Mitmachformat bringt Universität voran

14. April 2021

Im August 2020 startete die Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) den ersten Gutenberg Ideeathlon: Rund 100 Studierende, Lehrende und Fachleute aus der Verwaltung kamen zusammen, um Konzepte für ein hybrides Semester in Zeiten der Pandemie zu entwickeln. Die daraus entstandenen Ansätze und Projekte haben das Potenzial, Lehren und Lernen an der JGU voranzubringen – und das auf sehr unterschiedlichen Wegen.
 

Am Suzette-Haden-Elgin-Institut für Fiktionale Sprachen beginnt das hybride Semester. Dekanin Müller-McFirth spricht schnell noch ein Grußwort, bevor das große Gerangel entbrennt: Einige Studierende suchen nach ihren Seminaren, andere jagen Bescheinigungen hinterher oder wenden sich wegen finanzieller Probleme an die universitäre Beratungsstelle – wo sich aber gerade niemand zuständig fühlt: Die verantwortliche Mitarbeiterin arbeitet im Homeoffice, nur leider nicht in diesen Stunden … An der Nationaluniversität Tlön treffen Menschen mit verschiedensten Interessen, Wünschen und Bedürfnissen aufeinander. Das birgt an sich schon reichlich Stoff für Missverständnisse und Ärger, doch nun sehen sie sich auch noch einer völlig neuen Situation gegenüber: Ein normaler Betrieb ist unter den aktuellen Umständen nicht möglich. Also müssen sich alle umstellen. Das allerdings gelingt mal mehr, mal weniger oder eben gar nicht.

"Wenn wir eine Situation haben, die wir nicht gut kennen, einfach weil sie neu ist, eine Situation, in der 1.001 Faktoren zusammenwirken, dann können wir durch bloßes Nachdenken kaum darauf kommen, was für Probleme auftauchen oder wie wir sie lösen können", meint Prof. Dr. Margarete Imhof von der Abteilung Psychologie in den Bildungswissenschaften der JGU. In solchen Fällen hilft ein digitales Planspiel, wie es Imhof im Kreis einer Arbeitsgruppe des Gutenberg Ideeathlons entwickelte: In "How to not get shipwrecked in the digital ocean" versuchten 30 Personen, durch das komplexe Gewässer einer fiktiven Universität zu manövrieren. Der Großteil fand sich in der Situation von Studierenden wieder, daneben agierten einzelne als Studienberaterin, Bibliothekar oder Lehrende. Mit jeweils eigenen Rollen und Zielen ausgestattet, hatten sie 90 Minuten Zeit, um sehr individuelle Aufgaben zu erfüllen.

Planspiel zeigt Probleme auf

Im August 2020 startete der erste Gutenberg Ideeathlon an der JGU. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren eingeladen, sich mit den Herausforderungen, die ein anstehendes hybrides Wintersemester mit sich bringen würde, auseinander zu setzen. Rund 100 Studierende, Lehrende und Fachleute aus der Verwaltung formulierten zehn Challenges. Zwei Monate lang suchten sie in Arbeitsgruppen nach Lösungen und erarbeiteten eigene Konzepte. Zwar ließ die Pandemie im folgenden Semester kaum hybride Lehre zu, doch der Ideeathlon brachte wertvolle Anregungen, die Lehren und Lernen in dieser schwierigen Lage verbessern und voranbringen können.

Imhof war überrascht von der besonderen Dynamik des Ideeathlon: "Wir waren lauter kreative Köpfe, eine bunte Truppe, die total durchstartete." Das allerdings war auch nötig. "Unser Planspiel musste tiefgehend genug sein, um all die Probleme aufzuzeigen, die sich bei einem hybriden Universitätsbetrieb ergeben können. Es war ein gewaltiger Aufwand, solch ein Szenario zu bauen und zu programmieren." Dass Lösungen in einem Spiel gefunden werden, mag manchem suspekt erscheinen. "Doch wir in der Abteilung Psychologie in den Bildungswissenschaften haben bereits sehr gute Erfahrungen damit gemacht. Das von uns entwickelte Planspiel Schulalltag etwa ist ein großer Erfolg, und auch das aktuelle Planspiel hat uns wieder mal die Augen geöffnet."

"How to not get shipwrecked in the digital ocean" konnte unter anderem zeigen, wie wichtig und zugleich schwierig es ist, Informationen übersichtlich und gut zugänglich zu vermitteln. Immer wieder fehlte es den Akteurinnen und Akteuren an Orientierung. Auch wurde die überragende Bedeutung der informellen Kommunikation deutlich. "Wir wissen, dass sie in einem digitalen Umfeld schwer hinzubekommen ist", meint Imhof dazu. "Aber es lohnt sich, viel dafür zu investieren."

Serviceorientierung und Selbstverantwortung

Die Gruppe um Dr. Simone Ohlemann ging einen anderen Weg, kam aber teils zu ähnlichen Ergebnissen. Sie beschäftigte sich mit der Balance zwischen Serviceorientierung und Selbstverantwortung. "In einem ersten Schritt tauschten wir uns aus, wie wir unsere Lehrveranstaltungen in Zeiten von Corona wahrnehmen", erzählt Ohlemann, die ebenfalls in der Abteilung Psychologie in den Bildungswissenschaften lehrt und forscht. "Dabei half uns die Zusammensetzung unserer Gruppe, eine große Bandbreite an Erfahrungen zusammenzutragen. Es waren unter anderem ein Professor der Theologie vertreten, eine Professorin vom Romanischen Seminar, aber auch ein Studienberater und eine Studentin, deren Input für uns besonders wertvoll war."

Es stellte sich heraus, dass einiges im Zuge von digitalen Lehrangeboten wegfällt. "Zuerst einmal leiden die soziale Interaktion und der informelle Austausch", erzählt Ohlemann. "Beides ist jedoch wichtig für einen erfolgreichen Lernprozess. Außerdem bemerkten wir, dass die Studierenden sehr unsicher sind, was sich wiederum in ganz unterschiedlichen Verhaltensweisen spiegelt: Manche stellen viele Fragen, andere schweigen und kommen quasi gar nicht mehr vor."

Im digitalen Geschehen sind die Kanäle für ein Feedback verengt. "Beim persönlichen Umgang habe ich viele Möglichkeiten. Ich registriere zum Beispiel, wenn Studierende unaufmerksam sind, oder schaue in fragende Gesichter. Dann kann ich reagieren." Im digitalen Umfeld gestaltet sich das schwieriger. "Studierende sind mehr auf sich selbst gestellt. Sie stehen stärker in der Verantwortung, sich selbst das zu holen, was ihnen noch fehlt. Fähigkeiten wie Selbstmanagement und Zeitmanagement werden plötzlich viel wichtiger. Aber viele haben sich damit noch nie beschäftigt. Wir haben überlegt, was Lehrende und Studierende tun können, um den Lernprozess erfolgreich zu gestalten." So entstand ein Kompendium aus Tipps und Strategien zu sehr unterschiedlichen Bereichen. Darin geht es um Motivation im Studium und um effektive Teamarbeit, aber auch um Probleme mit Formatierungen oder Wortverarbeitungsprogrammen. Ohlemann machte sich Gedanken, wie Studierende motiviert werden können, mehr über Foren zu interagieren.

Ideeathlon mit Neben- und Nachwirkungen

"Wir haben unsere Vorschläge in unseren eigenen Lehrveranstaltungen ausprobiert und festgestellt, dass manchmal bereits eine Kleinigkeit ausreicht, um die Situation zu verbessern", sagt Ohlemann. Der umfangreiche Statusbericht ihrer Gruppe ist über die Website des Ideeathlon offen zugänglich. "Dabei wollen wir es aber nicht belassen. Wir arbeiten weiter. Mir ist unser Anliegen wichtig, deswegen kann ich nicht einfach aufhören. Ich versuche im Moment, die Dinge in meiner Abteilung voranzutreiben. Wir würden aber als Gruppe auch gern darüber hinaus tätig werden."

Imhof sieht das genauso. Ihre Gruppe trifft sich bis heute – digital selbstverständlich: "Wir haben bewiesen, dass wir mit unserem Planspiel sehr gut reale Probleme aufzeigen können. Demnächst werden wir unsere Arbeit beim Europäischen Planspielforum vorstellen. Und ich bin gerade dabei, das Planspiel Schulalltag in eine ähnliche Spielwelt zu übersetzen."

Der erste Gutenberg Ideeathlon hat einiges angestoßen. "Ich hoffe, es wird eine weitere, ähnliche Veranstaltung geben, am besten sogar mit noch mehr Beteiligung von Studierenden, denn ihr Blickwinkel ist mir wichtig", meint Ohlemann. "Ich konnte durch den Ideeathlon Menschen kennenlernen, denen ich sonst nie über den Weg gelaufen wäre", sagt Imhof. "Ich denke, solch ein Mitmachformat, das wirklich alle unter einem Dach versammelt, ist sehr wichtig für die Universität. Es bringt uns voran."