagierte Deutschlandstipendiatinnen und -stipendiaten statt. Es ist eine Workshop-ähnliche Veranstaltung, bei der jeder von seinen Erfahrungen berichtet." Ein großer Austausch also. "Da würde ich gern teilnehmen."

Bald wird sich Jung für ein weiteres Jahr Unterstützung durchs Deutschlandstipendium bewerben. "Ich hoffe, ich werde wieder ausgewählt", meint die 24-Jährige. Es würde ihr sehr helfen auf ihrem weiteren Weg.