Südafrikanische Austauschstudentin forscht zu Underground Hip-Hop

7. Dezember 2018

Sikelelwa Anita Mashiyi ist die erste Austauschstudentin, die von der University of the Western Cape an die Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) gekommen ist. Hier recherchiert die Masterstudentin im Archiv für die Musik Afrikas zum Underground Hip-Hop südafrikanischer Townships. Diesem Besuch sollen weitere folgen: Das Institut für Ethnologie und Afrikastudien will die Partnerschaft mit drei afrikanischen Hochschulen intensivieren und ein Netzwerk für Forschung und Lehre aufbauen.
 

Sie forscht zu Underground Hip-Hop in Südafrika – genauer: zu Spaza Hip-Hop. Das muss Sikelelwa Anita Mashiyi erst einmal buchstabieren, bevor sie fortfährt, denn davon hat in Europa kaum jemand je gehört. Die Studentin von der University of the Western Cape allerdings ist gewissermaßen damit aufgewachsen: Sie wurde in einem der Townships von Kapstadt geboren, dort also, wo Spaza Hip-Hop in den 1980er-Jahren entstand.

"Spaza ist eine sehr männlich geprägte Angelegenheit", sagt Mashiyi. "Frauen, die sich in dieser Sphäre bewegen, werden meist nicht für voll genommen oder als Groupies abgetan. Künstlerinnen gibt es nur wenige." Sie versuchte, einige von ihnen zu treffen, um auch von deren Sicht auf die Szene zu erfahren. "Es war schwer, Kontakt aufzunehmen ."

Kooperation mit Ruanda, Namibia und Südafrika

Dafür ist es umso leichter, mit Mashiyi in Kontakt zu treten. Sie berichtet gern von ihrer bald abgeschlossenen Masterarbeit, von den Verhältnissen in den Townships und am Kap, von ihren Leuten, den Xhosa, und isiXhosa, ihrer Muttersprache. Die Ethnologie-Studentin erzählt ungeheuer mitreißend und lebendig. Dabei hält es sie nicht immer auf dem Stuhl. Wenn es passt, demonstriert sie gern mal ein paar Tanzschritte oder stimmt kurz eine Melodie an.

Mashiyi ist für einen Monat zu Gast auf dem Gutenberg-Campus, um im Archiv für die Musik Afrikas (AMA) zu recherchieren. "Seit Beginn dieses Jahres unterhält die JGU eine Partnerschaft mit der University of the Western Cape", erläutert Dr. Anna-Maria Brandstetter vom Institut für Ethnologie und Afrikastudien. "Es soll in Zukunft einen lebendigen studentischen Austausch geben. Mashiyi ist die Erste, die davon profitiert."

Die frisch geschaffene Partnerschaft ist eingebettet in eine umfassendere Kooperation, die auch die University of Rwanda (UR) und die University of Namibia (UNAM) einschließt. "Mit Ruanda gibt es bereits seit 1985 eine Zusammenarbeit", berichtet Brandstetter. Nun gehen die vier Universitäten gemeinsam einen Schritt weiter: Die JGU hat beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) einen Förderantrag für das Projekt "Studium und Lehre der Ethnologie in Namibia, Ruanda, Südafrika und Deutschland: Entwicklung von Netzwerken und Curricula" gestellt.

Eigenständige afrikanische Ethnologie

"Es geht uns vor allem um eine Süd-Süd-Vernetzung", sagt Brandstetter, die gemeinsam mit Yamara Wessling die Partnerschaften betreut. Die Kontakte der afrikanischen Länder untereinander sollen gestärkt werden, eigene, auf deren Bedürfnisse abgestimmte Curricula entstehen. "Es hätte wenig Sinn, wenn wir von Deutschland aus etwas vorgeben würden", meint Wessling. "Im Gegenteil, es geht darum, die Curricula zu dekolonisieren. Wir bieten unsere Unterstützung an, damit sich eine eigenständige afrikanische Ethnologie weiter ausformen kann."

Ende September 2018 reiste die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer in Begleitung von JGU-Präsident Prof. Dr. Georg Krausch und Vertretern der Universität nach Ruanda, um die engen Verbindungen zum Partnerland zu bekräftigen. Brandstetter und Wessling waren mit von der Partie. "Beiden liegt viel an unserem Vorhaben", freut sich Brandstetter. Auch sonst findet die Kooperation Unterstützung – besonders an der JGU: "Als wir dem Leiter unserer Abteilung Internationales davon erzählten, hat er uns direkt beim ersten Austausch mit Südafrika unterstützt." So kam Mashiyi nach Mainz.

Das Archiv für die Musik Afrikas gilt als eines der größten und umfassendsten seiner Art. Forscherinnen und Forscher aus aller Welt kommen nach Mainz, um hier Material für ihre Arbeiten aufzutun. Zu Spaza Hip-Hop hat selbst eine Institution wie das AMA wenig zu bieten, doch Mashiyi forscht nach den Hintergründen: "Ich will herausfinden, inwieweit die Hip-Hopper ältere Xhosa-Musik nutzen, welche Melodien vielleicht einfließen."

Spaza Hip-Hop der Townships

Spaza Hip-Hop ist eine relativ junge Bewegung. Sie entstand in den Jahrzehnten, als die Apartheid besonders brutal und blutig durchgesetzt wurde. Die Künstler beklagten die Missstände auf isiXhosa, sie rappten an Straßenecken und in Hinterhöfen. Ihre Musik war untrennbar mit den Townships verbunden. Sie wirkte originär und neu zugleich.

"Ich denke, dass Spaza Hip-Hopper mehr oder weniger unbewusst auch aus einem Repertoire traditionellerer Xhosa-Musik schöpfen. Sie sind wie ich groß geworden mit vielen Melodien." Im AMA hat Mashiyi Aufzeichnungen von Stücken gefunden, die in ihrer Heimat schon verloren gegangen sind. "Ich musste nach Mainz fahren, um sie noch mal hören zu können."

"Solche Aussagen bestärken uns, die laufende Digitalisierung des AMA weiter voranzutreiben", ergänzt Brandstetter. "Wir möchten das Material für alle frei zugänglich machen, sofern es die urheberrechtlichen Regelungen zulassen. Das ist unser großes Ziel."

Text, Musik, Performance

Mashiyi wäre glücklich, wenn auch der Spaza Hip-Hop umfassend aufgezeichnet würde. "Es reicht nicht, sich mit den Texten zu beschäftigen, um ihn zu verstehen. Ich muss die Musik und die Performance erleben." Vieles aus der kurzen Geschichte des Spaza sei bereits verloren. Tonträger sind rar auf diesem Gebiet – und Spaza verändert sich: "Er verliert seine Authentizität, internationale Einflüsse machen sich breit. Früher wollten die Künstler den Menschen in den Townships etwas geben, heute sehen sich manche als Stars, die etwas von ihren Fans bekommen wollen."

In ihrer Masterarbeit wird Mashiyi unter anderem untersuchen, wie Spaza Hip-Hop die Musik der Region bereichert, was er zu Themen wie Ethnizität, Gender oder Tradition zu sagen hat. Künstler, aber auch Produzenten, Agenten und das Publikum sollen zu Wort kommen. Sie hat viel vor in Südafrika. Nun aber hört sie noch ein paar Tage die Musik der Xhosa im Archiv. Und natürlich hält es sie oft nicht auf dem Platz. "Ich kann einfach nicht still sitzen bleiben", sagt sie, "auch wenn die Leute sich manchmal wundern."