Frühe Corona-Studie findet viel Beachtung

22. Mai 2020

Prof. Dr. Michael Witthöft vom Psychologischen Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) startete mit seinem Team eine der frühesten Studien zu den psychischen Auswirkungen von Kontaktsperren im Zuge der Corona-Pandemie. Mit Blick auf die ersten Ergebnisse fordert er gezielte Hilfsangebote für besonders betroffene Bevölkerungsgruppen.
 

"Diese Situation ist ein absolutes Novum", meint Prof. Dr. Michael Witthöft. "So etwas haben wir in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht erlebt." Tatsächlich trifft das Mitte März in Kraft getretene Maßnahmenbündel zur Eindämmung der Corona-Pandemie jeden: Die Menschen müssen Abstand halten, sie dürfen sich nur sehr eingeschränkt treffen, und einigen ist sogar über Wochen jeglicher Kontakt untersagt. Wie gehen die Leute mit solch einer Quarantäne und mit der konsequenten sozialen Distanzierung um? Welche Auswirkungen hat das auf ihre Psyche? Diesen Fragen gehen Witthöft und sein Team von der Abteilung Klinische Psychologie, Psychotherapie und Experimentelle Psychopathologie am Psychologischen Institut der JGU nach.

"Wir starteten sehr früh mit unserer Online-Studie: am 25. März, bereits wenige Tage nach Einsetzen der Kontaktsperren", erzählt der Psychologe. Ein Fragenkatalog stand online zur Verfügung, Witthöfts Abteilung bat die Bevölkerung um Mitarbeit. "Die Resonanz darauf überwältigte uns. Im Allgemeinen melden sich nach solch einem Aufruf um die 300 Personen, diesmal haben im Laufe von drei Wochen beinahe 4.300 Menschen teilgenommen."

Häusliche Konflikte nehmen zu

Die detaillierte Auswertung steht noch an, doch eine Reihe wichtiger Erkenntnisse kann der Professor bereits präsentieren. Vorab jedoch schränkt er ein: "Dies ist keine repräsentative Befragung, sondern eine Stichprobe, ein erstes Schlaglicht auf das Thema. Zwar haben wir vom Alter her eine große Bandbreite abdecken können, Menschen von 16 bis 85 Jahren haben teilgenommen. Doch darunter finden sich viele Studierende und Personen mit höherem Bildungsgrad." Zudem beteiligten sich in der Überzahl Frauen: 80 Prozent der Befragten waren weiblich. "Sie scheinen sich häufiger von Themen rund um die psychische Gesundheit angesprochen zu fühlen."

Zwei erste Ergebnisse der Studie: Knapp 62 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer fühlten sich in ihren Freizeitaktivitäten eingeschränkt, 42,5 Prozent gaben Beeinträchtigungen im Beruf an. Diese Zahlen scheinen angesichts der massiven Maßnahmen gar nicht mal so hoch. "Das liegt vor allem daran, dass sie aus der Anfangsphase stammen", erklärt Witthöft. "Für viele wurden die Einschränkungen erst später deutlich spürbar."

Zwei andere Werte beschäftigen den Psychologen entschieden mehr: "Bereits zu einem frühen Zeitpunkt berichteten 17 Prozent von vermehrten häuslichen Konflikten." Das enge Beisammensein und die intensive Kinderbetreuung nach Kita- oder Schulschließungen spielen hier wohl wichtige Rollen. "Ich halte das für sehr problematisch, zumal die Zahl noch steigen dürfte: Mancher mag zuerst im Notfallmodus noch gut zurechtkommen, doch das ist etwas, was sich möglicherweise auf Dauer nicht aufrechterhalten lässt."

Hilfe für besonders belastete Gruppen nötig

Darüber hinaus sind bei 40 bis 50 Prozent der Befragten emotionale Beeinträchtigungen auszumachen: Sie reagieren zum Beispiel mit Langeweile, Trauer oder Ärger auf die Situation. "Es ist wichtig, sich solche Daten hinsichtlich bestimmter Gruppen anzuschauen", betont Witthöft. "Wenn wir die frühen Angaben mit denen aus späteren Wochen vergleichen, finden wir Anhaltspunkte, dass einige ganz gut lernen, mit der veränderten Situation umzugehen. Wir sehen bei ihnen keine starken Zunahmen der Belastungen. Doch Personen, die bereits an psychischen Erkrankungen, wie zum Beispiel Depressionen oder Angststörungen, leiden, scheinen stärker betroffen zu sein. Ein depressiver Mensch, der sich schon in normalen Zeiten auf dem Rückzug befindet, kommt mit dieser Situation womöglich deutlich schlechter klar."

Deswegen fordert Witthöft: "Wir brauchen zusätzlich zu den bestehenden Angeboten keine weitere allgemeine Hotline für Deutschland, wir brauchen fokussierte Hilfsangebote. Es ist sehr wichtig, spezifisch hinzuschauen, welche Person welche Unterstützung benötigt. Hier müssen wir mehr tun."

Daneben hat er noch einen allgemeinen Ratschlag parat: "Wir haben bereits in früheren Studien festgestellt, dass es eine Korrelation zwischen der vermehrten Nutzung sozialer Medien und Angstphänomenen gibt." Verständlicherweise wollen sich die Menschen über die Corona-Pandemie informieren. Das Internet spielt hierbei eine große Rolle. "Es gibt aber Hinweise, dass gerade hoher Social-Media-Konsum schädlich ist. Er verstärkt die Ängste." Deswegen empfiehlt Witthöft, sich einmal am Tag für einen klar umgrenzten Zeitraum zu informieren, statt sich permanent der digitalen Informationsflut auszusetzen.

Witthöfts Online-Studie steht als Pionierleistung da: So früh haben weltweit nur wenige systematisch zu den psychischen Folgen der Corona-Kontaktbeschränkungen geforscht. Das Interesse ist entsprechend groß: Witthöft stellte in der 3sat-Sendung "scobel" seine Ergebnisse vor und gab Interviews. "Wir stehen außerdem in Kontakt mit Kolleginnen und Kollegen in Neuseeland und Skandinavien, die Ähnliches planen. Eine Kollegin in den Niederlanden übernahm unsere Befragung sogar direkt und sammelt nun Daten dazu."

Folgestudie zu Krankheitsängsten gestartet

Mittlerweile folgte einiges an Forschung, und auch Witthöfts Team vom Psychologischen Institut der JGU bringt neue Projekte auf den Weg: "Wir haben gerade eine Studie zu Krankheitsängsten im Rahmen der Corona-Pandemie gestartet."

Witthöft untersucht also weiter, wie die Menschen auf die Pandemie reagieren. Nun bleibt noch die Frage, die ein Psychologe wahrscheinlich selten hört: Wie kommt er klar mit der Situation? Wie geht es ihm persönlich? Er überlegt kurz. "Ich fühle mich in einer privilegierten Situation. Ich kann weiterhin meiner Tätigkeit in Forschung und Lehre nachgehen, während anderen Menschen gerade die Existenzgrundlage wegbricht. Natürlich fehlen mir die Reisen zu Konferenzen, die Pflege von internationalen Forschungskollaborationen. Außerdem ist es viel Aufwand, auf digitale Lehre umzustellen. Hinzu kommt, dass wir all unsere laufenden Projekte weiter am Leben halten wollen." iSOMA etwa, ein Online-Training zu anhaltenden körperlichen Beschwerden bei Studierenden, sei gerade jetzt wichtig.

Sicher gebe es reichlich zu forschen rund um die Corona-Pandemie, viele Fachrichtungen seien gefragt. "Aber ich wünsche mir, dass auch andere Themen wieder mehr Raum bekommen", schließt Witthöft das Gespräch. "Der Klimawandel zum Beispiel beschäftigt mich seit Jahren. Darüber müssen wir reden."