Die Rolle der Mönchsrepublik Athos im Mittelalter

14. März 2022

Ihm gelang es, für sein Forschungsvorhaben MAMEMS einen ERC Starting Grant einzuwerben: Dr. Zachary Chitwood vom Arbeitsbereich Byzantinistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) bemühte sich um die Förderung, die nur vereinzelt für die Geistes- und Sozialwissenschaften in Anspruch genommen wird. Dabei eignen sich die Grants des Europäischen Forschungsrats hervorragend für innovative Projekte verschiedenster Art.
 

Der Berg Athos ist Teil der Halbinsel Chalkidiki, deren drei charakteristische Landzungen weit ins Ägäische Meer hinausgreifen. Sein Gebiet umfasst den gesamten östlichen Ausläufer, an dessen äußerster Spitze der eigentliche Berg 2.033 Meter in die Höhe ragt. "Athos ist ein Zentrum des orthodoxen Mönchstums nicht weit von Thessaloniki, der zweitgrößten Stadt Griechenlands", erzählt Dr. Zachary Chitwood. "In seinem Status ähnelt er dem Vatikan. Er gilt nicht als unabhängiger Staat, aber als semiautonome Mönchsrepublik. Athos beherbergt 20 Hauptklöster, rund 2.300 Mönche leben dort. Und es gibt eine Besonderheit: Es herrscht Frauenverbot – das bezieht sich auf weibliche Wesen jeglicher Art."

Der Byzantinist skizziert in wenigen Sätzen eine Welt, die vielen im europäischen Westen fremd sein dürfte, die jedoch über die vergangenen Jahrhunderte eine zentrale Rolle im östlichen Mittelmeerraum spielte. "Athos ist ein abgelegener Ort, wo man sich dem Gebet und der Askese widmet. Dieses Bild wird bis heute sorgfältig tradiert. Doch vor allem im Mittelalter war Athos auch ein höchst einflussreicher, unabhängiger Akteur, der enge Verbindungen zum Byzantinischen Reich pflegte. Vieles, das wir über Byzanz wissen, haben wir über die Aufzeichnungen der Mönche erfahren."

Datenbank zur Mönchsrepublik

Chitwood hat ein Projekt ins Leben gerufen, das den Blick auf den heiligen Berg verändern soll. Mit MAMEMS (Mount Athos in Medieval Eastern Mediterranean Society) wird er eine prosopografische Datenbank erstellen, die alles umfasst, was über die Mönche, die Klosterstifter sowie prominente und weniger prominente Besucher des Athos zu erfahren ist. Er konzentriert sich dabei auf den Zeitraum von 850 bis 1550, auf eine Epoche, in der Athos fleißig in der großen Politik mitmischte.

Ermöglicht wird dieses Projekt durch eine Förderung des Europäischen Forschungsrats: Chitwood ist es gelungen, einen der begehrten ERC Starting Grants für MAMEMS einzuwerben. Der Rat stellt ihm knapp 1,5 Millionen Euro für seine Forschung zur Verfügung.

"Dr. Chitwood ist der erste Forscher aus dem Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften, der an unserer Universität einen solchen Grant erhalten hat", stellt Julia Doré fest. Sie leitet das Referat Forschungsförderung/EU-Beratung in der Abteilung Forschung und Technologietransfer der JGU. "Mainz steht mit seiner Universität und der Universitätsmedizin vergleichsweise gut da, was diese Form der Förderung angeht. Wir haben zurzeit insgesamt 15 ERC Grants an der JGU, seit Einführung des Programms im Jahr 2007 wurden 35 Projekte unterstützt." Sie alle sind allerdings im Bereich der Natur- und Lebenswissenschaften angesiedelt – bis auf Dr. Chitwoods MAMEMS.

"In der deutschen Förderlandschaft ist für den wissenschaftlichen Nachwuchs allenfalls noch das Emmy-Noether-Programm mit den ERC Starting Grants zu vergleichen", meint Doré. "Doch es wendet sich an eine speziellere Gruppe, nämlich an Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler bis vier Jahre nach der Promotion. Der Starting Grant geht an Einzelpersonen bis zu sieben Jahre nach der Promotion. Er lässt sich zudem sehr flexibel einsetzen, und die Forschenden genießen viele Freiheiten. Dr. Chitwood hätte sein Projekt auch in Thessaloniki ansiedeln können, die Förderung ist innerhalb Europas ortsunabhängig. Außerdem gibt es Grants für jede Stufe der wissenschaftlichen Karriere: Es beginnt mit dem auf 1,5 Millionen dotierten Starting Grant, dann folgen der Consolidator Grant mit 2 Millionen und der Advanced Grant mit 2,5 Millionen. Daneben gibt es den Synergy Grant, für den sich bis zu vier Personen zusammenschließen können, die dann maximal 10 Millionen Euro bekommen."

Hohes Risiko, großer Gewinn

Der Europäische Forschungsrat interessiert sich vorzugsweise für wissenschaftlich bahnbrechende Projekte, während EU-Förderungen ansonsten häufig wirtschaftliche Aspekte im Blick haben. Die ERC Grants werden ein wenig nach dem Motto 'High risk, high reward' verteilt", meint Chitwood. "Man muss etwas wagen in seiner Forschung. Der Erfolg ist nicht unbedingt gesichert, auch ein Scheitern ist möglich. Aber dafür ist der potenzielle Erkenntnisgewinn umso höher." – "Die Idee einer speziellen Datenbank ist komplett innovativ, sie macht MAMEMS zu einem sehr interessanten Projekt", ergänzt Doré. "Außerdem ist es sehr europäisch ausgerichtet, auch das ist günstig für einen Grant."

Chitwood hat ein interdisziplinäres Team zusammengestellt: Am JGU-Außenposten in der Mainzer Hegelstraße arbeitet er eng mit dem Slavisten Dr. Kirill Maksimovič, der Kartvelologistin Dr. Tinatin Chronz, der Osmanistin Dr. Vanessa de Obaldia und der Byzantinistin Emanuela Mindrila zusammen. Die vier werden von zwei studentischen Assistenten unterstützt. "Ich finde den internationalen Aspekt an der europäischen Forschung faszinierend", meint der Byzantinist. "Ich selbst bin in den USA geboren, meine Kolleginnen und Kollegen stammen aus Russland, Georgien oder Rumänien."

Mit dieser in mehrfacher Hinsicht vielfältigen Gruppe möchte Chitwood seinem vielgestaltigen Forschungsgegenstand gerecht werden. "Selbstverständlich finden sich byzantinische Klöster auf dem Athos, aber es gibt auch ein Kloster, das im 10. Jahrhundert von einem georgischen Prinzen gestiftet wurde, ein russisches Kloster, ein bulgarisches, ein serbisches und sogar ein Kloster der Benediktinermönche. Jede Mönchsgemeinschaft hat ihre eigenen Traditionen, jede reagiert anders auf unser Anliegen, die Archive einsehen zu wollen."

Chitwoods Gruppe will nicht nur die herkömmlichen Chroniken und Verzeichnisse unter die Lupe nehmen. "Erstmals werden wir uns mit den in den Klöstern vorhandenen Gedenkregistern beschäftigen. Sie wurden bisher nicht untersucht, sind kaum ediert und zum Teil nicht mal katalogisiert." Fußend auf dem Reichtum der Quellen wird MAMEMS eine Fülle an biografischen Daten zugänglich machen, aus der dann verschiedenste wissenschaftliche Disziplinen mit Gewinn schöpfen können. "Ich kann zum Beispiel jetzt schon sagen, dass trotz des Frauenverbots tatsächlich mehrfach Frauen auf dem Athos waren", sagt Chitwood. "Mitte des 14. Jahrhunderts etwa besuchte die Gattin eines serbischen Herrschers den Berg."

Keine Angst vor EU-Förderung

"Dr. Chitwood kam seinerzeit auf meine Kollegin Dr. Nicole Birkle zu, um den Antrag auf den ERC Grant zu stellen", erzählt Doré. "Es gibt sicher viele Postdocs an der JGU, die auf exzellentem Niveau forschen. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie mit den Formalien eines solchen Antrags vertraut sind. Wir erklären, worauf es ankommt, wie man darstellt, dass die eigene Arbeit wichtig ist, und wie die einzelnen Förderungen evaluiert werden."

Viele zögern, Anträge auf die großen ERC Grants zu stellen, und begnügen sich mit kleineren Summen aus deutscher Hand – gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften. "Etwa neun Prozent unserer Förderungen kommen aus EU-Töpfen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft, das Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie private Stiftungen stellen einen entschieden größeren Anteil an Geldern", fasst Doré zusammen. "Wir würden gern noch eine Steigerung der Antragsaktivität für ERC Grants sehen, doch ich habe den Eindruck, dass manch einer zu großen Respekt vor den hohen Summen hat. Vielleicht lässt auch die Befürchtung zu scheitern viele zögern. Denn egal, wie gut ein Projekt ist, die europäische Konkurrenz ist erstklassig, und es werden sich immer Kritiker finden."

MAMEMS zeigt, wie herausragende Projekte mit solchen Grants realisiert werden können. Doré rät angesichts dieses Musterbeispiels an gelungener Förderung: "Keine Angst vor ERC Grants. Die können auch sehr gut für die Geistes- und Sozialwissenschaften passen."