"Wir reden viel zu viel übereinander statt miteinander"

11. Dezember 2018

Der erste Inhaber der Israel-Professur der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) nimmt seine Arbeit auf: Yossi David kommt von der Hebrew University in Jerusalem ans Mainzer Institut für Publizistik. Drei Jahre wird er zu Gast sein, um den deutsch-israelischen Austausch auf dem Gebiet der Kommunikationswissenschaften zu beleben.
 

Sein Büro im Georg Forster-Gebäude wirkt recht unbewohnt. Die Regale sind leer, die Wände kahl – bis auf ein Poster mit internationalen Zeitungsausschnitten zur deutschen Wiedervereinigung, das wohl vom vorigen Nutzer hängen blieb. Prof. Dr. Yossi David ist das ganz recht. "Schließlich geht es um eines der bedeutendsten Ereignisse der letzten Jahrzehnte", sagt er. "Ansonsten aber habe ich alles Wichtige hier auf meinem Notebook, ich brauche weiter nichts."

Das Gespräch lenkt ihn von der Arbeit ab, doch das nimmt David freundlich lächelnd hin. In den vergangenen Wochen hat er bereits einige Interviews gegeben. Das Interesse an seiner Person ist groß. "I'm working on a research paper", meint er mit einem letzten Blick auf den Computerbildschirm. Dann wendet er sich ab, um ein wenig von sich zu erzählen. Noch spricht David Englisch, doch er hat sich fest vorgenommen, Deutsch zu lernen in den kommenden Jahren.

Rheinland-Pfalz stiftet Professur

Anlässlich des 50-jährigen Bestehens diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel rief die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer an der JGU eine spezielle Professur ins Leben. Mit ihr sollte das Thema Israel ein noch größeres Gewicht an der Universität bekommen. Es dauerte eine Weile, dieses Geschenk mit Inhalt und Leben zu füllen. Zum Beginn des Wintersemesters 2018/2019 war es dann so weit: Unter der Federführung von Prof. Dr. Gregor Daschmann, Dekan des Fachbereichs Sozialwissenschaften, Medien und Sport, entstand ein "Israel Professorship in Communication Science" am Institut für Publizistik. Im regelmäßigen Turnus soll für je drei Jahre eine Kommunikationswissenschaftlerin oder ein Kommunikationswissenschaftler aus Israel an die JGU kommen. Daschmann verspricht sich viel von diesem stetigen Austausch mit den international herausragenden Kolleginnen und Kollegen aus Israel.

David macht nun den Anfang. Er ist bereits seit einigen Wochen in Mainz. "Mir war es sehr wichtig hierher zu kommen, auch wenn einige meiner Freunde meinten: 'Was willst du denn bloß in Deutschland?' Ich glaube an den Dialog. Wir reden viel zu viel übereinander statt miteinander."

David wuchs in Netivot im Süden Israels auf. Das Städtchen ist als Pilgerort beliebt. Davids Familie gehört zur ultraorthodoxen Gemeinschaft der Haredi, für die Bildung nur insofern eine Rolle spielt, als sie zum Studium religiöser Texte dient. "Solche Bewegungen haben einen großen politischen und ökonomischen Einfluss in Israel, auch wenn das in den letzten zehn Jahren zunehmend kontrovers diskutiert wird."

Deutsch-israelische Sichtweisen

Im Alter von 18 Jahren sagte sich David los von den Haredi. Der Horizont war ihm zu eng, er wollte mehr wissen. Er floh aus der Enge der Gemeinschaft. "Ich emigrierte – zumindest nenne ich es so. Sicher würden viele die Wortwahl kritisieren." Zwei Jahre büffelte David, um all den Stoff nachzuholen, den er für ein Highschool-Diplom brauchte. Er absolvierte auch seinen Wehrdienst, von dem die Haredi freigestellt sind. "Ich lebte in einem Kibbuz. Mit den Menschen dort habe ich bis heute eine enge Verbindung." Der Kontakt mit seiner Familie allerdings brach ab. David gründete eine Vereinigung, die Aussteiger – oder Emigranten – wie ihn unterstützt.

An der Hebrew University in Jerusalem studierte er Kommunikationswissenschaften und Soziologie. Hier legte er auch seine Master-Arbeit "Communication and Climate of opinion in the 2011 Israeli social protest movement" vor. Dafür gab es gleich mehrere Auszeichnungen. Die Basis für seine weitere Forschung war gelegt.

"Im Kern geht es mir darum, wie verschiedene Faktoren, etwa soziale Konstruktionen, politische Einstellung und die Wirkung der Medien, aufeinander wirken", erklärt David. "Unterschiedliche Menschen können zum Beispiel dieselbe Nachricht hören und verstehen doch jeweils etwas völlig anderes. Wesentlich ist nicht etwa das, was wir wissen. Es geht um Wahrnehmung, um das, was wir glauben oder eben nicht glauben. Es ist wichtig, dass wir begreifen, wie solche Mechanismen funktionieren, gerade in einer Zeit, da in vielen Ländern, auch in Israel und Deutschland, rechte Populisten immer mehr Einfluss gewinnen."

Seine Dissertation "Gendering Political Conflict: Gender Perceptions and Public Opinion in the Israel-Palestinian Conflict" legte David just in diesem Jahr vor. Nun möchte er die deutsche Perspektive in den Blick nehmen: Wie wird der israelisch-palästinensische Konflikt in der Bundesrepublik gesehen? "Solche länderübergreifenden Forschungen sind wichtig. Meine Israel-Professur ist da eine große Chance."

Große Erwartungen

Eine erste Lehrveranstaltung bietet David bereits an: "Es geht um Methodenlehre. Im zweiten Semester werde ich mich dann mit der israelischen Gesellschaft beschäftigen." Gerade erst lernt er seine Kolleginnen und Kollegen am Institut für Publizistik so richtig kennen. "Mich interessiert, wie und was hier geforscht wird. Vielleicht ergibt sich ja sogar eine Kooperation zu einem Thema."

David wird sich an der JGU unter anderem um den Studierendenaustausch mit Israel kümmern. Auch in der Forschung soll am Institut für Publizistik die deutsch-israelische Zusammenarbeit eine neue Qualität bekommen. Viele warten gespannt, was der erste Israel-Professor an der JGU bewegen wird.

Doch erst mal hat David noch viel Administratives zu erledigen, sein aktuelles "research paper" braucht einen letzten Schliff, und seine Antrittsvorlesung steht demnächst an. "Ich versuche mich auf das Wesentliche zu konzentrieren", sagt er. Er schaut sich um in seinem leeren Büro. "Wenn daneben Zeit bleibt, hänge ich vielleicht auch mal ein Bild auf oder stelle ein paar Bücher ins Regal."