Neue Wege in der Lehrerbildung

25. Februar 2022

Die Einrichtung von Lehr-Lern-Laboren hob die Lehrerbildung an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) auf ein neues Niveau. Theorie und Praxis wurden eng miteinander verzahnt. Nun bündelt eine digitale Lehr-Lern-Plattform die Materialien und Erkenntnisse aus den vergangenen Jahren. Sie soll frische Impulse geben und zusätzliche Möglichkeiten eröffnen.
 

"Mit der neuen Plattform bringen wir noch mal ein Stück mehr Praxisbezug in unsere Lehrerausbildung", stellt Johannes F. Lhotzky vom Institut für Physik der JGU fest. Dies hatten sich die Studierenden immer wieder gewünscht, und über die Qualitätsoffensive Lehrerbildung, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, wurden bereits seit 2016 die entsprechenden Weichen gestellt: Das Projekt "Lehr-Lern-Forschungslabore als Orte vertieften Lernens: Das Mainzer Modell kooperativer Lehrerbildung" ging an den Start. "Dort schauen wir uns den realen Unterricht an, erproben neue Konzepte und sehen, was funktioniert", skizziert Lhotzky kurz und prägnant die Arbeit in einer ganzen Reihe von Fächern, bevor er einen Satz formuliert, der gut als Motto hinter den vielfältigen Bemühungen der vergangenen Jahre stehen könnte: "Wir kommen von der Praxis und gehen in die Praxis."

Die digitale Lehr-Lern-Plattform führt nun all die verschiedenen Stränge, all die Materialien, Ergebnisse und Erkenntnisse dieses groß angelegten Projekts zusammen. "Wir wollen damit vor allem Studierende und Lehrende ansprechen", erklärt Nadine Baston von der AG Schulforschung/Schulpädagogik am Institut für Erziehungswissenschaft der JGU. "Unsere Plattform ist ein Ort, an dem verschiedene Fächerkulturen und die Praxis ganz konkret zusammenkommen. Sie macht unseren Ansatz der Interdisziplinarität noch mal deutlicher."

Lehr-Lern-Forschungslabore

Angesichts der Corona-Situation findet das Gespräch mit Baston und Lhotzky digital per Konferenzschaltung am PC statt. Das macht den Austausch allerdings kaum weniger lebendig. Längst sind die beiden gewohnt, in dieser Weise zu kommunizieren. Auf die Frage etwa, welches Team denn nun die neue Lehr-Lern-Plattform realisierte, deaktiviert Lhotzky kurzfristig seine Bildübertragung. Nun füllt Bastons Porträt den gesamten Bildschirm. "Hier sehen Sie das Team", feixt der Physiker aus dem Off und ergänzt: "Natürlich arbeiten wir alle in den beteiligten Fächern an den Angeboten für die Plattform. Aber für die vielen Details der Abstimmung mit dem Zentrum für Datenverarbeitung und den beteiligten Fächern ist Frau Baston verantwortlich."

Ab Januar 2016 begannen die Fachdidaktiken in den Fächern Englisch, Geschichte und Physik in Kooperation mit den Bildungswissenschaften ihre Lehr-Lern-Forschungslabore an der JGU aufzubauen. Lehramtsstudierende bekamen Gelegenheit, ihre Konzepte in realen Klassen zu erproben. Viele weiterführende Schulen in der Region konnten dafür als Kooperationspartner gewonnen werden. Das Besondere: Die Unterrichtseinheiten wurden von mehreren Kameras aufgenommen. Es entstand ein multiperspektivischer Mitschnitt der Stunden, der für eine ausführliche forschungsorientierte Videoanalyse genutzt wurde. Praxis und Theorie waren nun eng miteinander verzahnt. "Damit konnte das Projekt eine zukunftsweisende Verbesserung der Lehramtsausbildung auf den Weg bringen", meint Baston.

2019 kamen in der zweiten Förderphase die Fächer Musik, Katholische Religion sowie die Romanische Sprachen mit Spanisch und Französisch hinzu. Die Didaktiken der einzelnen Disziplinen bildeten Tandems und kooperierten wiederum eng mit den Bildungswissenschaften. Das ermöglichte den intensiven Austausch von Kompetenzen und Erfahrungen. Die Studierenden des Masters of Education besuchen parallel zu den einzelnen Laboren die auf zwei Semester angelegte Forschungswerkstatt der Bildungswissenschaften. Dort reflektieren und interpretieren sie verschiedenste videografierte Unterrichtsituationen, um sich dann mit einem vertieften Verständnis der Lehr-Lern-Prozesse wieder der Unterrichtspraxis zu widmen.

Viel mehr als ein Archiv

"In den vergangenen fünf Jahren nahmen rund 700 Studierende an mehr als 50 Lehr-Lern-Forschungslaboren teil", bilanziert Baston. Es entstand ein Berg an Unterrichtsmaterialien und -mitschnitten, ergänzt durch Aufzeichnungen, die während der Corona-Pandemie gemacht wurden. "Wir haben einfach wahnsinnig viel Material und standen dann irgendwann vor der Frage, wie wir das alles aufbereiten, wie wir es unseren Lehramts-Studierenden und Lehrenden zur Verfügung stellen können."

Baston suchte nach einer Antwort. "Ich war dabei nicht allein", betont sie. "Wissenschaftliche Hilfskräfte unterstützen mich bis heute, indem sie Videos schneiden, und da ich keine Programmiererin bin, realisierten wir die Plattform in enger Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Datenverarbeitung (ZDV) der JGU." Zudem übernahm sie nur bedingt die Regie: "Ich bin nicht nur an die Studierenden, sondern auch an die Vertreterinnen und Vertreter der einzelnen Fachdidaktiken herangetreten und habe gefragt: Was wünscht ihr euch? Was braucht ihr? Alle Teilprojekte sowie natürlich die Nutzerinnen und Nutzer sind an der Entwicklung der Plattform beteiligt."

Eines war von Beginn an klar: "Wir wollten nicht einfach nur unser Material zur Verfügung stellen. Das kennen wir bereits von Videoportalen. Wir wollten mehr." Lhotzky geht ins Detail: "Die Lehr-Lern-Plattform der JGU ist nur im ersten Schritt ein Speicherort, darüber hinaus dient sie als Lernumgebung und stellt Analyse-Tools zur Verfügung." – "Studierende können eigenständig mit ihr arbeiten, die Tools können zudem in der Lehre kurz- und langfristig eingesetzt und für Abschlussarbeiten herangezogen werden", ergänzt Baston. "Sie haben einen Ort, wo sie alles finden, wo sie Marker setzen und Materialien und Mitschnitte methodisch analysieren können. Es gibt komplette Einheiten zu verschiedenen Themen und eine Verschlagwortung, die hilft, wenn ich etwas zu Klassenführung, kognitiver Aktivierung, Klassenklima oder Deeper Learning suche." Auch an eine Vernetzung der Plattformnutzerinnen und -nutzer ist gedacht: Chats und Foren sollen entstehen.

Plattform in ständiger Entwicklung

Die Fachdidaktik der Physik nahm 2016 eine Pilotfunktion bei der Einführung der Lehr-Lern-Labors ein, im Sommersemester 2021 war sie wieder ganz vorn mit dabei: Lhotzky setzte die Plattform als erster in einem Seminar ein. Das bewährte Grundkonzept funktionierte auch auf dieser Ebene. 17 Studierende unterzogen Praxismaterial der Analyse, tauschten sich darüber aus und gingen mit den erworbenen Erkenntnissen an die Unterrichtskonzeption und in die Praxis. Zudem profitiert längst auch die Forschung von der Plattform: "Mittlerweile konnten wir mehr als ein Dutzend Bachelor-Arbeiten vergeben, die sich auf unsere umfassenden Daten stützen", erzählt Baston.

Der Berg an Material wächst derweil unentwegt weiter – aber auch die Plattform wird sich permanent entwickeln. Dabei helfen vor allem Kolleginnen und Kollegen aus der AG Schulforschung/Schulpädagogik und den beteiligten Fachdidaktiken: Baston nennt zum Beispiel Anna Thede. Sie betreute zwölf Bachelor-Arbeiten auf der Plattform und wird die Plattform in zwei Kursen im kommenden Sommersemester einsetzen. Juniorprof. Dr. Katrin Gabriel-Busse nutzt die Plattform in ihren Bachelor-Seminaren und wird sie genau wie Prof. Dr. Marius Harring im nächsten Semester erstmals in einem Master-Seminar einführen. Zudem wurden erste Einheiten in Seminaren der Romanistik, Physik, Musik und Katholische Religion erstellt, bereits eingesetzt oder für den Einsatz vorbereitet. Mit Ende des Wintersemesters 2021/2022 haben somit bereits über 120 Studierende von den Strukturen der Plattform profitiert. Für das Sommersemester 2022 ist der Einsatz in mindestens acht Seminaren geplant.

Baston ist also tatsächlich nicht allein. "Bei mir läuft nur alles zusammen", meint sie resümierend. Lhotzky nickt zustimmend. Bei einem analogen Treffen wäre dies der Moment, wo die beiden sich anschauen würden. Doch das muss leider ausbleiben in der aktuellen Situation.