Neues Team im Umbruch und Aufbruch

23. Juli 2018

Im Mai 2017 vollzog sich beim Gutenberg Lehrkolleg (GLK) ein grundlegender Wechsel: Das Gründerteam ging, die Nachfolgegeneration übernahm das Ruder. Prof. Dr. Andreas Hildebrandt wurde zum neuen Direktor des Kollegs gewählt. Im Interview skizziert er wichtige Aufgaben des Exzellenzkollegs und erklärt, in welchen Bereichen zukünftig neue Schwerpunkte liegen werden. 
 

Mit so viel Arbeit hatte er nicht gerechnet. Der neue Direktorenposten nimmt einen guten Teil seiner Zeit in Anspruch. "Aber der Aufwand lohnt sich", sagt Prof. Dr. Andreas Hildebrandt mit viel Überzeugung. Seit gut einem Jahr leitet der Informatiker das Gutenberg Lehrkolleg (GLK) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). "Mein Terminkalender hat sich seitdem explosionsartig gefüllt", erzählt er. Dann lehnt er sich zurück. Die neue Herausforderung mag zwar stressig sein, aber offensichtlich fühlt er sich wohl damit.

Das Gespräch findet in Hildebrandts Büro am Institut für Informatik statt. Hier lehrt er im Bereich Scientific Computing and Bioinformatics. Die große Tafel hinter ihm ist übersät mit bunten Zahlen und Grafiken. Auf dem Tisch vor ihm wölbt sich ein kleines Gebirge aus Akten und Unterlagen.

Lehre und Forschung gleichberechtigt

"Das Gutenberg Lehrkolleg ist Ausdruck dafür, dass an unserer Universität Forschung und Lehre gleichberechtigt nebeneinander stehen", beginnt Hildebrandt. Im Jahr 2011 gegründet, komplettiert es mit dem Gutenberg Forschungskolleg (GFK) und dem Gutenberg Nachwuchskolleg (GNK) die Mainzer Kollegstruktur. Als strategische Instrumente zur Einbindung exzellenter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in die Hochschulsteuerung sind die Kollegs Kernpunkt der Professionalisierung der gesamtinstitutionellen Steuerung in den zentralen Handlungsfeldern der Universität. "Es geht um die Wertschätzung der Lehre. Jede Professorin und jeder Professor an einer Universität begreift sich zuerst als Forscherin oder Forscher. Dabei ist die Lehre genauso wichtig, auch wenn sie manchmal zu kurz kommt." Wer Karriere machen will, muss Wissenschaft betreiben und an möglichst prominenter Stelle veröffentlichen, heißt es oftmals in den scientific communities. Die Lehre scheint da manchem wie der sprichwörtliche Klotz am Bein.

"Dem steuern wir auf mehreren Ebenen entgegen. So sind etwa in Berufungsverfahren bereits jetzt Probe-Lehrvorträge verpflichtend, für Neuberufene sind hochschuldidaktische Fortbildungen obligatorisch." Die Strukturen des GLK sind dabei ähnlich wie die des GFK. Dort werden zum Beispiel durch Fellowships exzellente Forscherinnen und Forscher unterstützt und gefördert. "Das GLK vergibt Geld für innovative Lehrprojekte. Aber anders als in der Forschung reichen in der Lehrförderung oft schon recht kleine Summen, um viel zu bewirken."

150 geförderte Lehrprojekte

Damit ist Hildebrandt bereits bei einer der grundlegenden Aufgaben des GLK angelangt. "Das GLK hat seit seinem Bestehen an die 150 Lehrprojekte gefördert. Lehrende aller Fachbereiche bekommen so die Möglichkeit, Neues auszuprobieren." Das bringe nicht nur frischen Wind in Seminarräume und Säle. "Es gibt uns auch einen guten Überblick, was alles in diesem Bereich an der JGU passiert." Jedes Projekt wird durch das universitätseigene Zentrum für Qualitätssicherung und -entwicklung (ZQ) evaluiert. "Dadurch haben wir große Datensätze zur Verfügung, die uns viel darüber verraten, was in der Lehre funktioniert und was nicht", zeigt sich der Informatiker begeistert.

Einmal im Jahr veranstaltet das GLK den DIES LEGENDI, der Lehrenden Gelegenheit zum Informations- und Erfahrungsaustausch gibt. Dort wird jeweils auch der Gutenberg Teaching Award vergeben. "Mit diesem Preis zeichnen wir Persönlichkeiten von internationalem Rang aus, die sich um die Lehre verdient gemacht haben. 2016 war das beispielsweise der Physik-Nobelpreisträger Carl Edwin Wieman, der mithilfe naturwissenschaftlicher Methoden untersucht, ob Lehre funktioniert. Im letzten Jahr ging der Gutenberg Teaching Award an die Theologin Musa W. Dube. Sie hat in Afrika das Thema AIDS ins Theologie-Curriculum integriert. Wir wollen solche Leute an unsere Universität binden, uns mit ihnen austauschen und so frische Impulse bekommen. Das funktioniert sehr gut." Der Dirigent Masaaki Suzuki, Preisträger von 2015, war erst kürzlich wieder in Mainz zu Gast.

Hildebrandt lächelt. "Ich kann das alles so groß loben, weil es nicht mein Verdienst ist. All dies wurde vor meiner Zeit in die Wege geleitet." Im Jahr 2017 erlebte das GLK einen Generationswechsel: "Die Mitglieder des GLK werden jeweils für drei Jahre gewählt, eine einmalige Wiederwahl ist möglich. Den Fall hatten wir jetzt. Wir sind im Umbruch und haben viele neue Mitglieder für die Arbeit im GLK gewinnen können."

Strategische Beratung

Mit der Neuaufstellung kamen auch neue Herausforderungen. "Das GLK hat vor allem auch die Aufgabe, die Universitätsleitung und die Fachbereiche in Fragen der Lehre strategisch zu beraten. Besonders die Universitätsleitung wünscht sich Input, weil Herausforderungen auf uns zukommen, die umfassende Auswirkungen haben werden und auf die wir uns vorbereiten müssen." Beispiele sind die Digitalisierung und die Internationalisierung der Lehre.

Debatten über solche Entwicklungen in Gang zu bringen, ist erklärtes Ziel des GLK. "Das ist eine spannende Herausforderung", sagt Hildebrandt. "Wir haben gute Chancen, alle einzubeziehen, weil im GLK alle Fachbereiche vertreten sind. Es gibt andere Gremien, die sich um Lehre kümmern, aber keines ist so zusammengesetzt wie wir. Bei uns kennt jeder das Spannungsfeld zwischen Forschung und Lehre aus eigener Erfahrung, wir sind mit den verschiedenen Fachkulturen vertraut. Das verleiht uns eine besondere Position in diesem Spannungsfeld."

"Beratung ist eine komplexe Sache. Wir fördern innovative Lehrprojekte und vergeben Preise und schauen, wie es um die Lehre an der JGU insgesamt steht. Logischerweise zeigen wir auch Entwicklungspotenziale auf: Können wir mehr Lehrveranstaltungen in englischer Sprache anbieten? Wie können wir E-Learning forcieren? Wir brauchen zu Fragen wie diesen strategische Festlegungen." Das GLK kann in seiner fachlichen Breite und Erfahrung die Perspektivenvielfalt der großen Volluniversität in die Beratung der Hochschulleitung einfließen lassen.

Neue Instrumente entwickeln

"Wir sind gerade dabei, Standardinstrumente zu entwerfen, die uns helfen, unsere Beratung genauer auszugestalten. Wir kümmern uns auch um die Frage, wie wir an die entsprechenden Informationen kommen, um wirklich kompetent Empfehlungen geben zu können. So ein Thema wie Digitalisierung müssen wir sehr konkret angehen. Wie können wir uns ein Bild davon machen, was möglich und was sinnvoll wäre? Holen wir uns dafür Informationen von unserer Universität oder von Externen – oder beides? Die Qualität unserer Expertise wird beeinflussen, ob wir wirklich gehört werden."

Hildebrandt atmet durch. "Wir sind im Umbruch", wiederholt er. "Die jetzige Phase ist sehr arbeitsintensiv. Diese Herausforderung gehen wir mit viel Motivation an", verspricht er zum Abschied.