Mehrfacher Weltmeister studiert an der JGU

3. Dezember 2018

Niklas Kaul ist U18-Weltmeister, U20-Weltmeister und U20-Europameister im Zehnkampf. Im Sommer erreichte er bei der Europameisterschaft in Berlin den vierten Platz. Zugleich studiert der 20-Jährige Physik und Sport auf Lehramt an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Kaul erzählt, wie er all das unter einen Hut bringt. "Tatsächlich funktioniert es überraschend gut", sagt er.
 

Seine Erinnerungen an die Europameisterschaften im Sommer 2018 sind noch sehr frisch. "Das war eine Wahnsinnsatmosphäre", erzählt Niklas Kaul. "48.000 Menschen standen auf und jubelten, als wir ins Olympiastadion geführt wurden. Dabei hatten wir noch gar nichts gemacht. Aber immer, wenn die Zuschauer ein deutsches Trikot sahen, wurde es richtig laut." Die Zehnkämpfer wurden noch mal besonders herzlich begrüßt – unter ihnen der 20-Jährige aus dem rheinhessischen Saulheim. "Das sind die Momente, für die wir leben", meint Kaul.

Ursprünglich hatte er gar nicht damit gerechnet, dass er dabei sein würde. Er war lediglich als Nachrücker nominiert, doch dann musste Kai Kazmirek wegen einer leichten Verletzung absagen, und Kaul durfte doch noch nach Berlin. "So eine Heim-EM erlebt man meist nur einmal in einer Sportlerkarriere. Es war einfach super schön."

Volle Leistung in Studium und Sport

Nicht nur das: Kaul war auch außerordentlich erfolgreich. Er verpasste mit 8.220 Punkten knapp die Bronzemedaille. "Direkt danach war ich gar nicht so glücklich. Es war so knapp. Aber ich hatte einfach nicht mit meiner Teilnahme gerechnet. Ich erfuhr erst eine Woche vorher davon, und konnte mich nicht mehr optimal vorbereiten." Tatsächlich war die Leistung großartig, schließlich startete er zum ersten Mal bei einem großen Wettkampf in der Männerklasse. "Am Ende habe ich mich doch riesig gefreut", sagt Kaul.

2016 begann Kaul sein Lehramtsstudium an der JGU. Er schrieb sich für Physik ein, später kam Sport als Fach hinzu. Es war das Jahr, in dem Kaul bei den U20-Weltmeisterschaften in Polen die Goldmedaille holte und mit 8.162 Punkten gleich noch einen Weltrekord aufstellte. Es war auch das Jahr, in dem die JGU in den Kreis der Partnerhochschulen des Spitzensports aufgenommen wurde. Studierende sollten nun noch besser darin unterstützt werden, Sport und Studium miteinander zu vereinbaren.

"Ich weiß nicht, wie es vorher war", räumt Kaul ein, "aber bei mir gibt es überhaupt keine Probleme. Ich hatte es mir am Anfang schwieriger vorgestellt, deswegen war ich sehr positiv überrascht, als alles gleich zu Beginn so reibungslos klappte." Das Verständnis sei groß, sagt er: "Wenn ich ins Trainingslager fahre oder zu einem Wettbewerb, gilt das natürlich als Fehlzeit. Aber ich kann alles nachholen, und es gibt eine Sonderregelung für mich, dass ich Prüfungen nachmachen darf." Zugleich betont Kaul: "Natürlich muss ich dieselben Leistungen erbringen wie jeder andere Studierende. Ich will auch gar nicht, dass es anders ist. Das wäre unfair."

Mit der Region verbunden

Kaul ist in Mainz geboren, in Saulheim wuchs er auf, beim TuS Saulheim feierte er erste sportliche Erfolge, und sein Abitur machte er in Nieder-Olm. "Durch den Sport bin ich so viel unterwegs, dass ich mir gesagt habe: Ich muss nicht weg aus der Region. Ich lerne die Welt auch so kennen. Außerdem ist die Gegend hier sehr schön, und ich wollte nie in einer größeren Stadt leben. Ich bin in 20 Minuten in Mainz, in 30 in Frankfurt. Das reicht." Auch die JGU war für ihn als Studienort die ideale Wahl: "Die Sportanlagen sind gleich nebenan. So günstige Bedingungen gibt es sonst nur noch in Saarbrücken oder in Köln."

In seiner Schulzeit spielte Kaul viel Handball, aber auch in der Leichtathletik war er sehr aktiv: "Wenn man damit anfängt, macht man erst mal alles – und mir machte alles Spaß. Als dann mit 13 die ersten Deutschen Meisterschaften anstanden, wusste ich nicht, für welche Disziplin ich mich aufstellen lassen soll." Also entschied er sich für möglichst viele und trat im Neunkampf an.

"Ich bin dann immer dabei geblieben", meint er lakonisch. Etwas ausführlicher heißt das: 2015 wurde er U18-Weltmeister, im Jahr darauf U20-Weltmeister und 2017 U20-Europameister. Mehrmals brach er Weltrekorde und wurde sowohl zum "Junior-Sportler des Jahres" als auch zum "Junior-Leichtathlet des Jahres" gekürt.

Beim USC Mainz arbeitete er sich weit hinauf in die Spitzengruppe der Zehnkämpfer. "Deutschland ist sehr aktiv auf dem Gebiet: Wir stellen fünf der 20 weltbesten Zehnkämpfer. Das Niveau ist sehr hoch und das Feld sehr dicht. Das macht es interessant. Es ist nicht wie im Fußball, wo Bayern München immer wieder Meister wird."

Gemeinsam durch Höhen und Tiefen

Zehnkampf ist für ihn nicht irgendein Sport, sondern eine außergewöhnliche Erfahrung. Die Atmosphäre bei den Wettkämpfen sei immer eine besondere: "Wir gehen zwei Tage gemeinsam durch alle Höhen und Tiefen. Dabei sehen wir uns nicht als Konkurrenten, sondern eher als Freunde. Wir helfen uns gegenseitig, damit wir das alles überhaupt durchstehen. Am Ende liegen wir nach dem 1.500-Meter-Lauf kaputt da."

Trainiert wird Kaul von seinen Eltern, die sich beide als erfolgreiche Leichtathleten einen Namen machten. Er sieht das als großen Vorteil. "Ein professioneller Trainer würde mir vielleicht sagen: 'Du darfst im Moment nichts anderes machen als Sport.' Er verdient schließlich sein Geld damit. Aber meine Eltern haben immer Wert darauf gelegt, dass ich eine Ausbildung absolviere oder studiere."

18 Wochenstunden stehen auf Kauls Studienplan, das ist etwas weniger als üblich. "Ich habe mir gesagt, wenn ich ein Seminar oder eine Übung belege, will ich nicht an einem Schein herumkrebsen. Was ich mache, mache ich richtig." Daneben trainiert er neun Einheiten zu je zwei bis zweieinhalb Stunden. "Das Schöne ist, dass wir uns das im Zehnkampf relativ frei einteilen können." Unterm Strich kommt so mindestens eine 40-Stunden-Woche zustande, die Nachbereitung diverser Lehrveranstaltungen noch nicht eingerechnet.

Studium übers Hobby finanziert

"Da wäre es unmöglich, nebenher auch noch zu jobben", sagt Kaul. "Deswegen bin ich froh, dass ich Sponsoren habe, dass ich von der Deutschen Sporthilfe und über ein Deutsche-Bank-Stipendium unterstützt werde. Sicher reicht es im Zehnkampf nie zum Millionär, aber im Moment kann ich mein Studium mit dem Sport, also quasi mit meinem Hobby, finanzieren. Das ist doch großartig, oder?"

Als Zehnkämpfer hat Kaul mit 20 Jahren noch lange nicht seinen Zenit erreicht. "Ich kann immer noch was draufpacken", sagt er selbstbewusst. Natürlich möchte er an der Leichtathletik-WM 2019 in Doha teilnehmen – und vor allem an den Olympischen Spielen 2020 in Tokio. "Jeder Sportler träumt davon" meint er, "aber wir haben viele gute Zehnkämpfer, und das Thema Verletzung steht immer im Raum." Es bleibt also spannend die nächsten Jahre.