Der Pandemie mit Literatur begegnen

10. Dezember 2021

Was kann Literatur angesichts existenziell bedrohlicher Seuchenerfahrung bewirken? Mit dieser Frage beschäftigt sich Dr. Davina Höll in ihrer Dissertation "Das Gespenst der Pandemie". Die Literaturwissenschaftlerin forschte dazu am DFG-Graduiertenkolleg "Life Sciences – Life Writing" der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) und der Universitätsmedizin Mainz. Für ihre Arbeit wurde sie dieses Jahr mit dem Deutschen Studienpreis der Körber-Stiftung ausgezeichnet.
 

In Ausnahmezuständen, in Krisen, in Zeiten der Pandemie kann Literatur von ungeheurem Wert sein. "Sie ermöglicht, über Dinge nachzudenken, über die ich vielleicht gar nicht nachdenken will", meint Dr. Davina Höll. "Literatur eröffnet Perspektiven. Sie reagiert kreativ auf Herausforderungen der Gegenwart und gestaltet die Zukunft mit. Literatur kann Unaussprechliches zur Sprache bringen und bewirkt, dass ich meinen Ängsten und meinem Unwissen nicht mehr hilflos ausgeliefert bin. Mit ihr kann ich Alternativen durchspielen und neue Wege aufzeigen."

1832 fegt die Cholera das erste Mal über Europa hinweg. Sie versetzt die Menschen in Angst und Schrecken. Die Seuche ist hoch ansteckend und verläuft gerade für Menschen in Armut in der Regel tödlich. Sie verbreitet sich rasant entlang der internationalen Handelsrouten, achtet keine Ländergrenzen und sucht vor allem die Großstädte heim. Selbst eilig eingerichtete Sperrzonen oder strenge Quarantänemaßnahmen können sie nicht aufhalten. Die Medizin hat ihr kaum etwas entgegenzusetzen, die Infektionszahlen schnellen in die Höhe, den Gesundheitssystemen droht der Kollaps. Bis zum Ende des Jahrhunderts wird die Cholera wüten, nicht nur in Europa, sondern weltweit.

Brücke zwischen Natur- und Geisteswissenschaften

In ihrer Dissertation "Das Gespenst der Pandemie. Politik und Poetik der Cholera in der Literatur des 19. Jahrhunderts" schildert Höll die damalige Lage sehr eindringlich – genau wie in dem entschieden kürzeren Beitrag, den sie jüngst anlässlich der Verleihung des Körber-Preises verfasste. Ihre Formulierungen sind so prägnant, dass es schwerfällt, sie nicht einfach zu übernehmen. Bei ihr wird das Schreiben über die Seuche und die Literatur selbst wiederum zur Literatur.

Für ein Gespräch ist Höll online aus Tübingen zugeschaltet. Diese Form der Kommunikation hat sich schnell eingebürgert in den Zeiten der aktuellen Pandemie. Sarah Schmidt ist ebenfalls mit dabei: Sie koordiniert die Aktivitäten des DFG-Graduiertenkollegs "Life Sciences – Life Writing: Grenzerfahrungen menschlichen Lebens zwischen biomedizinischer Erklärung und lebensweltlicher Erfahrung" der JGU und der Universitätsmedizin Mainz. Hier vollendete Höll 2020 ihre Dissertation. "Ich habe in Marburg Europäische Literaturen und Deutsche Literatur studiert", erzählt sie. "Für meine Promotion ging ich zunächst nach Tübingen. Mein Thema stand bereits früh fest: Ich wollte mich mit der Literatur zur Zeit der Cholera beschäftigen. Dann habe ich von dem Graduiertenkolleg in Mainz erfahren. Das passte genau zu meiner Arbeit."

Das 2014 gegründete interdisziplinäre Forschungsprojekt "Life Sciences – Life Writing" hat sich zum Ziel gesetzt, Natur- und Geisteswissenschaften zu verbinden. Die JGU und ihre Universitätsmedizin rücken hier eng zusammen. "Die Projektbeteiligten spüren menschlichen Grenzerfahrungen verschiedenster Art nach", erzählt Schmidt. "Sie leuchten sowohl die naturwissenschaftlich-medizinischen als auch die literarischen Dimensionen aus." Wobei der Begriff der Literatur als "Life Writing" weit gefasst ist: Es umfasst narrative Lebenszeugnisse jeglicher Art.

Was leistete Literatur in Zeiten der Cholera?

"Im Kolleg treffen Doktorandinnen und Doktoranden aus der Literaturwissenschaft, der Philosophie und der Soziologie, aber auch der Pharmazie oder der Humanmedizin aufeinander", sagt Schmidt. Der Austausch zwischen diesen Fächergruppen sei alles andere als trivial, betont sie. "Wir sind stark dadurch geprägt, wie wir ausgebildet wurden. In der Humanmedizin spielt zum Beispiel der Klinikalltag mit seiner Notfall- und Intensivmedizin eine große Rolle. Dafür gibt es wenig Raum für die Auseinandersetzung mit Narrativen, die wiederum für viele Geisteswissenschaften zentral ist."

"Diese Unterschiedlichkeit war für mich total bereichernd“, meint Höll. 2017 kam sie nach Mainz, um im Graduiertenkolleg ihr Thema weiter zu vertiefen. "Ich bin sehr daran interessiert, Fächergrenzen zu überschreiten. Doch in der Praxis kann interdisziplinärer Austausch anstrengend sein, außerdem kostet er Zeit, und die fehlt oft. Im Graduiertenkolleg aber funktioniert dieser Brückenschlag sehr gut. Ich traf auf ein sehr aktives Netzwerk und auf große Offenheit für meine Arbeit. Uns treiben dieselben Fragen um. Es passiert nicht oft im Leben, dass ein Umfeld so gut passt."

Prof. Dr. Mita Banerjee vom Obama Institute for Transnational American Studies der JGU, und Prof. Dr. Norbert W. Paul vom Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Universitätsmedizin Mainz, Sprecher des Kollegs und Betreuende der Promotionsarbeit, waren von Beginn an von Hölls Dissertationsthema überzeugt. "Davina Höll gelingt in ihrer Arbeit ein wunderbarer Brückenschlag zwischen Medizingeschichte und Literatur", erklärt Banerjee, die die Arbeit in der Literaturwissenschaft betreute. "Diese Dissertation zeigt, wie Literatur als Seismograph großer Krisen fungieren kann." Paul, der die Arbeit seitens der Medizingeschichte betreute, ergänzt: "Auch wenn die Corona-Pandemie unter anderen Vorzeichen als die Cholera steht, kann die Dissertation Orientierungswissen darüber bieten, wie fundamental Seuchen unser Zusammenleben verändern."

Höll stellt in ihrer Dissertation grundsätzliche Fragen: Was kann Literatur angesichts existenziell bedrohlicher Seuchenerfahrung bewirken? Wie trägt sie dazu bei, Seuchenerfahrung erzählbar zu machen? Wie kann Literatur Wissen über Seuchen sichtbar machen und kann sie selbst Wissen erschaffen? Wie beeinflusst das Schreiben über Seuchen die Literatur und schließlich, kann Literatur auch unseren Umgang mit Seuchen beeinflussen? Was kann sie tatsächlich leisten in Zeiten der Pandemie?

Seuchen bringen Gesellschaften ins Wanken

"Zuerst schien es so, als hätte die Literatur verzögert auf die Pandemie reagiert", meint Höll. "Doch bei genauerem Hinschauen stellte ich fest: Der Anverwandlungsprozess hat praktisch sofort begonnen. Es gab schnell eine Unzahl von Auseinandersetzungen mit der Cholera." Sie sichtete nicht nur Texte von Heinrich Heine, Ricarda Huch, Edgar Allan Poe, George Eliot oder Mark Twain, sondern suchte nach journalistischen Artikeln, nach Predigten oder Werbeanzeigen für diverse Wundermittel. "Nicht überall wurde die Seuche ausdrücklich erwähnt. Das war auch schwierig, denn das Hässliche wurde in der Kunst dieser Zeit oft ausgeblendet – und als Magen-Darm-Erkrankung ist die Cholera sehr hässlich. Aber implizit fand sie sehr häufig Erwähnung."

Höll zögert, allzu direkte Vergleiche zur aktuellen Corona-Situation zu ziehen. "Das ist über mehr als hundert Jahre hinweg schwierig", meint sie. Doch es lassen sich Bögen spannen: "Auch bei Corona meldete sich die Literatur praktisch sofort zu Wort." Als Beispiel nennt sie den Roman "Trost" von Thea Dorn oder die Kurzgeschichtensammlung "The Decameron Project" in der New York Times. "Ich stieß auch auf eine Kontaktanzeige, in der es hieß: 'Neue Liebe nach der zweiten Impfung'."

Die Ausbreitung der Cholera war in vielerlei Hinsicht eine Zäsur. "An ihr hat sich die moderne Bakteriologie überhaupt erst herausgebildet", erwähnt Höll. Die Seuche, die als gespenstisch wahrgenommen wurde, wurde gewissermaßen greifbar. Auch diese Seite behält die Literaturwissenschaftlerin im Blick. Sie schaut in die Geschichte, von dort in die Gegenwart und konstatiert zusammenfassend: "Seuchen bringen Gesellschaften ins Wanken." Ihre Arbeit sieht sie als Plädoyer dafür, "dass Literatur und die kritische Auseinandersetzung mit ihr einen essenziellen Beitrag bei der Bewältigung pandemischer Krisen leisten kann und muss".

Mehrfach ausgezeichnete Dissertation

Hölls Arbeit erregte bereits an der JGU einige Aufmerksamkeit. Im März wurde sie mit dem Dissertationspreis des Fachbereichs 05: Philosophie und Philologie ausgezeichnet. Im Juli folgte der auf 25.000 Euro dotierte Deutsche Studienpreis der Körber-Stiftung in der Sektion Geistes- und Kulturwissenschaft. "Die Körber-Stiftung würdigt damit nicht zuletzt den Innovationsgehalt von Davina Hölls Arbeit. Ihre Dissertation ist wegweisend auch für die Zukunft interdisziplinärer Forschung in einer immer komplexer werdenden Welt", freuen sich Banerjee und Paul.

Heute forscht und lehrt Höll als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ethik und Geschichte der Medizin an der Eberhard-Karls Universität Tübingen. Das dortige Exzellenzcluster "Controlling Microbes to Fight Infections" passt hervorragend zu ihren Interessen.