Exzellente Medizin muss geschlechtersensibel sein

21.Juli 2021

Erstmals ist die Universitätsmedizin Mainz Gastgeberin einer Klara Marie Faßbinder-Gastprofessur für Frauen- und Geschlechterforschung: Dr. Ute Seeland von der Berliner Charité bringt sowohl interessierten Laien als auch einem Fachpublikum die geschlechtersensible Medizin – auch als Gendermedizin bekannt – näher. Sie zeigt, wie wenig das biologische Geschlecht bisher in der Medizin beachtet wurde und wie wichtig soziokulturelle Umgebungsfaktoren bei der Erhaltung von Gesundheit und Entstehung von Krankheit sind.
 

Auf die Sache mit dem Herzinfarkt wird Sie wohl am häufigsten angesprochen. "Das interessiert die Presse einfach", meint Dr. Ute Seeland schulterzuckend. Um dieses Thema kommt sie also nicht herum – auch diesmal nicht: Gemeinhin gilt der Herzinfarkt als männliche Krankheit. "Doch das ist ein Irrtum", stellt die Medizinerin klar. "Frauen haben ein fast doppelt so hohes Risiko, an einem Herzinfarkt zu sterben. Nur wird die Gefahr bei ihnen viel seltener erkannt." Die Warnsignale können völlig anders sein, und auch die Diagnostik versagt immer wieder, denn die Medizin ist männlich geprägt. Der 75 Kilo-Mann ist immer noch der Standard, die Frau allenfalls eine leicht abweichende Variante.

Dieser traditionelle Blick ist so schräg, dass er schnurstracks an der Realität vorbei schrammt. "Es gibt nicht den Einheitsmenschen, und die Frau ist nicht einfach ein kleiner Mann", sagt Seeland. Eine Medizin, die diese Tatsache ignoriert, wird keinem Geschlecht gerecht. In ihrer Antrittsvorlesung zur Klara Marie Faßbinder-Gastprofessur an der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) titelte Seeland denn auch: "Exzellente Medizin ist geschlechtersensibel." Zugleich konstatiert sie: "70 Prozent der deutschen Universitäten bieten vereinzelte Lehrveranstaltung zur geschlechtersensiblen Medizin an, sind aber weit entfernt von einer systematischen Implementierung der Lerninhalte. Nur 22 Prozent erreichen ein mittelmäßiges Niveau, und lediglich sieben Prozent haben Strukturen aufgebaut, die es den Absolvierenden ermöglichen, ein geschlechtersensibles Denken auch anwenden zu können."

Corona demonstriert Relevanz der Gendermedizin

2001 rief das rheinland-pfälzische Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur die interdisziplinäre und internationale Klara Marie Faßbinder-Gastprofessur für Frauen- und Geschlechterforschung ins Leben. Sie wird semesterweise mit angesehenen Wissenschaftlerinnen besetzt, die dann jeweils eine Hochschule des Landes besuchen und dort für eine ganze Bandbreite an Veranstaltungen zur Verfügung stehen. An die JGU etwa kamen die Historikerin Prof. Dr. Katrin Keller, die Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Birgit Sauer oder die Theaterwissenschaftlerin Sandra Leupold. 2021 ging die Faßbinder-Professur erstmals an die Universitätsmedizin Mainz.

"Als ich erfuhr, dass wir diesmal Gastgeber sein werden, warf ich meine Netze aus und stieß recht schnell auf Frau Dr. Seeland", erzählt Dr. Birgit Pfeiffer, die als Gleichstellungsbeauftragte der Universitätsmedizin Mainz die Organisation der Gastprofessur übernahm. "Wir waren uns von Beginn an darüber klar, dass wir eine herausragende Wissenschaftlerin gefunden hatten, doch wir ahnten noch nicht, dass ihr Fachgebiet derart an Aufmerksamkeit gewinnen würde." Corona führte nachdrücklich vor Augen, wie unterschiedlich die Geschlechter reagieren können: Männer zeigen mehr schwere Verläufe und sterben signifikant häufiger an der Infektion, bei Frauen hingegen treten öfter erhebliche Nebenwirkungen bei einer Impfung gegen SARS-CoV-2 auf.

Seeland arbeitet und habilitiert an der Charité – Universitätsmedizin Berlin und war zehn Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin am dortigen Institut für Geschlechterforschung in der Medizin (GiM) tätig. Zuvor war sie unter anderem an der Universität des Saarlandes und der Universität Köln. Als Fachärztin für Innere Medizin betreibt sie Grundlagenforschung zur Herzinsuffizienz, zu Präventiv- und Versorgungsforschung. Als GendermedizinerinDGesGM® erstellte sie spezielles Lehr- und Lernmaterial sowie Curricula für den deutschsprachigen Raum. Zudem half sie, die geschlechtersensible Medizin in den Modellstudiengang Humanmedizin der Charité zu integrieren. Ihre Untersuchungen zu Geschlechterunterschieden bei der arteriellen Pulswellenreflexion und dem Einfluss von Sexualhormonen brachten ihr 2019 den Wissenschaftspreis des Deutschen Ärztinnenbundes. Sie ist Mitglied des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK), gehört zum Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Geschlechterspezifische Medizin e.V. (DGesGM) und wurde in die "Gender & Diversity"-Gruppe des Instituts für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP) für die Erstellung der Prüfungsfragen für das Staatsexamen delegiert.

Gesamte Medizin muss neu aufgerollt werden

"Mit Blick auf die Pandemie müssen wir die meisten Veranstaltungen mit Frau Dr. Seeland digital anbieten", sagt Pfeiffer. "Das kann zum Problem werden, weil natürlich einiges an Unmittelbarkeit verloren geht. Es kann aber auch eine Chance sein: Bereits mit der Antrittsvorlesung hatten wir durch die moderne Technik eine viel größere Reichweite als üblich." Jeder durfte sich zuschalten – weltweit. "Außerdem war es möglich, doch noch eine Wahlpflichtwoche vor Ort durchzuführen", ergänzt Seeland. "Studierende, die seit über einem Jahr keinen analogen Unterricht mehr erleben konnten, kamen zusammen. Mir war das auch deswegen wichtig, weil mein Thema noch so jung und sensibel ist. Bei einer Heranführung vor Ort kann ich meine Inhalte und Anliegen ganz anders vermitteln." Auf den Fotos zur Wahlpflichtwoche sind trotz Maskierung viele fröhliche Gesichter zu erkennen. "Es war aber durchaus harte Arbeit", betont Seeland.

"Harte Arbeit" trifft es gut: Es ist nicht leicht, die Gendermedizin voranzubringen. "Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind so groß, dass wir für Frauen eigentlich noch mal eine eigene Forschung brauchen", meint Seeland. "Im Grunde müssen wir die gesamte Medizin neu aufrollen." Der Herzinfarkt ist dabei nur ein Detail, aber ein wichtiges: "Frauen zeigen als Symptome weniger die bekannten Brustschmerzen. Stattdessen klagen sie über extreme Müdigkeit, Rückenschmerzen, Übelkeit oder Schmerzen im Kiefer." Bei einer Untersuchung der Herzkranzgefäße des Mannes finden sich dann meist starke lokale Verengungen. "Sie sind deutlich auszumachen und werden mit einem Stent behandelt. Bei Frauen hingegen tritt eher eine längerstreckige Verengung des Koronargefäßes auf. Das wurde und wird oft als zierlicheres Gefäß verkannt."

Fast allen Bereichen der Medizin mangelt es an einer geschlechtersensiblen Sicht. Seeland nennt ein weiteres Beispiel für die überragende Relevanz dieser neuen Perspektive: "Das X-Chromosom ist viel größer als das Y-Chromosom, und gerade diese beiden enthalten wichtige Gene für unser Immunsystem, das dadurch bei der Frau anders reagieren kann als beim Mann." Hormone spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Auch mit Blick auf die Pandemie sind sie interessant: "Wir haben 60.000 Datensätze von Frauen und Männern analysiert. Dort bestätigte sich die erhöhte Sterblichkeit von Männern mit COVID-19 im Vergleich zu Frauen. Neu für uns war allerdings, dass Frauen mit einer postmenopausalen Hormontherapie mit Estradiol eine signifikant bessere Überlebenschance hatten als postmenopausale Frauen, die kein Estradiol einnahmen. Ob sich diese Beobachtung in prospektiven Studien bestätigt, muss noch gezeigt werden."

Geschlechtersensible Approbationsordnung in Arbeit

Diesen und anderen Fakten stehen medizinisch-pharmazeutische Verfahrensweisen gegenüber, die Gendermedizin ignorieren oder konterkarieren. "Nachdem in den frühen 1960er-Jahren der Contergan-Skandal aufgedeckt wurde, wollte man Frauen nicht mehr zumuten, an Studien zu Medikamenten teilzunehmen." Also kamen ausschließlich männliche Probanden zum Zug. Alle Erkenntnisse beziehen sich auf sie. "Erst 2004 wurde dies etwas gelockert. Nun bezog man Frauen wieder ein. Sie mussten allerdings verhüten. Aus diesem Grund finden wir in diesen Studien keinerlei Daten über Medikation oder Nebenwirkungen bei prämenopausalen Frauen ohne orale Kontrazeption."

"Ich wusste selbstverständlich von der Gendermedizin", meint Pfeiffer. "Aber die ganze Brisanz und die Reichweite des Themas sind mir erst seit Frau Dr. Seelands Besuch so richtig klar." – "Die Offenheit in Mainz war grandios", freut sich Seeland. Sie ist nicht der Typ, der gern konfrontativ etwas durchboxt. "Ich überzeuge lieber im Dialog." Dennoch wird sie demnächst über eines ihrer zahlreichen Ämter Druck machen: Als Mitglied der Arbeitsgruppe "Gender & Diversity" am IMPP feilt sie mit an den kommenden Fragen fürs Staatsexamen. "Die neue Approbationsordnung wird die geschlechtersensible Medizin berücksichtigen", verspricht Seeland. Also muss auch die Ausbildung der Medizinerinnen und Mediziner in Zukunft diesen Aspekt enthalten.