Unbekannte Vermittler und Entdecker

4. Februar 2020

Übersetzerinnen und Übersetzer sind kein nennenswertes Thema in der herkömmlichen Literatur- und Kulturgeschichte. Sie sind bisher weitestgehend im Verborgenen geblieben. Das Germersheimer Übersetzerlexikon (UeLEX) stellt sie nun in den Mittelpunkt: Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Andreas F. Kelletat vom Arbeitsbereich Interkulturelle Germanistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) hat das ambitionierte Projekt ins Leben gerufen.
 

"Wir haben Zehntausende von Übersetzungen ins Deutsche", sagt Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Andreas F. Kelletat. "Aber von den Übersetzerinnen und Übersetzern erfahren wir nur sehr wenig. Wir wissen häufig nicht, wer sie waren, was ihre Motivation war, wie ihre Arbeit konkret aussah und wer noch in den Prozess einbezogen wurde. Bis vor einigen Jahren gab es auch so gut wie keine Literatur dazu."

Das wollten Kelletat und sein Team vom Arbeitsbereich Interkulturelle Germanistik an der JGU-Dependance in Germersheim ändern und starteten UeLEX, das Germersheimer Übersetzerlexikon. Im Jahr 2014 begann die konkrete Planung, bis heute sind an die hundert Artikel entstanden, die allesamt frei übers Internet verfügbar sind. Im Lexikon finden sich zwar durchaus auch große Namen wie Bertolt Brecht oder Gotthold Ephraim Lessing, vor allem aber sind Biografien zu entschieden weniger prominenten Persönlichkeiten zu entdecken: Erika Fuchs ist vertreten, die Micky Maus ins Deutsche brachte, oder Elisabeth Kaerrick, die ab 1906 über 50 Jahre unter dem Pseudonym E. K. Rahsin Dostojewski-Texte übertrug und mehrfach überarbeitete.

"Niemand fühlt sich zuständig"

"Uns geht es darum, die Komplexität der Translationsphänomene in den Blick zu bekommen", erklärt Dr. Julija Boguna, die sich mit ihrem Kollegen Dr. Aleksey Tashinskiy in Kelletats Büro eingefunden hat, um von UeLEX zu erzählen. Beide beschäftigen sich seit Langem intensiv mit den verschiedensten Facetten der Übersetzungsgeschichte. "Es ist ein brachliegendes Feld, für das sich niemand so recht zuständig fühlt", bedauert Tashinskiy.

Kelletat zieht einen schmalen Band mit Lyrik der Dichterin Sappho aus dem Regal. Er schlägt das Büchlein auf und zeigt das Titelblatt. Dort ist zu lesen, dass ein gewisser Joachim Schickel die Verse aus dem Altgriechischen übersetzte. Daneben legt der Professor einen Bestseller aus den 1970er-Jahren: "Mao tse-Tung: 37 Gedichte", verlegt bei dtv in über 50.000 Exemplaren. Auch hier ist Schickel als Übersetzer genannt. "Wer war dieser Mann? Was bewog ihn, sich mit solch völlig unterschiedlichen Dingen zu beschäftigen? Im Internet fand ich einen kleinen Artikel über ihn, der mir aber so gut wie gar nichts verriet."

Eine Studentin, Liu Yian, machte sich an die Arbeit. Sie spürte die Witwe des 2002 verstorbenen Schickel auf. Bei einem Besuch erfuhr sie einiges über den Mann, der sich für klassische Sprachen, fürs Indische und Chinesische, für Mathematik und Philosophie begeisterte. Sie konnte Fotos und Dokumente sichten. Kelletat präsentiert ein Manuskript, am Rand sind seine mit Bleistift ausgeführten Korrekturen zu erkennen. "Sie hat diese Seminararbeit über ihn geschrieben. Auf dieser Basis können wir nun gemeinsam einen Artikel für unser Lexikon erstellen."

"Die Literaturgeschichtsschreibung ist bislang sehr autorenzentriert", meint Tashinskiy. "Über Shakespeare können wir alles sofort nachschlagen, aber bei seinen Übersetzern wird es schwieriger. Und schon bei etwas weniger bekannten Autorinnen oder Autoren bekommen wir richtig große Probleme." Als Beispiel führt er "Die sieben Brüder" des Finnen Aleksis Kivi an. Gustav Schmidt übertrug den Roman 1921 ins Deutsche. "Nun will ich wissen, was dieser Schmidt sonst noch übersetzte, aber dazu finde ich nichts." Einschlägige Bibliografien führen Schriftstellerinnen und Schriftsteller auf, doch zu ihren Übersetzerinnen und Übersetzern finden sich kaum Angaben, ein gesondertes Übersetzerregister fehlt oft völlig. "Übersetzer ist eben keine Kategorie, die man systematisch suchen kann", fasst Boguna zusammen. "Dabei sind sie wichtige Vermittler und manchmal sogar Entdecker von Literatur."

Vom Wie des Übersetzens

Im UeLEX wird der gebürtige Mainzer Gustav Friedrich Schmidt (1877-1945) gegenwärtig. Nicht nur sein Leben und seine Arbeiten sind skizziert, er kommt selbst zu Wort und äußert sich über die Herausforderung, Kivi zu übersetzen. Kelletat erstellte eine ausführliche Bibliografie, ein Foto von 1912 zeigt den 35-jährigen Schmidt.

Parallel zum Lexikon ist eine Reihe von Sammelbänden entstanden, die sowohl Übersetzerinnen und Übersetzer als auch ihre Arbeit in den Mittelpunkt stellen. So legten Tashinskiy und Boguna gerade im letzten Jahr den Band "Das Wie des Übersetzens" vor. "Oft beschränkt sich das Urteil in Sachen Übersetzungen auf Sätze wie 'Dies bleibt nah am Original' oder 'Das verfälscht es'", stellt Tashinskiy fest. "Das ist uns zu flach. Wir wollen Aussagen zur Stimme, zum Fingerabdruck der Übersetzenden. Wie wurde übersetzt? Wie sah der Kontext aus?" – "Wir wollen wissen, ob Biografisches in das translatorische Werk hineinspielt", ergänzt Boguna. "Gerade, wenn ich Abweichungen zum Original bemerke, kann ich nicht einfach sagen: Aha, der beherrschte die Sprache nicht. Ich muss genauer fragen: Gab es eine Schere im Kopf oder eine Zensur von außen, spielten literarische Präferenzen des Übersetzers eine Rolle? Waren Konventionen im Spiel?"

Fragen dieser Art diskutieren Kelletat und Co. immer wieder mit Fachleuten. Seit 2011 haben sie sechs Symposien zu Literatur und Übersetzen ausgerichtet. "Dabei wurden wir maßgeblich vom Zentrum für Interkulturelle Studien (ZIS) der Universität unterstützt", betont Kelletat. Das ZIS wirkt als Forschungsplattform vermittelnd zwischen den Fächern und Disziplinen der JGU. Es fördert das UeLEX-Programm seit Beginn. "Dadurch wurde vieles ermöglicht."

"Außerdem haben wir hier in Germersheim Studierende aus etwa 80 Ländern und auf ihre Kompetenzen stützen wir uns gern", sagt Boguna. "Wir bekommen über sie Zugang zu vielen Sprachen, die uns sonst verschlossen blieben. Unsere griechischen Studierenden recherchierten zum Beispiel, wie eine Übersetzung aus ihrer Muttersprache entstanden ist, welchen Weg sie in Griechenland gegangen ist, wer eventuell Impulse gab, wer sie motivierte und wer involviert war. Solche Initiativen sind oft Ausgangspunkt für Bachelor- oder Masterarbeiten. Wahrscheinlich werfen wir unsere Studierenden da manchmal ins kalte Wasser, aber so entwickeln sie eine starke forscherische Souveränität."

Eine andere Literaturgeschichte

Im Laufe der Jahre entstand ein Netzwerk um UeLEX. "Vertreterinnen und Vertreter verschiedenster Fächer schreiben Beiträge", erzählt Kelletat. "Wir sind sehr international und interdisziplinär aufgestellt." Immer mal wieder arbeitet das UeLEX-Team auch zu Schwerpunkten. So startete jüngst unter dem Titel "Exil: Trans" ein Gemeinschaftsprojekt mit den Universitäten Lausanne und Wien, das sich Exil-Übersetzerinnen und -Übersetzern von 1933 bis 1945 widmet. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert das Vorhaben mit 400.000 Euro, ähnliche Summen kommen aus Österreich und der Schweiz.

"Im Moment machen wir uns Gedanken über die Langzeitsicherung unseres digitalen Lexikons", merkt Boguna an. Schließlich soll es über Jahrzehnte hinaus zugänglich und lesbar bleiben. "Aktuell läuft UeLEX auf einem privaten Server und wir durften die Software von dem analogen schwedischen Projekt übernehmen." Aber das reicht auf Dauer nicht. Gespräche mit der Universitätsbibliothek Mainz laufen. "Die Mainzer Bibliotheksexpertinnen für Digital Humanities bringen sich stark ein." Außerdem überlegt Kelletat, das Projekt mittelfristig an eine Akademie der Wissenschaften zu binden.

"Unser perspektivisches Ziel ist es, eine Literatur- und Kulturgeschichte des Übersetzens ins Deutsche zu schaffen", so Tashinskiy. "Dafür sammeln wir die Bausteine." Acht bis zwölf Porträts entstehen pro Jahr. "Wir haben den Zeitraum von Luther bis heute im Blick, das ist natürlich sehr ehrgeizig", räumt Kelletat ein. "Es gibt eine Liste von rund 3.000 Übersetzerinnen und Übersetzern, aber deren Zahl kann sich durchaus noch verdoppeln." Ein Ende der Arbeit ist also kaum abzusehen. "Ich gehe im April in Pension", erzählt Kelletat. "Aber das Projekt wird noch etliche Jahre laufen", meint er mit Blick auf Boguna und Tashinskiy.