Gesund studieren in Mainz

17. August 2018

2,8 Millionen Menschen studieren in Deutschland. 15 bis 20 Prozent davon haben psychische Probleme und auch sonst steht es um die Gesundheit nicht immer zum Besten: Leistungsstress, schlechte Ernährung, fehlende Bewegung oder übermäßiger Medienkonsum sind Faktoren, die Studierenden das Leben schwer machen. Das bundesweit einmalige Projekt "Gesund studieren in Mainz" soll gegensteuern. Erstmals baut eine deutsche Universität ein ganzheitliches Gesundheitsmanagement auf. Die BARMER unterstützt im Zuge des Präventionsgesetzes das Vorhaben mit rund 1,5 Millionen Euro.
 

Sicherlich haben deutsche Hochschulen schon länger die Gesundheit ihrer Studierenden im Blick. "Es gibt bundesweit einzelne Ansätze", so Prof. Dr. Stephan Letzel von der Universitätsmedizin Mainz. "Aber nichts ist wirklich strategisch ausgerichtet und es gibt bislang keine wissenschaftliche Begleitung derartiger Angebote."

Dies soll sich mit dem Modellprojekt "Gesund studieren in Mainz" grundlegend ändern. Seit Jahren schon trommelt der Direktor des Instituts für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universitätsmedizin Mainz mit viel Engagement für ein solch umfassendes Vorhaben. Nun wird es auf den Weg gebracht.

JGU als Vorreiter und Leuchtturm

Die Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) und die Universitätsmedizin Mainz werden ein ganzheitliches Gesundheitsmanagement aufbauen, das ihren insgesamt 32.000 Studierenden zugutekommen soll. "Dies ist wirklich ein bundesweit einmaliges Projekt", betont die rheinland-pfälzische Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler, die "Gesund studieren in Mainz" als Schirmherrin begleitet. "Wir werden Vorreiter sein mit dem Ziel, ein echtes Leuchtturmprojekt zu installieren."

Um das ambitionierte Vorhaben zu realisieren, haben Letzel und Co. viele Partner mit ins Boot geholt, allen voran die BARMER. "Wir unterstützen es schon seit Jahren, wenn Betriebe ein Gesundheitsmanagement einführen wollen", erklärt die BARMER-Landesgeschäftsführerin für Rheinland-Pfalz/Saarland, Dunja Kleis. Nun ist erstmals eine Universität am Start. Diese Premiere möchte die Krankenkasse sachkundig begleiten und intensiv fördern. Über einen Zeitraum von fünf Jahren stellt die BARMER für das Vorhaben gemäß Präventionsgesetz 1.518.000 Euro zur Verfügung.

"Wir unterstützen das Projekt, weil wir glauben, dass es dringend notwendig ist", betont Kleis. Sie hebt ein Detail als Beleg hervor: "Studienanfängerinnen und -anfänger gehen nur halb so oft wie Nichtstudierende wegen psychischer Probleme in Behandlung. Aber das dreht sich im Laufe der Zeit. Bei den 28- und 29-jährigen Studierenden sehen wir eine deutlich höhere Quote an psychischen Erkrankungen als bei den Nichtstudierenden." Sie liege bei 17 bis 20 Prozent.

Ganzheitliches Gesundheitsmanagement

Gesundheitsmanagement müsse umfassend sein, es dürfe sich nicht in Einzelmaßnahmen wie der Einführung eines Gymnastikkurses oder der Anschaffung ergonomischer Tastaturen erschöpfen, meint Kleis. "Es geht weit darüber hinaus." Einerseits sollen die Arbeits- und Studienbedingungen so verändert werden, dass sie gesundheitsfördernd wirken, andererseits soll jede und jeder Einzelne befähigt werden, sich gesundheitsfördernd zu verhalten.

Letzel stimmt dem uneingeschränkt zu. Auch deswegen ist das Projekt "Gesund studieren in Mainz" gleich von Beginn an breit aufgestellt. Die Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz, der Forschungsschwerpunkt Medienkonvergenz, das Institut für Sportwissenschaft sowie das Institut für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie der JGU bringen ihre Expertisen mit ein. Letzel und sein Kollege Dr. Pavel Dietz vom Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin übernehmen die wissenschaftliche Leitung und die Koordination.

"Wir wollen mit unserem Projekt niemandem etwas von oben aufdrücken", erklärt Letzel. Im ersten Jahr wird sich eine interdisziplinäre Forschergruppe bilden, die Studierende ausführlich befragt. Dabei werden Medienkonsum, Ernährung, Bewegung und Psyche sicher eine Rolle spielen, doch auch andere, überraschende Faktoren können durchaus hinzukommen. "Deswegen wissen wir noch nicht genau, was wir später an Maßnahmen in die Wege leiten werden. Das soll sich an den Ergebnissen der Befragungen orientieren."

Wissenschaftliche Begleitung und Evaluation

Letzel weist darauf hin, dass es bereits eine ganze Reihe von Angeboten zur Gesundheitsförderung an der JGU gibt. "Diese müssen wir besser vernetzen." Auch das sei eine Aufgabe von "Gesund studieren in Mainz". "Wir wollen Dinge ganz praktisch umsetzen. Wir werden zum Beispiel sicher mit den Verantwortlichen des Studierendenwerks und der Mensa über Ernährung sprechen. Wir werden auch schauen, was konkret für welchen Studiengang passt. Da sind die Bedürfnisse jedes Mal anders, darauf müssen und wollen wir eingehen." Dies könne bis zur Empfehlung gehen, Studiengänge zu modifizieren. "Wo sich der Stress besonders konzentriert, sollten wir die Abläufe entzerren."

"Wir müssen unser Programm dann natürlich auch an die bringen, für die wir es machen", ergänzt Prof. Dr. Birgit Stark, Sprecherin des Forschungsschwerpunkts Medienkonvergenz an der JGU und Direktorin des Mainzer Medieninstituts. "Wie erreichen wir Studierende? Über Social Media, über Facebook, Instagram, YouTube? Gesundheitskommunikation ist ein wichtiger Bereich des Projekts." Medienkonsum komme andererseits als ein Faktor ins Spiel, der die Gesundheit beeinträchtigen könne.

Was auch immer im Zuge von "Gesund studieren in Mainz" passiert, immer soll es eine wissenschaftliche Begleitung und eine Evaluation geben. "Wir wollen unsere Ergebnisse so vorweisen, dass sie sich auf andere Hochschulen übertragen lassen", betont Letzel. "Nachahmer sind ausdrücklich erwünscht!"

Große gesellschaftliche Relevanz

"Die gesamte Gesellschaft werden wir sicher nicht verändern, da müssen wir realistisch bleiben", ergänzt Prof. Dr. Dr. Perikles Simon vom Institut für Sportwissenschaft der JGU mit Blick auf die fünfjährige Projektlaufzeit. "Aber wir können Studierende in die Lage versetzen, mit den bestehenden Bedingungen besser umzugehen."

"Mit 'Gesund studieren in Mainz' startet ein bundesweit einmaliges Präventivprogramm großer gesellschaftlicher Relevanz", bekräftigt auch Prof. Dr. Ulrich Förstermann, Wissenschaftlicher Vorstand der Universitätsmedizin Mainz. In diesem Projekt fließen medizinische und wissenschaftliche Expertise zusammen – zum Wohle junger Menschen, die dieses Wissen natürlich langfristig auch in ihr Familien- und Berufsleben weitertragen.