Fesselung und Entfesselung des Krieges

26. Juni 2018

Der Krieg ist eines der großen Themen in Prof. Dr. Herfried Münklers Forschung. Nun beschäftigt es den Inhaber der diesjährigen Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur auch in seiner Vorlesungsreihe "Das politische Denken. Politische Ideengeschichte und die großen Herausforderungen unserer Gegenwart in zehn Erkundungsschritten" an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU).
 

"Ein anderer hätte jetzt bestimmt über den Frieden gesprochen", meint Prof. Dr. Herfried Münkler. Er jedoch will sich dem Krieg widmen. "Ich spreche aber nicht über den Krieg als Ereignis, sondern über die Art, Krieg zu denken", stellt der 19. Inhaber der Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur klar. Er wird am achten Abend seiner Vorlesungsreihe "Das politische Denken. Politische Ideengeschichte und die großen Herausforderungen unserer Gegenwart in zehn Erkundungsschritten" im Sommersemester 2018 beleuchten, wie Strategen, Denker, Bürgerrechtler und Praktiker den Krieg unter dem Aspekt der Fesselung der Kriegsgöttin Bellona betrachten: "Nicht so gefesselt, dass sie sich überhaupt nicht mehr bewegen kann, aber schon so, dass nicht mehr so etwas stattfinden kann wie der Dreißigjährige Krieg."

Mit dem Phänomen des Krieges hat sich der Politikwissenschaftler ausführlich auseinandergesetzt. Zu seinen bedeutendsten Buchveröffentlichungen zählen "Die neuen Kriege" (2002), "Der große Krieg" (2013) und zuletzt "Der Dreißigjährige Krieg. Europäische Katastrophe, deutsches Trauma 1618-1648 " (2017). Nun soll es um Theorie und Gewalt gehen: "Das Denken des Krieges, seine modelltheoretische Hegung und die Sprengkraft von Ideen und Innovationen."

Krieg in Grenzen

Nicht jede Gewaltanwendung wird als Krieg bezeichnet und andererseits werden Ereignisse, die viele nicht als Krieg definieren würden, mit eben diesem Titel belegt. "Der ruandische Völkermord kostete rund eine Million Menschen das Leben", so Münkler. "Aber da die Opfer keinen organisierten Widerstand geleistet haben, ist es schwer, das unter Krieg zu rubrizieren, obwohl es die heftigste Gewaltanwendung nach 1945 war." Andererseits rief George Bush nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001 "Wir sind im Krieg", obwohl es sich um ein eher begrenztes Ereignis handelte.

Die Modelle, mit deren Hilfe kriegerische und nicht kriegerische Auseinandersetzungen unterschieden werden, sind Legion. Kategorien wie Angriffs- und Verteidigungskrieg, gerechter oder ungerechter Krieg wurden im Laufe der Geschichte immer wieder bemüht. "Sie sagen etwas darüber aus, was erlaubt und was nicht erlaubt ist." Das trifft auch für diverse völkerrechtliche Theorien zu. Gemeinsam ist diesen Kategorisierungen vor allem eines: Sie sollen dafür sorgen, dass der Krieg eingehegt wird, dass Gewalt nicht entfesselt tobt.

"Dieser Hegung stehen jene gegenüber, die mit Innovationen das Wesen des Krieges aufbrechen." Münkler nennt als Beispiel den deutschen Chemiker Fritz Haber. "Als im August 1914 die Handelssperre gegen Deutschland greift, kommt kein Salpeter mehr ins Land." Das hätte den Ersten Weltkrieg schnell beenden können, denn Deutschland hätte eine Grundsubstanz zur Herstellung von Sprengstoff gefehlt. Doch Haber entwickelt gemeinsam mit Carl Bosch das Haber-Bosch-Verfahren zur Ammoniaksynthese, mit dem dieser Engpass umgangen werden kann. "Auf der einen Seite ist es eine große Entdeckung, für die er den Nobelpreis bekommt, mit Blick auf den Krieg aber ist es eine ambivalente Geschichte."

Sprengkraft der Ideen

Haber treibt auch den Einsatz und die Entwicklung von Giftgas voran. Münkler fasst den Grundgedanken des Chemikers so zusammen: "Wie wäre es, an gewissen Fronten ein Umfeld zu schaffen, in dem das Überleben nicht möglich ist?" Haber sieht darin eine Humanisierung des Krieges, "weil man ja nicht töten, sondern zwingen will, den Frontabschnitt zu verlassen". Tatsächlich ist dies laut Münkler der erste Schritt zum Einsatz von Massenvernichtungswaffen im Krieg. Dieser Weg mündet in der Erfindung der Atombombe, an der ein überzeugter Pazifist namens Albert Einstein teil hatte, da er hoffte, dass im Schatten einer solch übermächtigen Waffe Krieg ein für alle Mal unmöglich würde.

Neben den Innovationen der Wissenschaft sind auch die Ideen der Strategen in der Lage, die Hegung des Krieges zu sprengen: Das 18. Jahrhundert gilt als Ära der unblutigen Kriege. Es ging vor allem darum, den Gegner vom Nachschub abzuschneiden, ihn handlungsunfähig zu machen, die eigentliche Schlacht aber zu meiden. "Alles wunderbar, aber dann kommt die Französische Revolution und mit ihr Napoleon und sie betreiben eine Entfesselung der Bellona."

Der Krieg wird beschleunigt, die Idee der Entscheidungsschlacht taucht auf und es gilt, flüchtende Truppen zu eliminieren. Heere galten zuvor als wertvolle Ansammlung von trainierten Spezialisten, die schwer zu ersetzen und deswegen zu schonen waren. Nun gibt Napoleon eine neue Devise aus: "Soldaten sind dazu da, verbraucht zu werden." Der Preuße Carl von Clausewitz schreibt in der Folge mit seinem berühmten Buch "Vom Kriege" den Standardtext zu dieser neuen Form von Kriegsführung.

Die Hegung des Krieges ist um Symmetrie bemüht. Im Extremfall führt sie zur Symmetrie der atomaren Abschreckung. Sie strebt zudem eine Verringerung der Parteien an – auch dadurch, dass Waffen ungeheuer kostspielig werden. Nicht jeder kann oder darf Krieg führen. Im Kalten Krieg stehen sich am Ende nur noch zwei Machtblöcke gegenüber.

Rückkehr der Warlords

Neue Ideen jedoch stören immer wieder solche Sortierungs- und Ordnungsleistungen: Das geschieht unter anderem mit dem Einsatz von englischen Bogenschützen gegen die französischen Ritter bei der Schlacht von Azincourt im Jahr 1415. Mao Zedong erreicht im vorigen Jahrhundert mit seinem Gedanken vom lange auszuhaltenden Krieg wiederum eine neue Stufe der Asymmetrie. Gegen die Beschleunigung setzt er Entschleunigung. "Er macht Zeit zur Ressource." Partisanen- und Guerilla-Taktiken kommen auf. Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Henry Kissinger fasst die neue Lage so zusammen: "Reguläre verlieren, wenn sie nicht gewinnen, Irreguläre gewinnen, wenn sie nicht verlieren." Die Devise der Irregulären lautet: Einfach weiterkämpfen!

In seinem Buch "Die neuen Kriege" warnt Münkler vor einem alten Phänomen, das derzeit eine Renaissance feiert: "Die Warlords tauchen wieder auf." Relativ kleine Gruppen stehen nicht so sehr einem militärischen Gegner gegenüber, sondern terrorisieren die Bevölkerung. Die dramatische Verbilligung von Waffen macht dies möglich, hinzu kommt eine enge Verbindung mit der internationalen Kriminalität. "Plötzlich sind wieder ganz, ganz viele Akteure da und Krieg ist in einer sehr unordentlichen Form zurückgekehrt auf die Bühne der politischen Ordnung."

Dies ist die schlechte Nachricht am Ende von Münklers Vortrag. "Vielleicht sollten wir solche Formen der unordentlichen Gewalt genauer ins Auge fassen", fordert der Stiftungsprofessor auf, "denn das sind die Kriege, die wirklich geführt werden." Die anderen seien jene, die von zwei Schauspielern inszeniert und beendet würden, "wie wir es dieser Tage wieder erleben konnten".