Mehr Freiheiten und mehr Flexibilität für Studierende

15. Dezember 2020

Seit diesem Wintersemester halten die Rhein-Main-Universitäten (RMU) ein besonderes Angebot für ihre mehr als 100.000 Studierenden bereit: Diese können ohne zusätzliche Gebühren an allen drei Hochschulen gleichzeitig eingeschrieben sein und damit sowohl aus einer großen Auswahl an Lehrveranstaltungen schöpfen als auch die jeweiligen Infrastrukturen vor Ort nutzen. Damit haben die Goethe-Universität Frankfurt am Main, die Technische Universität Darmstadt und die Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) ihre Strategische Allianz um eine weitere Facette bereichert.
 

"Die Idee kommt aus Mainz", erzählt Dr. Bernhard Einig, der als Leiter der Abteilung Studium und Lehre der JGU das Projekt des RMU-Studiums maßgeblich vorangetrieben hat. "Das Grundkonzept existiert bereits länger. Wir entwickelten es 2015, also noch im selben Jahr, in dem sich die Rhein-Main-Universitäten zu ihrer Allianz zusammenschlossen. 2017 traten wir dann mit einem umfangreichen Papier an den RMU-Leitungskreis heran. Doch bis zur tatsächlichen Umsetzung dauerte es noch mal eine ganze Weile. Es waren für die Umsetzung eben doch sehr viele Einzelheiten, sowohl innerhalb der drei Universitäten als auch bei den Studierendenwerken sowie den beiden zuständigen Wissenschaftsministerien, abzustimmen."

Umso gespannter schaute Einig nun auf den Start des außergewöhnlichen Studienangebots, auch wenn er mittlerweile im Ruhestand lebt und die Verantwortung weitergegeben hat: Aktuell betreuen Dr. Kerstin Burck, Leiterin des Dezernats Hochschulentwicklung, und Falk Stenger, Leiter des Studierendenservice der JGU, das Projekt.

Strategische Allianz geht in die Breite

"Die Gründung der Strategischen Allianz der Rhein-Main-Universitäten wurde gleich zu Beginn sehr positiv beurteilt", erinnert sich Einig. "Auch die Presse lobte sehr, dass hier ein schlagkräftiger Verbund entsteht. Auf Forschungsebene gab es bereits seit Jahren erfolgreiche Kooperationen zwischen den drei Universitäten und auch in der Lehre fanden sich einzelne Ansätze. Dies alles wurde in der Folgezeit zwar intensiviert, doch noch ging nichts so recht in die Breite. Hier wollten wir Abhilfe schaffen. Wir wollten etwas ins Leben rufen, an dem möglichst alle Studierenden der RMU partizipieren können."

Eine mögliche Variante, dieses Ziel zu erreichen, sah so aus: Wer sich an einer der drei Universitäten einschreibt, ist automatisch Mitglied der beiden anderen. "Das klingt zwar wunderbar", räumt Einig ein, "es stellte sich jedoch in der rechtlichen Umsetzung als sehr schwierig heraus. Also mussten wir eine andere Lösung finden." Die Alternative klang recht ähnlich, ließ sich aber leichter verwirklichen: "Wer Studierender an einer der drei Universitäten ist, kann sich zur Teilnahme an ausgewählten Veranstaltungen gleichzeitig in einem verkürzten Verfahren an weiteren Universitäten der Rhein-Main-Allianz semesterweise einschreiben und so Mitglied der jeweiligen Hochschule werden."

"Mit dem RMU-Studium entstand ein Angebot, das entschieden mehr ist als ein Gasthörerstudium", erklärt Stenger. "Es stellt tatsächlich eine ordentliche Einschreibung dar, und dementsprechend können an anderen Hochschulen erworbene Leistungsnachweise nach Maßgabe der geltenden Regelungen im vollen Umfang auch für das eigene Studium an der Heimathochschule verwendet werden."  – "Wir arbeiten auf anderer Ebene an gemeinsamen Studiengängen, bei denen die Absolventinnen und Absolventen Abschlüsse an allen beteiligten Hochschulen erwerben", ergänzt Burck, "aber die Entwicklung dieser curricular aufeinander abgestimmten Angebote ist sehr aufwendig. Dort stoßen wir schnell an unsere Kapazitätsgrenzen. Außerdem betrifft es immer nur eine bestimmte Gruppe. Das RMU-Studium wendet sich dagegen an alle. Der Aufwand für die Schaffung eines solchen Angebots ist zudem viel geringer und die Flexibilität für die Studierenden viel größer."

Bereits die Registrierung ist möglichst einfach gehalten. "Es reicht der Nachweis, dass jemand an einer der drei Universitäten eingeschrieben ist", sagt Stenger. "An der JGU muss dafür lediglich ein schlichtes digitales Formular ausgefüllt werden. Wir erfahren nur die Matrikelnummer und die Herkunftshochschule der Studierenden, die dann aus der Palette von Lehrveranstaltungen wählen können, die fürs RMU-Studium verfügbar sind. Stand Ende Oktober waren das an allen drei Hochschulen rund 1.800 Vorlesungen und Seminare, davon an der JGU etwas mehr als 500." Zwar stellt dies nur einen Bruchteil dessen dar, was die drei Universitäten anzubieten haben, aber für das erste Semester ist Stenger zufrieden.

Niedrigschwellige Einladung zum Austausch

"Es war eine Herausforderung, die Schwelle für eine Einschreibung möglichst niedrig zu setzen", meint Einig. "Schließlich erhalten die Studierenden alle Rechte und Pflichten an den Universitäten: Sie dürfen wählen, am Hochschulsport teilnehmen, die Bibliotheken nutzen und das vergünstigte Mensa-Essen erwerben. Solche Details mussten wir unter anderem mit dem Studierendenwerk abstimmen, das sich seinerseits ans zuständige Ministerium wandte. Unterm Strich war einige Überzeugungsarbeit zu leisten, um all das auf den Weg zu bringen."

"Manch einer fragte sich, ob wir so etwas überhaupt brauchen", erzählt Stenger. "Es bedeutet schließlich zusätzlichen Aufwand – und das ausgerechnet jetzt, wo uns die Corona-Pandemie viele Umstellungen und Engagement abverlangt. Ich selbst sagte mir: Klar, es ist ein Mehraufwand, aber das ist es wert. Wir geben unseren Studierenden mehr Freiheiten, mehr Flexibilität. Wir schaffen einen Ermöglichungsraum. Wir fördern den Austausch über Universitätsgrenzen hinaus. Ein schöner akademischer Gedanke steckt dahinter: Erkennt Eure Interessen, macht Euch auf nach Frankfurt oder Darmstadt, und tauscht Euch aus."

Burck schaut auf die Praxis: "Studierende können zum Beispiel ein Angebot der TU Darmstadt in Anspruch nehmen, das so an den anderen beiden Hochschulen nicht existiert. Gerade die technische Ausrichtung dort ist als Ergänzung sehr interessant. Einerseits können sie Veranstaltungen zu ihren Studiengängen wählen, die sie an ihrer Heimatuniversität nicht finden, sie können aber auch über die Fächergrenzen hinausschauen. Hier funktioniert das RMU-Studium wie eine Art Studium generale."

"Zugleich gibt es keinerlei Verpflichtung, tatsächlich irgendwelche Seminare, Kurse oder Vorlesungen an den anderen Universitäten zu belegen", stellt Stenger klar. "Die Studierenden könne diese Option ruhen lassen oder sie sehr intensiv nutzen. Wir überprüfen das nicht, denn die RMU-Studierenden unterliegen keiner Prüfungsordnung." Burck betont hierzu: "Das RMU-Studium funktioniert nur mit Eigenverantwortung, auch dadurch unterscheidet es sich von spezielleren, universitätsübergreifenden Studiengängen."

Fixierung aufs Regionale ist überholt

In diesem Wintersemester entschieden sich mehr als 300 Studierende für das neue Angebot, 105 davon, aus Darmstadt und Frankfurt, studieren auf diese Weise an der JGU. "Wir sind gespannt, inwieweit sich der Kreis durch Mund-zu-Mund Propaganda vergrößern wird", meint Burck. "Sicher aber werden wir auch von uns aus dafür sorgen müssen, das RMU-Studium in den Köpfen der Studierenden präsenter zu machen. Außerdem wird es in Zukunft interessant sein, die RMU-Studierenden zu befragen und ihre Rückmeldungen systematisch auszuwerten. Im Moment ist es noch zu früh dafür, wir kennen derzeit nur vereinzelte Meinungen."

"Das RMU-Studium ist ein wichtiger Schritt in die Zukunft", schließt Einig. "In einer Zeit, in der digitale Medien eine immer größere Rolle spielen, wird es allmählich zum Standard, dass Studierende die passenden Angebote nicht nur an ihrer Heimatuniversität wahrnehmen. Die Fixierung auf das Regionale macht keinen Sinn mehr, darauf müssen sich die Hochschulen einstellen. Was sich andernorts bereits seit langem abspielt, wo globale Player ein weit verzweigtes internationales Studiennetz aufgebaut haben, wird sich sukzessive auch in Deutschland vollziehen – selbst wenn das Präsenzstudium, wie ja gerade die pandemiebedingten Einschränkungen sehr schmerzhaft zeigen, weiterhin seinen bleibenden Wert haben wird. Langfristig wird es den global aufgestellten Studierenden geben, der sich in Amerika oder England, in China oder Deutschland seine Lehrveranstaltungen zusammensucht und dann irgendwo seinen Abschluss macht." So gesehen sei das RMU-Studium eine wichtige, richtungweisende Investition. "Ich kann allen Beteiligten nur sagen: Lasst Euch darauf ein. Es lohnt sich."