Herausforderung und Chance für die digitale Studienberatung

17. Juni 2020

Eine eher unspektakulär klingende Aussage auf der Website der Zentralen Studienberatung (ZSB) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) änderte einiges: "Sie können uns nun täglich ohne Termin direkt anrufen", steht dort zu lesen. Dies war eine der ersten Reaktionen auf die besonderen Umstände, unter denen das Sommersemester 2020 begann: Das elfköpfige Team der ZSB musste sich auf den Lockdown im Zuge der Corona-Pandemie einstellen. Das geschah schnell – und beileibe nicht nur mit diesem einen Satz.
 

"Persönliche Gespräche im Studierenden Service Center machten bisher unser Hauptangebot aus", erzählt Franziska Hebart, Studienberaterin bei der ZSB. "Wer ein Anliegen hatte, kontaktierte zuerst die Hotline des Studierendenservice, denn wir waren direkt gar nicht zu erreichen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort hörten sich an, worum es ging, und stellten so fest, wer die richtigen Ansprechpartnerinnen oder -partner sind. Dann gaben sie den Ratsuchenden direkt einen Termin bei uns."

Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie änderten alles. "Wir reagierten direkt zu dem Zeitpunkt, als der Campus geschlossen wurde und wir ins Homeoffice gehen mussten", sagt Hebart. Die Telefonleitungen wurden neu geschaltet und das Echo war sofort groß. "Die Studierenden kontaktierten uns wirklich bei allen möglichen Belangen. Manche fragten einfach nur: Wie finde ich meine Kurse? Gerade zu Beginn des Semesters war es für viele schwierig zu ermitteln, an wen genau sie sich mit ihren jeweiligen Anliegen wenden sollten, oder zu erfahren, wo genau auf welcher Website die wesentlichen Informationen ihres Fachbereichs zusammengefasst sind."

Orientierungshilfen, digitale Kurse und Online-Schnuppertage

Die ZSB ist zwar die richtige Anlaufstelle für Fragen rund ums Studium, doch üblicherweise geht es eher um komplexere Themen wie Studienwahl und Studienangebote, Fach- oder Hochschulwechsel, Zulassungsverfahren oder Studienplanung. "Wir beraten dabei immer klientenzentriert", erklärt Hebart. "Wir stellen die Bedürfnisse der Studierenden in den Mittelpunkt und erarbeiten gemeinsam Lösungen."

Nun herrschte offensichtlich ein Bedürfnis nach grundlegenden, manchmal sehr einfach zu gebenden Antworten. "Deswegen machten wir uns daran, alle wesentlichen Informationen zum Studieren in Zeiten von Corona auf einer zentralen Seite und für alle sichtbar zusammenzufassen. Wir bündelten auch die Angebote für Erstsemester, denn die üblichen Begrüßungsveranstaltungen waren ja alle abgesagt und gerade diese Gruppe brauchte dringend Orientierung." Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der ZSB recherchierten und listeten auf. "Hier wie in allen anderen Bereichen arbeiten wir eng mit zentralen Einrichtungen der JGU wie dem Studierendenservice der Psychosozialen Beratungsstelle oder der Abteilung Internationales zusammen. Wir unterstützen uns alle gegenseitig."

Neben den Beratungsgesprächen bietet die ZSB normalerweise eine ganze Reihe von Workshops und Seminaren an. "Es stand zum Beispiel die Frühjahrs-Uni des Career Service an, mit Veranstaltungen zu Softskills, Berufsorientierung und vielem mehr. Sie musste komplett abgesagt werden. Doch durch den Einsatz der Kolleginnen und Kollegen des Career Service und mit Unterstützung vieler bereits gebuchter Dozentinnen und Dozenten gelang es uns, innerhalb nur einer Woche eine ganze Reihe digitaler Kurse als Ersatz aus dem Boden zu stampfen."

Auch die Schnuppertage, die Schülerinnen und Schülern Einblick in die verschiedensten Studiengänge geben, konnten in der üblichen Form nicht mehr stattfinden: Hier besuchten interessierte Jugendliche ausgewählte Lehrveranstaltungen und tauschten sich vor Ort mit Studierenden aus. So bekamen sie einen guten ersten Eindruck, welches Fach sich für sie eigenen könnte. "Dr. Martina Baur schaffte es, das alles zu digitalisieren. Die Gespräche mit den Studierenden sowie den Studienfachberaterinnen und -beratern finden jetzt zum Beispiel per Videochat statt."

Podcast zur Studienwahl

Hebart selbst sah sich vor das Problem gestellt, dass sie nicht mehr an Schulen gehen konnte, um das Studienangebot der JGU vorzustellen, auch Messen und ähnliche Veranstaltungen, wo die ZSB sonst mit einem Stand vertreten war, wurden reihenweise abgesagt. "Ich bin ein großer Fan von Podcasts und so kam ich auf die Idee, gemeinsam mit meiner Kollegin Julia Winkler, einen eigenen Podcast zur Studienwahl zu produzieren. Wir saßen lange an der technischen Umsetzung und auch redaktionell war es viel Aufwand, aber ich denke, es hat sich gelohnt." Im Moment wird das Material beim Zentrum für Audiovisuelle Produktion (ZAP) der JGU bearbeitet. "Als ich mich bei anderen Hochschulen umschaute, stellt ich fest, dass es bisher keinen vergleichbaren Podcast zu diesem Thema gibt. Es könnte also sein, dass wir bundesweit die ersten sind, die solch ein Angebot auflegen."

Hebart macht eine Aufbruchstimmung an der Universität aus, nicht nur bei der ZSB. "In den ersten Tagen des Lockdowns gab es einen Zeitpunkt, wo wir etwas ratlos waren und uns überlegten: Was sollen wir jetzt eigentlich tun? Aber dann war schnell klar, dass wir die Dinge neu denken müssen. Wir entdeckten ungeahnte Kompetenzen an uns und wir stellten fest, dass wir mit unseren neuen Ideen überall auf viel Offenheit stoßen. Als ich zum Beispiel die Idee mit dem Podcast im Team vorstellte, hieß es: 'Mach doch einfach mal.'"

Die Studienberaterin sieht Chancen, die aus der ungewöhnlichen Situation erwachsen: "Wir werden sicher überlegen, welche Innovationen wir besonders über die Zeit hinweg mitnehmen. Schließlich sind spannende Projekte dabei." Doch sie sieht auch die Herausforderungen und Einschränkungen: "Das Leben auf dem Campus, das ich seinerzeit in meinem Studium so genossen habe, fällt komplett weg. Der ungezwungene Austausch mit Kommilitoninnen und Kommilitonen, einfach mal essen zu gehen oder zu feiern, all das gibt es im Moment nicht. Das tut mir sehr leid, gerade für die Erstsemester."

Neue Probleme tauchen auf

In ihren Beratungsgesprächen erfährt Hebart einiges zu den neuen Problemen, die die Studierenden aktuell belasten: "Manche Studierende berichten von ernsten wirtschaftlichen Engpässen. Sie fragen sich zum Beispiel, wie sie ihre Miete bezahlen sollen. Wir haben auch Fälle von ausländischen Studierenden, die in ihrem Heimatland festsitzen und nicht zurück an die Universität können."

Die umfangreichen digitalen Lehrangebote der JGU werden allgemein gut angenommen. Das Echo ist positiv, das ungeheure Engagement vieler Dozierender wissen die Studierenden zu schätzen. Doch im Detail gibt es auch hier schon mal Probleme: "Viele Studierende haben den Eindruck, dass sie ein größeres Pensum erledigen müssen als sonst. Da geht es ihnen ähnlich wie den Lehrenden." Der Druck sei mitunter stärker, da jede Leistung einsehbar und kontrollierbar ist. "Es gibt auch einzelne Maßnahmen, die auf Unverständnis stoßen: Wenn etwa eine Vorlesung nur für den Zeitpunkt online gestellt wird, zu dem sie normalerweise laufen würde. Hier wünschen sich viele Studierende ein wenig mehr Flexibilität und Nachsicht."

Diesem Wunsch schließt sich Hebart an – wohl wissend, dass solch eine gewaltige Umstellung auf digitale Kanäle niemals aus dem Stand heraus perfekt laufen kann. "Es gibt einfach noch ein paar Kinderkrankheiten", meint sie, "aber daran können wir gemeinsam arbeiten."