Zwischen Tagespolitik und Idealvorstellung

2. August 2021

Studentische Hochschulpolitik ist ein anstrengendes, aufwändiges und manchmal frustrierendes Geschäft. Sarah Becker, Vorstandsvorsitzende des Allgemeinen Studierendenausschusses, und Despina Balis, Präsidentin des Studierendenparlaments der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU), blicken auf die bestehenden Verhältnisse und erzählen von ihrer Arbeit. Dr. Tobias Huff wagt einen Einwurf aus historischer Perspektive.
 

Eine Frage steht immer im Raum – das gesamte Gespräch hindurch: "Wie viel Einfluss haben die Studierenden auf die Geschicke der Gesamtuniversität?" Despina Balis nimmt gleich zu Beginn Stellung: "Es braucht auf jeden Fall viel Arbeit, sich als Studierende Gehör zu verschaffen", sagt die Präsidentin des Studierendenparlaments (StuPa). Unter anderem sitzt sie als Stimmberechtigte im Senat der JGU. "Ich kam ausgerechnet zu Beginn der Pandemie in dieses Gremium. Das war schon sehr eindrucksvoll, und zuerst fühlte ich mich etwas eingeschüchtert. Aber es ist eine tolle Erfahrung, das Uni-Leben mitgestalten zu können. In einer meiner ersten Amtshandlungen ging es darum, die Corona-Verordnung zu beschließen. Viele Dinge wurden besprochen, die sich sehr auf das studentische Leben auswirkten, und ich konnte tatsächlich im Diskurs etwas bewegen."

"Ich engagiere mich seit drei Jahren in der Hochschulpolitik", meint Sarah Becker. Aktuell ist sie Vorstandvorsitzende des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) der JGU. Sie zeigt sich eher skeptisch: "Die Arbeit ist nicht einfach, und letztlich haben wir auf vieles nur geringen Einfluss. Zum Beispiel setzten wir uns dafür ein, dass eine zentrale Antidiskriminierungsstelle an der JGU eingerichtet wird. Bereits im ersten Gespräch erfuhren wir, dass die Notwendigkeit durchaus gesehen wird. Doch man sagte uns, eine Finanzierung sei nicht möglich. Das war's."

Statuten ohne Studierende

In seinem Beitrag "Studentische Selbstverwaltung unter Legitimationsdruck", erschienen in der Festschrift zum 75-jährigen Jubiläum der Wiedereröffnung der JGU, zeichnet Dr. Tobias Huff die historischen Wege der studentischen Gremienarbeit an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz nach. Er stellte jene Eingangsfrage zum Einfluss der Studierenden sehr bewusst ins Zentrum seines Aufsatzes. Wahrscheinlich begegnete sie ihm bereits, als er 2001 sein Studium an der JGU begann, und heute bekommt er als Geschäftsführer des Fachbereichs Geschichts- und Kulturwissenschaften der JGU regelmäßig damit zu tun. "Ich bin mittendrin in der Verwaltung der JGU und arbeite täglich in einem System von Behörden. Wir müssen einfach schauen, was machbar, was bezahlbar ist", meint der Historiker.

Wenn er zurückschaut auf die Anfänge der Studentischen Selbstverwaltung an der JGU, muss er feststellen: "Die Universitätsstatuten von 1946 kamen annähernd ohne Studierende aus." Huff fand lediglich eine vage formulierte Passage zur Organisation der Universität: "Wenn die Tagesordnung studentische Angelegenheiten enthält, ist der Senat gehalten, zwei von der Studentenversammlung gewählte Vertreter zuzuziehen." Sicher ging es von da an in den folgenden Jahrzehnten bergauf. Studierende stritten um ein Recht auf Mitbestimmung und erreichten viel, auch wenn andere Kräfte gern mal bremsten.

"Heute habe ich den Eindruck, dass die Hochschulleitung sehr bemüht ist, die Kommunikation mit uns zu intensivieren", sagt Balis. "Sie möchte ein Gefühl dafür bekommen, was uns Studierende beschäftigt." In zahlreichen Gremien sitzen Studierende. Ob es nun um die Berufung neuer Lehrender, um die Finanzen oder gar die strategische Ausrichtung der JGU geht: Sie dürfen mitreden und werden gehört. Also ist alles gut?

Demokratisierung der Universität

Huff erwähnt Tendenzen, die dem entgegenstehen: Ein Blick auf die kontinuierlich nachlassende Beteiligung an den StuPa-Wahlen scheint darauf hinzuweisen, dass Studierende sich zunehmend von hochschulpolitischen Themen verabschieden. Aktuell gehen nicht mal fünf Prozent wählen. Für den Historiker stellt sich die Frage: "Fühlen sich die Studierenden überhaupt von der Verfassten Studierendenschaft vertreten? Als ich an der JGU studierte, interessierten mich die Diskussionen über Kapitalismus und Co einfach nicht. Sie hatten mit meinem Alltag an der Universität wenig zu tun." Er skizziert eine weitere Entwicklung: "StuPa und AStA finden sich zunehmend in einer doppelten Frontstellung. Einerseits müssen sie sich mit einem professionellen Verwaltungsapparat auseinandersetzen und selbst professionelle Strukturen schaffen, um ernst genommen zu werden. Andererseits entfernt sie das von der Masse der Studierenden."

"Die Doppelrolle sehe ich total", räumt Balis ein. "Ich muss eine gewisse Seriosität an den Tag legen, um in den Gremien ernst genommen zu werden. Der Aufwand dafür ist aber ungeheuer groß." Viele Studierende ahnten überhaupt nicht, wie umfangreich das Engagement tatsächlich sein müsse, um überhaupt etwas in Gang zu setzen. Dementsprechend mangele es häufig an der Wertschätzung dieser Arbeit. "Vor allem aber fehlt das Bewusstsein, was Studierende alles bewirken könnten, wenn sie es nur versuchen würden.

"Ich muss der Aussage eindeutig widersprechen, dass wir weit von den Studierenden entfernt sind", sagt Becker. "Im Moment etwa ist die Finanzierung des Studiums ein riesiges Thema in der Hochschulpolitik, das jeden Studierenden betrifft." Sie sieht vielmehr ein anderes Problem: "Die niedrige Wahlbeteiligung liegt an der fehlenden Demokratisierung der Universitäten. Im Senat etwa sitzen 8 Studierende 23 Lehrenden und 10 weiteren Beschäftigten der Universität gegenüber."

"Wir können etwas erreichen"

Das jedoch hindere sie nicht, weiter aktiv zu bleiben: "Die Universität setzt einem Grenzen. Aber die Konsequenz kann nicht darin bestehen, dass man nichts tut. Ich will laut sein und mich für eine Veränderung des bestehenden politischen Systems einsetzten. Im Moment soll die Universität so funktionieren, dass sie den Arbeitsmarkt bedient. Sie ist auf Profitmaximierung ausgelegt. Das muss sich ändern. Es mag sein, dass manch einer Kapitalismuskritik für abgehoben hält, aber sie ist alles andere als irrelevant und hat immer auch einen Praxisbezug. Daraus ergibt sich zum Beispiel für mich die Notwendigkeit, finanzielle Hilfeleistungen für Studierende zu erstreiten."

Balis nimmt die Entwicklung über die Jahrzehnte hinweg in den Blick: "Natürlich sind wir einen weiten Weg gekommen. Es ist auch begrüßenswert, dass wir Studierende mehr einbezogen werden. Aber am Ende des Tages geht es immer noch ums Geld." Das müsse sich ändern, sagt sie, und wie Becker streitet sie dafür. "Klar, das ist keine einfache Aufgabe, und oft ist unser Tagesgeschäft frustrierend. Aber wir können etwas erreichen, das sehen wir immer wieder – und das wollen wir allen Studierenden vermitteln."