Studieren ohne Abitur

12. November 2018

Exakt an seinem 26. Geburtstag saß Franco Varveri endlich in seiner ersten Vorlesung. Davor hatte er sich allzu oft anhören müssen, dass es ohne Abitur wohl kaum eine Chance auf einen Studienplatz gäbe. Doch die Universitätsmedizin Mainz öffnete ihre Tore für ihn. Mittlerweile steht Varveri kurz vor dem Abschluss.
 

Im Moment gibt es viel zu lernen. Seine dritte ärztliche Prüfung ist in greifbare Nähe gerückt, und der 33-Jährige ist etwas nervös. Doch wenn es darum geht, von seinem besonderen Weg zum Studium zu erzählen, dann nimmt er sich auch in solch einer stressigen Situation Zeit. "Das hat mir damals sehr gefehlt", sagt Franco Varveri, "dass mir jemand aus einem höheren Semester sagt: Du kannst das schaffen, ich habe das auch geschafft! Du brauchst keine Angst zu haben! Wenn ich jetzt helfen kann, Menschen zu ermutigen, einen ähnlichen Schritt zu gehen, dann tue ich das gern."

Varveri wollte Berufsfeuerwehrmann werden. Das klingt erst mal wie ein Traum aus der Kindheit, doch ihm war es ernst. Nach der mittleren Reife machte er sich daran, diesen Traum zu verwirklichen. "Ich wusste, dass ich eine Berufsausbildung vorweisen musste." Also schaute er sich um und entschied sich für eine Ausbildung zum Medizinischen Fachangestellten. "Ich merkte dann schnell, dass dieser Beruf nicht einfach eine Station für mich sein würde. Ich hatte ungeheuer viel Freude an meiner Arbeit."

Langer Weg zum Studium

Er lernte in einer Frankfurter Praxis für Allgemein- und Suchtmedizin. Dort fühlte er sich wohl, seine Aufgaben füllten ihn aus. "Ich werde nie vergessen, wie mein Chef dann eines Tages zu mir kam und meinte: 'Sie werden mal Medizin studieren.' Das war für mich zu dem Zeitpunkt unvorstellbar. Ich habe auch keine Ahnung, ob er wirklich wusste, dass so etwas ohne Abitur machbar ist. Mir jedenfalls schien so ein Gedanke in weiter Ferne."

Varveri gelang ein sehr guter Abschluss. Er entschloss sich zu einer berufsbegleitenden Weiterbildung zum Fachwirt für ambulante medizinische Versorgung. Das würde ihm ermöglichen, auf einer höheren Ebene zu arbeiten. "Für mich war damit eine Eigenschaft verbunden, die mir wichtig ist: gut führen zu können. Zu der Zeit war ich bereits in der freiwilligen Feuerwehr zum Gruppenführer aufgestiegen. Auch dort waren Führungsqualitäten gefragt."

Zuvor schon begann er sich umzuhören: Wäre es vielleicht doch möglich, Medizin zu studieren? "Weder bei der Arbeitsagentur noch bei den Studienberatungsstellen machte man mir Hoffnung. Viele fragten mich, wie ich überhaupt auf so eine Idee komme." Varveri ließ nicht locker. Anderthalb Jahre lang fragte er immer wieder erfolglos nach, bis er endlich bei der Universitätsmedizin Mainz landete. "Dort konnte ich mit einer Mitarbeiterin sprechen, die sich speziell um Fälle wie mich kümmert: um Leute ohne Abi, aber mit Berufserfahrung, die Medizin studieren wollen. Ich sagte mir: 'Okay, wenn es sogar eine spezielle Ansprechpartnerin gibt, dann werde ich endlich ernst genommen.'"

Vorurteile gegenüber Quereinsteigern

Tatsächlich hatte das Land Rheinland-Pfalz bereits in den 1990er-Jahren begonnen, seine Hochschulen für Studierende ohne schulische Hochschulberechtigung zu öffnen. Es nahm damit bundesweit eine Vorreiterrolle ein. 2010 wurde der Hochschulzugang für diese Personengruppe nochmals vereinfacht und erweitert. Zu diesem Zeitpunkt gab es gut 900 Studierende ohne Abitur im Land, sechs Jahre später hatte sich die Zahl beinahe verdreifacht. Im Bereich der Medizin waren hier Heidelberg und Mainz besonders aktiv.

Zum Wintersemester 2011/2012 war es dann soweit: Varveri konnte endlich studieren. "Natürlich begegnete ich Vorurteilen. Ein Kommilitone meinte zu mir: 'Sind wir jetzt bald so weit, dass sogar Hauptschüler studieren.'" Doch solche Äußerungen blieben die Ausnahme. Varveri erhielt eher Unterstützung – auch von staatlicher Seite: Die Stiftung Begabtenförderung berufliche Bildung (sbb), ein Programm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, bewilligte ihm ein Aufstiegsstipendium für Berufserfahrene.

"Ich wollte aber nicht, dass auf mich Rücksicht genommen wird", betont Varveri. "Ich wollte genau dieselbe Leistung bringen wie andere Studierende." So war es auch: Es gab keine mildernden Umstände. "Ich musste mir zum Beispiel das fehlende Abi-Wissen selbst heranschaffen. Das war hart. Ich lief mit Schulbüchern herum. Da gab es schon ab und zu Spott. Aber ich wusste ja, wofür ich es tue."

Der 33-Jährige erinnert sich an eine Anfrage der Universitätsmedizin: "Es gab ein eigenes Gespräch mit uns Studierenden ohne Abi. Sie wollten wissen, was wir uns in unserer Situation als Unterstützung wünschen würden." Dabei kristallisierte sich heraus, dass ein Mentoring und Kurse zum Nachholen des fehlenden Schulstoffs sinnvoll wären. "Beides wurde mittlerweile eingerichtet."

Anerkennung im Praktischen Jahr

Varveri lebte sich ein, und er lieferte rundum überdurchschnittliche Noten ab. "Ich musste keine einzige Prüfung wiederholen. Trotzdem war ich oft sehr nervös. Meine Freunde meinten, ich stresse mich zu sehr."

Das große Plus für ihn: Er brachte Berufserfahrung mit. Er konnte einen Verband anlegen oder Blut abnehmen, er kannte viele Abläufe und hatte bereits mit Patienten zu tun. "Ich bin mit meiner Ausbildung gereift. Ich denke, für mich wäre es zu früh gewesen, gleich nach der Schule zu studieren. Überhaupt habe ich bis heute einen Riesenrespekt vor Ausbildungsberufen. Es ist großartig, was diese Menschen da leisten."

Das praktische Jahr brachte ihm weitere wichtige Erfahrungen. "Es heißt ja immer, dort muss man für wenig Geld viel arbeiten und bekommt wenig Anerkennung. Bei mir war das anders. Ich konnte mit den Chefärzten auf Augenhöhe reden, ich hatte meine eigenen Patienten, durfte Therapievorschläge machen und sie diskutieren. Es war eine sehr kollegiale Atmosphäre." Das erlebte Varveri sowohl in der Rheinhessen-Fachklinik Alzey als auch in der Hunsrück-Klinik Simmern.

Mancher Patient wunderte sich, wie perfekt dieser junge Mediziner Blut abnahm. Darauf angesprochen, erzählte er von seiner ungewöhnlichen Laufbahn. "Da gab es gar keine Vorbehalte. Die meisten waren schon überrascht, fanden es aber total toll."

Dissertation und Staatsexamen

In den vergangenen Monaten trieb Varveri seine Dissertation voran. "Ich untersuche die Auswirkung von E-Zigaretten auf die Gefäßfunktion." Dafür bekam er bereits den Preis der Robert Müller-Stiftung der JGU. Nun steht diese letzte Prüfung an, das dritte Staatsexamen, dann gehört er zu den Halbgöttern in Weiß – oder?

Varveri verzieht das Gesicht. Diese Formulierung mag er gar nicht. "Menschen lassen mich Untersuchungen vornehmen, die unangenehm sind. Sie erzählen mir Geheimnisse, die sie selbst ihren Freunden verschweigen. Ich muss sie mit Respekt behandeln, denn sie schenken mir ein ungeheures Vertrauen." Varveris Haltung gegenüber dem Klinikpersonal ist von seinem Werdegang geprägt: "Durch meine Ausbildung weiß ich, was zum Beispiel Pflegerinnen und Pfleger alles leisten, aber auch, wo ihre Grenzen sind. Davor habe ich ebenfalls Respekt."

Varveri wird wohl das praktizieren, was er in seinem praktischen Jahr erlebte: Medizin auf Augenhöhe. Das ist seine Leidenschaft.