Jazz kommt in die Schule

xx. Februar 2020

Seit zehn Jahren touren die Jazz Messengers Rheinland-Pfalz durch die Schulen. Das Studierenden-Ensemble der Hochschule für Musik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) bringt den Jazz zu einem Publikum, das ansonsten nur wenig damit in Berührung kommt. Deutschlandweit ist diese Initiative einzigartig.
 

Die Schülerinnen und Schüler der Binger Rhein-Nahe-Schule haben extra Brötchen geschmiert, Kaffee steht ebenfalls bereit. So versorgt, besprechen die Jazz Messengers in einem freien Klassenraum noch ein letztes Mal den anstehenden Auftritt: "Bass und Schlagzeug fangen an", rekapituliert Rico Blicker. Er selbst wird gleich am Keyboard sitzen. "Wenn wir dann das Thema gespielt haben, erklärt Lea ein paar Begriffe." – "Aber nicht zu ausführlich", wirft Dozent Thomas Bachmann ein. "Denkt daran, dass wir es mit ersten bis neunten Klassen zu tun haben. Also möglichst wenig Fachjargon und einfache Sprache."

Das junge Publikum wird nicht nur still dasitzen, es soll ins Konzert einbezogen werden. Dafür haben die Studierenden der Hochschule für Musik Mainz (HfM) eine ganze Reihe von Ideen und Konzepten parat. "Wir sollten auf jeden Fall auch wieder Zeit für die Fragerunde lassen, das kam bisher immer gut an", meint Sängerin Lea Reichel. "Wahrscheinlich kommen diesmal eher keine Fragen zum Musikstudium, aber vielleicht interessieren sie sich ja für andere Themen: für Musikstile oder für unsere Instrumente." Als Zugabe steht Camila Cabellos "Havana" auf dem Programm. "Dabei sind die Schülerinnen und Schüler das letzte Mal aufgestanden, um mitzutanzen", erinnert sich Bachmann.

Nun ist alles gesagt. Die sechsköpfige Band macht sich auf den Weg in die Aula. An die hundert Schülerinnen und Schüler warten bereits. Applaus brandet auf. Reichel schnappt sich ein Mikro: "Schön, dass wir hier sein dürfen. Wir sind die Jazz Messengers und freuen uns darauf, euch unsere Musik, den Jazz, näher zu bringen."

Metropolenmusik fürs flache Land

Vor zehn Jahren gründete Alexander Gelhausen, Leiter des Bereichs Jazz und Populargesang an der Hochschule für Musik, die Jazz Messengers Rheinland-Pfalz. "Ich hatte nach einem Weg gesucht, wie wir den Jazz im Land bekannter machen können", erzählt er. "Jazz ist eine typische Metropolenmusik. Er blüht in großen Städten wie Berlin, Köln, Paris oder London. Rheinland-Pfalz aber ist ein Flächenland und Mainz hat gerade mal um die 200.000 Einwohner. Ich sagte mir also: Wir müssen in die Fläche gehen. Da es für die jungen Leute schwierig ist, zum Jazz zu kommen, muss der Jazz zu ihnen kommen."

In den Jazz Messengers sah Gelhausen zudem die Chance, den Studierenden pädagogisches Arbeiten näher zu bringen. Sie sollten überlegen, wie sie anderen Menschen etwas von ihrer Musik mitteilen können. "Das Ensemble ist in seiner Art einmalig. Es gibt zwar andere Initiativen, die versuchen, Jazz in die Schulen zu bringen, aber die gehen nicht von Hochschulen aus. Eher spielen Künstlerinnen oder Künstler ihre Musik und erläutern etwas dazu. Das sind dann Gesprächskonzerte. Wir machen etwas völlig anderes."

Bald schon wurden die Jazz Messenger zum festen Bestandteil des Lehrplans in der Abteilung Jazz und Populäre Musik an der Hochschule. "Jeder unserer Studierenden sollte diese besondere Art der Ensemblearbeit mindestens einmal durchlaufen", sagt Gelhausen. "Sie sollen zumindest hineinschnuppern in diese spezielle schulpädagogische Situation. Manche müssen wir in sanften Schüben zu ihrem Glück zwingen. Aber die meisten sehen schnell, wie toll das ist, vor Schulklassen zu spielen, wo sie sehr ehrliche und unverstellte Reaktionen zu bekommen. Einige kommen dann gleich mehrmals wieder."

Gelhausen war der Impulsgeber für die Jazz Messengers. Er kümmert sich heute vor allem um Organisatorisches und Administratives rund um das Ensemble. Unter anderem konnte er einige Jahre nach der Gründung die damalige rheinland-pfälzische Ministerin für Bildung Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur, Vera Reis, als Schirmherrin gewinnen. "Wir suchten auch nach einem geeigneten Dozenten für die Jazz Messengers. Ich fragte bei Thomas Bachmann an, ob er sich vorstellen könnte, mit dem Ensemble zu arbeiten, und er wurde schnell zum Überzeugungstäter. Er macht das sehr entspannt und souverän."

Improvisation und Rhythmus

Das Konzert an der Rhein-Nahe-Schule ist im vollen Gang. "Als Nächstes haben wir ein kleines Spiel für euch vorbereitet", kündigt Bassist Patrick Hänsler an. "Ihr dürft entscheiden, wer spielt und wer nicht. Ihr sagt zum Beispiel: Saxofon aus oder Trompete an." Reichel geht mit dem Mikro durch den Saal. Sehr schnell kommt die Forderung "Schlagzeug aus!", gefolgt von "Bass aus!". Bald verstummen alle Instrumente. "Jetzt müsst ihr ganz leise sein", fordert die Studentin ihre Zuhörerinnen und Zuhörer auf. "Weil: Ihr müsst das Lied im Kopf weiter hören."

Wenig später kommen Besonderheiten des Jazz zur Sprache. "Es ist so, dass wir ganz viel improvisieren", erklärt Reichel. "Das heißt, dass wir eine Melodie erfinden und wenn euch die gefallen hat, könnt ihr ganz laut klatschen – mitten in der Musik. Rico fängt an." Prompt ertönt Applaus für das erste Solo am Keyboard, dann für Jan Vernet Schweimer an der Trompete und Christoph Heimbach am Saxofon.

Schlagzeuger Johannes Funk schneidet ein neues Thema an: "Wisst ihr, was Rhythmus ist?", fragt er in den Saal. Die Kinder werden es erfahren. Reichel verteilt Shaker und Trommeln, während Funk zum Mitklatschen animiert: "Immer auf der Zwei und der Vier", ruft er zur Musik.

"Wir erleben fast jedes Semester, dass die Konzerte in einer Förderschule wie hier besonders gut ankommen", erzählt Bachmann am Rande der Veranstaltung. "Für viele dieser Schülerinnen und Schüler ist es der erste wirklich nahe Kontakt mit einem Instrument, das allererste Live-Konzert. Bei unseren Auftritten in Gymnasien zeigen sich besonders die Jugendlichen zunächst häufig etwas zurückhaltender und distanzierter. Hier aber ist das Feedback sehr direkt und vehement." Andererseits seien Gymnasiastinnen und Gymnasiasten oft recht konkret an der Arbeit der Jazz Messengers interessiert. "Einige spielen gemeinsam mit dem Ensemble auf der Bühne und danach kommen immer wieder Fragen, wie das eigentlich geht, Musik zu studieren. Es ist etwas völlig anderes, ob sie mit einem Dozenten wie mir darüber sprechen oder mit jemandem, der nur ein paar Jahre älter ist."

Förderer sind sehr willkommen

Das Programm ist auf die jeweilige Klientel abgestimmt. Auch das lernen die Studierenden bei den Jazz Messengers. "Viele setzen während ihres Studiums den Schwerpunkt einzig auf ihr Hauptfach-Instrument und gehen davon aus, dass sie ausschließlich mit ihrer Musik und dem Konzertieren Geld verdienen werden", erzählt Bachmann. "Die Praxis zeigt aber, dass es nach dem Studium eher musikpädagogische Tätigkeiten sind, die ihnen ein festes Einkommen garantieren. Das Ensemble Jazz Messengers soll hier einen Einblick geben und zeigen, dass diese Arbeit nicht nur Spaß machen kann, sondern auch enorm wichtig ist für die Zukunft improvisierter Musik."

"Bei unserem ersten Auftritt wusste ich nicht, was auf mich zukommt", meint Reichel. "Man muss schon sehr auf die Kinder eingehen. Ich verstehe mich bei den Jazz Messengers eher als Vermittlerin, nicht so sehr als Musikerin. Die Conférencen und überhaupt das gesamte Programm schneiden wir passgenau auf jede Altersstufe zu."

Sechs Konzerte gab die Band in diesem Semester. Es könnten ruhig noch ein paar mehr sein, doch dazu wären weitere Sponsoren nötig, die etwa Kosten für angemietete Fahrzeuge übernehmen. Die Stiftung Schlaraffia Moguntia unterstützt die Jazz Messengers bereits. "Das ist hervorragend, darüber freuen wir uns", sagt Bachmann, "aber wir könnten mehr Förderer gebrauchen. Ich denke, unsere Arbeit ist es wert."

Die Schülerinnen und Schüler der Rhein-Nahe-Schule bestätigen das auf ihre Weise: Sie fordern vehement Zugaben und der Schlussapplaus fällt gewaltig aus. "Gebt ihr auch Autogramme?", fragt ein Mädchen. Mit anderen steht sie da und wartet geduldig. Einer traut sich zu fragen: "Darf ich auch mal spielen auf euren Instrumenten?"