Zukunft gestalten, Menschen inspirieren

6. August 2018

Seit mehr als 15 Jahren bietet das Zentrum für wissenschaftliche Weiterbildung (ZWW) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) mit "Studieren 50 Plus" ein umfangreiches und vielseitiges Programm für ältere Menschen. Konstanze Werner ist schon lange als Dozentin mit von der Partie. In ihrem Kurs "Fernsehen selbst machen" ist im letzten Semester das Magazin "ZUKUNFTSaspekte" entstanden, hinter dem eine erstaunlich vielseitige und engagierte Gruppe steht.
 

Dies ist eine höchst ungewöhnliche Redaktionssitzung: Auf der festlich gedeckten Tafel locken zwei selbstgebackene Kuchen. Gastgeberin Brigitte Klempt reicht Kaffee und Tee. "Das machen wir nicht immer so", stellt Peter O. Claußen klar. "Wir können auch ernsthaft arbeiten", betont die Medizinerin Ursula Immel. Sie erntet reichlich Zustimmung.

Derweil verteilt Klempt DIN-A4-Kopien. Sie hat sich an einer knappen Selbstdarstellung der "Mediengruppe Werner" versucht. Nun sollen die anderen ihre Anregungen dazu einbringen. "Wer sind wir?", steht in fetter Schrift über dem knappen Text.

Im Sommersemester 2018 haben die acht Seniorinnen und Senioren den Kurs "Fernsehen selbst machen" besucht, ein Angebot aus dem umfangreichen Programm "Studieren 50 Plus" des Zentrums für wissenschaftliche Weiterbildung der JGU. Hier stellten sie sich der Aufgabe, ein eigenes Video-Magazin zu produzieren.

Medien in Theorie und Praxis

Entstanden ist die knapp 16-minütige Sendung "ZUKUNFTSaspekte" mit einer bunten Reihe an Beiträgen: Studierende geben in einer Umfrage Auskunft über ihre Zukunftspläne, KFZ-Meister Holger Braun erzählt, wie er in Dexheim einen eingesessenen Betrieb übernahm, um so in die Selbstständigkeit zu starten. Karl Diehl, einer der Kursteilnehmer, äußert in einem Interview Sorge um die bedrohte Insektenwelt und Hans-Dieter Straßenburg kommt zu Wort, der als Ruheständler Medienkurse für die ältere Generation veranstaltet.

All das entstand zwar nicht unter der Regie, die übernahm der ehemalige Marketing- und Public-Relations-Fachmann Claußen, aber doch mit der tatkräftigen Unterstützung von Konstanze Werner. Die Diplom-Volkswirtin leitet bereits seit vielen Semestern Kurse im Rahmen von "Studieren 50 Plus". Einst studierte sie selbst Ökonomie und Publizistik an der JGU, danach war sie als Zeitungsredakteurin, Radioreporterin und Fernsehjournalistin unter anderem für ZDF, ARD und SWR tätig. Für ihre Seminare an der JGU denkt sie sich ständig neue Themen rund um die Medien aus.

"Über die Jahre hat sich ein fester Kern von Teilnehmerinnen und Teilnehmern gebildet", erzählt Werner. "Neue Gesichter sind aber natürlich immer willkommen!" In ihren Kursen entstanden unter anderem die Seniorenzeitung "Runter vom Sofa!" und der Film "Winterblüher". "Im Sommer widmen wir uns eher praktischen Themen, im Winter wird es dann theoretischer." Im kommenden Semester etwa will sich die Gruppe mit der Zukunft der Medien beschäftigen und dazu den Verlagsleiter der Allgemeinen Zeitung Mainz und den Chefredakteur von RPR1 befragen.

"Ich gehe mit den Medien sehr viel kritischer um, seit ich die Kurse besuche", erzählt Diehl. "Ich kann viel besser beurteilen, was gut und was schlecht, was seriös oder unseriös ist. Aber ich habe auch mehr Respekt vor der Arbeit der Journalistinnen und Journalisten. Schließlich weiß ich nun, was alles dahintersteckt."

Austausch und Achtsamkeit

Die Medizinerin Irena Chylarecki gehörte im vorigen Semester wie Claußen zu den erwähnten neuen Gesichtern in der Mediengruppe. Sie ist ein sehr lebendiges Beispiel dafür, dass der Begriff Senioren auf die "Studieren 50 Plus"-Klientel allenfalls im weitesten Sinn zutrifft. "Ich habe sehnsüchtig gewartet, dass ich endlich das Alter erreiche, um an den Kursen teilzunehmen", meint sie mit einem Lächeln. "Hier ist lebenslanges Lernen keine Worthülse, hier wird es praktiziert."

Chylarecki suchte nach Seminaren, in denen sie aktiv sein kann, in denen nicht nach einem Vortrag einfach Schluss ist. "Genau das habe ich hier gefunden." Für "ZUKUNFTSaspekte" standen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer hinter und vor der Kamera, sie texteten und moderierten, kümmerten sich um Technik und Maske. "Es kam vor, dass wir fünf, sechs Stunden hoch konzentriert gearbeitet haben." Selbst in der vorlesungsfreien Zeit gönnen sie sich keine Pause und treffen sich zu ihren Redaktionssitzungen ausnahmsweise jenseits des Campus.

"Wir alle haben noch diese alten Vorstellungen von Universität", erklärt Werner. "Das hatte viel mit Gemeinschaft zu tun. Ich sage immer im Scherz: Das Wichtigste an der Veranstaltung sind die Pausen. Wir suchen alle den Austausch." Tatsächlich macht dieser Austausch die Gruppe stark. Niemand spielt sich in den Vordergrund, jeder bekommt Luft zum Atmen und Gelegenheit zur Äußerung. "Wir können unsere Schwächen zulassen und unsere Stärken einbringen", sagt Petra Lustenberger. "Wir sind auch sehr offen für Neues, besonders für neue Leute." – "Die integrieren wir schnell, das ist einfach", ergänzt Diehl.

So kommen Menschen mit verschiedensten Bildungs- und Berufshintergründen zusammen: Lustenberger war als Selbstständige in einem Bauunternehmen tätig, Diehl als Vertriebsleiter in einem großen Genussmittelkonzern. Die studierte Physikerin Klempt arbeitete im Wissenschaftsministerium und "ZUKUNFTSaspekte"-Kameramann Rainer Pfeffer war als Ingenieur gefragt. Diese Vielfalt weitet den Horizont, auch wenn sie selten explizit zum Thema wird.

Sendeplatz bei OK:TV Mainz

Ein zentraler Punkt vereint dabei die Gruppe: "Wir alle haben diese positive Grundeinstellung, dass wir noch eine Zukunft vor uns sehen", betont Lustenberger. Ursula Immel fährt fort: "Das Jetzt hat für uns eine andere Bedeutung als noch vor 20 Jahren. Es erscheint uns wertvoller und wir wollen noch viel erleben." Diese Sicht floss auch ins "ZUKUNFTSaspekte"-Magazin ein. Hier schauen die Seniorinnen und Senioren nicht nostalgisch in die Vergangenheit, sondern sie blicken nach vorn – und das mit dem festen Willen, aktiv mitzugestalten.

"Wir haben nicht das Ziel, irgendjemanden zu verändern oder zu beeinflussen", meint Immel. "Wir haben auch keine bestimmte Botschaft. Aber vielleicht regt unser Beispiel die Menschen an, ebenfalls aktiv zu werden."

Wer solch eine Anregung sucht, kann das Magazin "ZUKUNFTSaspekte" auf YouTube oder im offenen Kanal OK:TV Mainz schauen. Außerdem wird sich die Gruppe demnächst auf einer eigenen Website präsentieren. Um das in die Wege zu leiten, sind die Seniorinnen und Senioren eigentlich zu dieser Redaktionssitzung jenseits des Semesters zusammengekommen. Darüber werden sie gleich reden, wenn die Kuchen ausreichend gewürdigt sind.