Start mit Handicap

23. August 2021

Zuerst hatte der Sport einen schweren Stand an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Engagierte Persönlichkeiten änderten das im Lauf der Jahrzehnte gründlich, allen voran Berno Wischmann, einstiger Leichtathletik-Nationaltrainer und leidenschaftlicher Verfechter einer akademischen Sportwissenschaft. Dr. Ansgar Molzberger schaut auf die Geschichte des Mainzer Hochschulsports, Dr. Mathias Schubert beleuchtet die Gegenwart und wirft einen Blick in die Zukunft.
 

Das erste offizielle Hochschulsport-Angebot der JGU passte auf ein einzelnes Blatt Papier. Das Dokument aus dem Jahr 1947 blieb erhalten, wenn auch an den Rändern etwas angegilbt: Insgesamt neun Kurse konnten Studierende belegen, darunter zwei Mal nach Geschlechtern getrennt eine "Allgemeine Körperschule". "Tänzerische Gymnastik" stand ebenfalls auf dem Plan, war aber ausschließlich für Studentinnen gedacht. Handball, Hockey, Leichtathletik und Tischtennis vervollständigten das Programm. Wer teilnehmen wollte, musste ins Dachgeschoss der alten Mensa steigen. "Die Betätigung in weiteren Sportarten ist z. Zt. noch nicht möglich infolge des Mangels an Sportgeräten", heißt es abschließend in einer knappen Mitteilung. Interessierten sei es jedoch anheimgestellt, Wünsche und Anregungen zu äußern.

"Heute umfasst unser Programm an die 70 Sportarten", erzählt Dr. Mathias Schubert, seit Juni 2020 Leiter des Allgemeinen Hochschulsports an der JGU. "Wir haben rund 350 Übungsleitende, die bei oder für uns arbeiten." Ein 60 Seiten umfassendes Heft führt Kurse von Aerobic bis Yoga auf. Selbstverständlich finden sich Handball oder Hockey wieder, aber auch exotischere Sportarten wie Gettoworkout, Kendo oder Qi Gong haben ihren Platz. "Im Grunde sind wir der größte Mehrspartensportverein der Stadt, auch wenn wir nicht als Verein organisiert sind", sagt Schubert. "In der Vergangenheit hatten wir zu Hochzeiten schon mal bis zu 10.000 Kursteilnahmen – pro Woche."

Berno Wischmann kommt nach Mainz

Die Bemühungen um den Hochschulsport begannen bereits kurz nach der Wiedergründung der JGU vor 75 Jahren. Erfolg oder Misserfolg waren häufig von engagierten Persönlichkeiten abhängig, die ihre Sache jeweils mit viel Leidenschaft vorantrieben. Ganz glatt lief es dabei selten, viele Hürden waren zu nehmen. Für die jüngst erschienene umfangreiche Jubiläumsschrift der Mainzer Universität nahm sich Dr. Ansgar Molzberger von der Deutschen Sporthochschule Köln dieses Themas an. In seinem Beitrag "Berno Wischmann und der Mainzer Hochschulsport" skizziert er einen wechselhaften Verlauf, der letztendlich in eine Erfolgsgeschichte mündete.

"Die Entwicklung des Hochschulsports an der JGU ist schon etwas Besonderes", betont Molzberger. Die Ausgangslage war schwierig: Die Franzosen hatten die Gründung der Mainzer Universität in ihrer Besatzungszone initiiert. "Aber sie hegten große Vorbehalte, was den Sport anging. Sie waren in dieser Hinsicht deutlich restriktiver als die anderen Besatzungsmächte. Das war eine Herausforderung für Mainz." Ein Sport-Lehramtsstudium etwa wurde erst 1955 eingeführt. Doch der Sport als Ausgleich für die Studierenden konnte vorher Fuß fassen: Die Tanz- und Gymnastiklehrerin Barbara Müller setzte sich für jenes erste Hochschulangebot ein und unterrichtete selbst.

Am 1. April 1949 kam Berno Wischmann an die JGU. Er übernahm die Leitung des noch jungen Sportamts. Wischmann war nicht nur als Leichtathlet erfolgreich. Nach dem Krieg startete er eine steile Karriere als Trainer: Von 1952 bis 1974 war er zunächst Nationaltrainer, dann Cheftrainer des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV). Wischmann machte sich für eine eigenständige Sportwissenschaft stark, was von vielen belächelt wurde. In Mainz gründete er ein entsprechendes Institut, das zeitweilig unabhängig von der Universität agierte, bevor es 1973 als Fachbereich integriert wurde, den Wischmann dann über viele Jahre leitete.

"Er machte Mainz zu dem einzigen Ort neben Köln, wo man abseits des Lehramts- ein Diplom-Sportstudium aufnehmen konnte", erzählt Molzberger. "Er war Mitbegründer des Universitäts-Sportclubs Mainz (USC Mainz) und brachte darüber viele talentierte Sportler an die JGU, wo sie dann auch studierten." Allein die Zehnkämpfer holten über die Jahrzehnte viele Weltmeistertitel und Olympiamedaillen. "Wischmann gründete die Auslandstrainerschule des Deutschen Leichtathletik-Verbands an der JGU. Sie ist bis heute eine für die Leichtathletik einmalige Einrichtung." Unter seiner Ägide schossen moderne Sportanlagen aus dem Grün des Mainzer Campus. "Als sie gebaut wurden, gehörten sie zu den besten Deutschlands. Sein Kraftraum war bundesweit der Kraftraum schlechthin. Er hatte die Mittel, absolute Top-Bedingungen zu schaffen."

Größtes soziales Angebot der Universität

Molzberger meint: "Wischmann war eine echte Type. Er trat gern in abgetragener Kleidung und barfuß auf. Er setzte sich zum Kartenspiel mit den Studierenden zusammen. Er war ungezwungen und unkonventionell, aber auch ungeheuer beharrlich, wenn es zum Beispiel darum ging, ein sportwissenschaftliches Institut in Mainz zu gründen."

"Heute haben wir mit 60 bis 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eines der größten Sportinstitute Deutschlands", spannt Schubert den Bogen in die Gegenwart. Er selbst kam 2005 zum Studium hierher, zehn Jahre später promovierte er. Schubert forscht und lehrt auf einer halben Stelle im Bereich Sportmanagement, auf einer weiteren halben Stelle erlebt er als Leiter des Allgemeinen Hochschulsports der JGU sehr praxisnah, wie Sportmanagement funktioniert. "Der Name Berno Wischmann ist mir selbstverständlich ein Begriff", meint er, "und durch unser Berno-Wischmann-Haus bleibt er immer gegenwärtig."

Der Sport und die Sportwissenschaft haben sich längst etabliert an der JGU. "Unsere Fachrichtung ist schon deshalb außergewöhnlich interessant, weil viele Disziplinen unter einem Dach zusammenkommen", sagt Schubert. "Wir sind eine Querschnittswissenschaft: Es gibt Sportmedizin, Sportökonomie, Sportsoziologie und vieles mehr."

Den Allgemeinen Hochschulsport mag mancher als Anhängsel des Instituts sehen, Schubert jedoch betont dessen besonderes Gewicht: "Wir erbringen eine Dienstleistung für alle Angehörigen der Universität und sind eine der größten sozialen Einrichtungen an der JGU. Hier treffen sich fakultäts- und statusübergreifend sowohl Studierende als auch Lehrende und andere Beschäftigte." Das gilt in Zeiten von Corona leider nur sehr eingeschränkt: "Viele, die vorigen Sommer mit dem Studium begonnen haben, wissen gar nicht, was sie alles verpassen." Zwar wurden Online-Angebote wie Yoga, Konditionstraining oder Wirbelsäulengymnastik gut angenommen. "Aber das kann nicht unser normales Programm ersetzen."

Sport mehr unter die Menschen bringen

Zugleich stellt Schubert fest: "Die Erwartungen, die mit dem Sport verknüpft werden, haben in den letzten Jahren enorm zugenommen." Nicht nur soziale und integrative Aspekte würden immer stärker betont. "Sport und Bewegung werden längst als Teil des Gesundheitsmanagements betrachtet." Dem wollen Schubert und sein Team gerecht werden. "Das ist oft nicht einfach", gesteht er mit einem leisen Lächeln. "Als ich hier anfing, sagte man mir: Sei geduldig, du brauchst einen langen Atem."

Die Sportanlagen der JGU können sich immer noch sehen lassen. "Unsere Leichtathletik-Halle ist etwas Besonderes. Es sind nur wenige von dieser Größe in Deutschland zu finden", sagt Schubert. Dafür aber fehlt es in manch anderem Bereich: "Wir möchten eine unserer Sporthallen zu einem Fitnesszentrum für gesundheitsorientiertes Training umbauen. Das können wir sogar zum größten Teil selbst finanzieren. Auch was unsere Außenanlagen angeht, sehen wir noch viel Potenzial. Outdoor-Fitness, Sport unter freiem Himmel, gewinnt an Gewicht, dem sollten wir besser gerecht werden, indem wir unsere Grünflächen optimal nutzen." Damit nicht genug: Schubert möchte auf dem gesamten Campus präsenter werden. "Unser Pausenexpress mit kurzen Übungen für das Uni-Personal vor Ort funktioniert bereits sehr gut. Wir könnten das noch ergänzen durch eine Art 'Hochschulsport to go' für alle."

Dafür allerdings braucht es jene bereits angesprochene Geduld: Denn gerade erst wurden Corona-Maßnahmen gelockert, und gerade erst kommt auch die informelle Seite des Sports wieder etwas zum Tragen. "Außerdem sind wir ein recht kleines Leitungsteam aus nur fünf Personen, von denen alle bis auf eine in Teilzeit arbeiten", gibt Schubert zu bedenken. Dennoch besteht er darauf: "Wir wollen den Sport mehr unter die Menschen bringen." Zugegeben, seit 1947 ist ungeheuer viel passiert, doch wenn es nach ihm geht, wird noch vieles folgen. "Wir wollen ins Bewusstsein bringen, was mit Sport alles erreichbar ist, was für Potenziale hier noch ungenutzt schlummern."