Von der Debattier-Meisterin zur Kommunikations-Coachin


10. Juni 2020

Während ihres Studiums an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) engagierte sich Marietta Gädeke auf vielfache Weise. Unter anderem entdeckte sie die Kunst des Debattierens für sich. Dies wurde zum Keim ihrer beruflichen Karriere. 2008 gründete sie ihr eigenes Unternehmen: eine Kommunikations-Agentur, die sie bis heute erfolgreich betreibt.
 

"Die Uni ist meine Heimat", sagt Marietta Gädeke, "immer noch!" Zum Wintersemester 2002/2003 kam die Schwäbin an die JGU – und blieb in Mainz. Hier lebt sie mit ihrem Mann, hier gründete sie ihre Agentur Lilit Kommunikation, und hier lernte sie die Kultur des Debattierens kennen. "Gleich zu Beginn meines Studiums stieß ich auf den Debattierclub Johannes Gutenberg", erzählt sie. Gädeke leitete den Club über Jahre, nahm an diversen Wettkämpfen teil und brachte es 2007 bis zur Deutschen Meisterin. "Danach kamen erste Anfragen, ob ich das auch beruflich machen möchte. Darauf wäre ich selbst nie gekommen. Aber dann dachte ich mir: Warum nicht? Ehe du dich bei irgendeiner PR-Agentur ausbeuten lässt, versuchst du lieber das, was dir wirklich Spaß macht, und schaust, wohin dich das führt."

Lilit – Rhetorik, Auftritt, Kommunikation

Zu Gädekes Klientel gehören Politikerinnen und Politiker, Universitäten, Ministerien und Firmen verschiedenster Couleur. "Kommunikation ist ein weites Feld", sagt sie, "aber ich will mich nicht einengen lassen. Ich möchte ganz im Gegenteil über den Tellerrand schauen. Ich glaube, das macht meine Arbeit aus." Mit ihrer Agentur "Lilit – Rhetorik, Auftritt, Kommunikation" bietet sie eine ganze Reihe von Leistungen: Workshops und Trainings zu Selbstmarketing oder Wahlkampf, zu Leadership oder zum Präsentieren, Verkaufen und Verhandeln. Auch als Rednerin und Moderatorin ist sie zu buchen.

Ein Gebiet, das Gädeke bei alledem besonders am Herzen liegt, ist der Austausch zwischen den Kulturen, die interkulturelle Kommunikation. In gewisser Weise führte sie diese Leidenschaft damals an die JGU. Dort studierte sie Anglistik, daneben Publizistik und Betriebswirtschaftslehre. "Im Grunde meines Herzens bin ich immer noch Geisteswissenschaftlerin", gesteht sie. "Ich bin ein Mensch, der es ganz genau wissen will. Wenn ich ein Buch lese, dann am liebsten in der Originalsprache, um all die Zwischentöne mitzubekommen."

Sprache sage viel aus über die Mentalität der Menschen, meint Gädeke. "Nehmen Sie zum Beispiel das Hebräische, das erst vor gut 100 Jahren als gesprochene Sprache wiederbelebt wurde: Es ist eher kurz und knapp. Dagegen blickt das Arabische auf eine lange, ununterbrochene Kultur der Kommunikation und des Geschichtenerzählens: Es ist voller Bilder und Poesie." Das spiele durchaus eine Rolle bei den Schwierigkeiten, die sich immer wieder zwischen Israel und seinen Nachbarn auftun. "Tacheles reden – das ist auch bei uns in Deutschland total positiv belegt", führt Gädeke den Gedanken fort. „In China sieht man das hingegen als unhöflich, ungehobelt und schroff an. Auch der arabische Raum ist da anders geprägt: Man sagt eher etwas durch die Blume, wendet es vielleicht sogar ins Gegenteil."

Horizonterweiterung im interkulturellen Austausch

Gädeke war 2013 anlässlich einer Kooperation mit Michael Shapira vom Israeli Insitute for Rhetoric im Nahen Osten. Die Grundlagen des Hebräischen brachte sie sich selbst bei, später kam das Arabische hinzu. Der Kontakt mit anderen Kulturen gehört für sie zum Alltag: 2010 etwa reiste sie nach Indien, wo sie im Zuge des Projekts „Maher“ sozial benachteiligten Frauen und Kindern half. Aktuell engagiert sie sich für Flüchtlinge aus der Türkei und Syrien. "Ich erlebte bereits während des Studiums, wie sehr einen der Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen bereichert, wie sehr das den Horizont erweitert: Bei einem Aufenthalt in Dijon bekam ich zwar nicht so wahnsinnig viel mit Franzosen in Kontakt, dafür aber mit ERASMUS-Studierenden aus allen möglichen Ländern. Das war eine spannende Erfahrung."

Bereicherung und Horizonterweiterung sind zwei Begriffe, die sich durch das Gespräch ziehen. Gädeke gebraucht sie unter anderem, wenn sie von ihrem Studium und von ihren ersten Debattier-Erfahrungen an der JGU erzählt: "Die Zeit an der Uni war für mich unglaublich bereichernd und sehr aktiv", sagt sie – räumt aber zugleich ein: "Die Hauptleistungen habe ich nicht direkt in meinen Studienfächern erbracht. Neben dem Debattierclub war ich in mehreren universitären Gremien, auch in der Fachschaft der Publizisten, aktiv."

Das Debattieren erlebte sie zuerst als Wettkampf zwischen Kommilitoninnen und Kommilitonen: Jeweils eine Dreiergruppe vertritt dort das Pro oder das Kontra zu einem kurz vorher ausgesuchten Thema. "Man hat 15 Minuten Zeit sich vorzubereiten und abzusprechen, dann geht es los." Sie trat bei mehreren Meisterschaften an und wurde 2007 zur Deutschen Meisterin gekürt. Später war sie als Jurorin aktiv und 2014 als Leiterin des Organisationskomitees der Weltmeisterschaften im indischen Chennai. Seitdem ist sie als Master-Trainerin und neuerdings zudem als Ausbildungsleiterin in der Debattiertrainer-Ausbildung tätig.

Auszeichnung als Vorbildunternehmerin

"Das Debattieren trainiert nicht nur die rhetorischen Fähigkeiten, sondern auch die Auseinandersetzung mit anderen Meinungen, mit fremden Positionen", sagt Gädeke. Diesen Faktor nutzt sie für ihre tägliche Arbeit: Sie mag den Perspektivwechsel und schult auch andere darin. "Außerdem spule ich in einem Workshop kein immer gleiches Konzept ab. Das liegt mir nicht, auch wenn es vielleicht einfacher wäre. Ich sorge für den roten Faden, aber erarbeite je nach Anforderung neue Wege zum Ziel, und das immer in Zusammenarbeit mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern." Damit hat sie an der Führungsakademie der Bundeswehr ebenso Erfolg wie an der Universität Heidelberg oder an der JGU: Dort gab sie Seminare für Körpersprache und Stimme oder für strategisches Networking.

"Ich bin jetzt fast 13 Jahre dabei", meint sie zurückblickend, "und es funktioniert, es wächst." Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie bestätigte ihren Erfolg auf eindrückliche Weise: 2014/15 zeichnete es Gädeke im Zuge der Initiative "FRAUENunternehmen" als Vorbildunternehmerin aus. "Ich finde es sehr wichtig, über das Thema Frauen in Führungspositionen und als Gründerinnen zu sprechen", meint sie. "Vielleicht kann ich da auch Vorbild sein für jüngere Frauen."

Im Moment arbeitet Gädeke sich weiter in das Thema digitale Medien und Social Media ein. "Das ist immer noch sehr männerlastig besetzt, und viele trauen es Frauen nicht so recht zu. Aber ich habe immer versucht in Bereichen gut zu sein, wo jemand meint: Das kannst du nicht, dort wirst du einen schweren Stand haben. In dieser Hinsicht bin ich stur, das mache ich dann gerade deswegen." Ihren Horizont lasst sich Gädeke nicht von anderen abstecken. Das liegt ihr nicht.