Disziplinierte Empathie als wichtiges Werkzeug in hochpolitischen Zeiten

10. März 2022

Über ein Jahrzehnt hinweg forschte Franziska Fay auf dem Sansibar-Archipel. Dort arbeitete sie mit Kinderschutzakteuren, Kindern in Grund- und Koranschulen, war Gastdozentin an der Zanzibar University und beriet internationale Hilfsorganisationen. Nach Stationen in Frankfurt und London ist sie seit 2021 Juniorprofessorin für Politische Ethnologie am Institut für Ethnologie und Afrikastudien der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU).
 

Wenn es nach ihr ginge, bräuchte die Ethnologie noch viel mehr Bewegung. "Wir treffen in unserem Fach schon auf sehr unterschiedliche Charaktere", betont Juniorprof. Dr. Franziska Fay. "Aber wir haben noch lange nicht das Ausmaß an Diversität erreicht, das notwendig ist, um die Lebenswelten, die wir erforschen, auch durch unterschiedliche Linsen zu beleuchten. Wir brauchen mehr Diskussionen in der Disziplin, die von Menschen mit verschiedenen Erfahrungen und Hintergründen geführt werden. In Deutschland ist die Ethnologie noch immer sehr 'weiß', also von Personen dominiert, die zu privilegierten Gruppen der Gesellschaft gehören, wie natürlich auch ich selbst." In ihrer Wissenschaftspraxis versucht Fay diesem Ungleichgewicht unter anderem durch ein stärkeres Miteinbeziehen anderer Sprachen etwas entgegenzusetzen – zuletzt im Kontext eines internationalen Workshops zu "Tafsiri" (Übersetzung), den sie mit zwei Kolleginnen hauptsächlich auf Swahili organisierte.

Fay kam im April 2021 ans Institut für Ethnologie und Afrikastudien (ifeas) der JGU. "Rückblickend war das ein Glücksfall. Während der Postdoc-Phase hat man kaum Einfluss darauf, wo man letztendlich landet. Es wird viel Flexibilität von einem erwartet auf der Suche nach einer Stelle, die zum eigenen Forschungsfeld passt." Womit Fay nicht gerechnet hatte: Es verschlug sie in die unmittelbare Nachbarschaft ihrer Heimatstadt. "Ich bin in Frankfurt am Main geboren, in Offenbach aufgewachsen." An der Goethe-Universität Frankfurt absolvierte sie 2011 ihren Magister in Erziehungswissenschaften, Kulturanthropologie und Afrikanischer Sprachwissenschaft mit Schwerpunkt Swahili.

Ostafrika, Offenbach, London

"Kurz vor meinem Abitur nahm meine Mutter mich nach Tansania mit, wo sie zu dem Zeitpunkt als Architektin arbeitete. Das war mein erster Aufenthalt an einem swahilisprachigen Ort. Der neue Blick auf mich selbst in einem Kontext, der mir bis dahin unbekannt war und in dem ich kaum kommunizieren konnte, wurde zu einer prägenden Erfahrung." Zurück in Deutschland, entschloss sich Fay, Swahili zu studieren, die Amtssprache Tansanias und die verbreitetste Sprache in Ostafrika.

"Offenbach ist die deutsche Stadt mit dem höchsten Anteil an Menschen mit Migrationsgeschichte. Mit dem besonderen Charakter dieses Zusammenlebens, mit der Wertschätzung von Differenz und dem Ausgangspunkt, immer ganz verschiedene Lebenssituationen mitzudenken und zusammenzubringen, bin ich groß geworden." Fay sieht viele Parallelen zwischen dem Umfeld, aus dem sie stammt und in das sie nun zurückgekehrt ist, und dem Anspruch, den die Ethnologie als Wissenschaft vertritt.

Von der Frankfurter Goethe-Universität und nach der Beschäftigung im Kinderrechtsbereich mit Save the Children in Berlin und der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Malawi wechselte sie 2012 an die School of Oriental and African Studies (SOAS) in London. Wieder fand sie sich in einer sehr lebendigen – wenn auch entschieden größeren – multikulturellen Metropole. "Ich mag solche kosmopolitischen Städte sehr. Dort ist alles weniger festgeschrieben, die Menschen sind offener und angebliche Kategorien gehen fließend ineinander über. Das fehlt mir andernorts oft." Im Jahr 2017 wurde sie mit dem Prädikat "summa cum laude" am Institut für Sozialanthropologie und Soziologie promoviert.

Fay hatte ein Forschungsfeld gefunden, das sie rund ein Jahrzehnt beschäftigen würde: Im Zentrum standen die Bemühungen von internationalen Kinderschutzorganisationen, die Situation von Kindern in Schulen verbessern zu wollen, dabei aber oft unerwartete Nebenwirkungen erzielen. "Die Kinderrechtsorganisation Save the Children hatte ein Programm gestartet, mit dem sie gemeinsam mit der lokalen Regierung ein nationales Kinderschutzsystem aufbauen wollte. Ein Ziel des Programms war es, dass Kinder im schulischen Kontext besser vor physischer und psychischer Gewalt geschützt werden." In Sansibar ist körperliche Züchtigung an Schulen verbreitet, Stockschläge sind als Disziplinierungsmaßnahmen legal. In Zusammenarbeit mit den Behörden wollte Save the Children das ändern.

Kinderschutz in Sansibar, Swahili in Oman

"Als Ethnologin ging es mir in meiner Forschung darum, nicht primär zu bewerten, ob Körperstrafe per se gut oder schlecht ist, ob sie erlaubt oder verboten sein sollte. Die ethnologische Arbeit im Feld ist eine dokumentierende, die es ermöglicht, menschliches Handeln im Detail zu beobachten, zu beschreiben, dieses zu reflektieren und Spannungspunkte ausfindig zu machen." In Sansibar arbeitete Fay vor allem mit lokalen Kinderschutzaktivistinnen und -aktivisten sowie mit Schülerinnen und Schülern selbst, die von dem besagten Kinderschutzprogramm profitieren sollten. "An den Schulen bestanden meine Forschungsaktivitäten darin, über 18 Monate hinweg einen Raum zu schaffen, in dem Kinder zeichnen, fotografieren und Gedichte schreiben konnten, um mit diesen Mitteln ihre Erfahrungen mit dem Kinderschutzprogramm zum Ausdruck zu bringen."

Fay wollte wissen, wie das Programm der Kinderrechtsorganisation vor Ort übersetzt und konkret umgesetzt wurde, vor allem aber auch, wie die Kinder selbst dazu standen. "Die Grundidee von Save the Children war es, Stockschläge an Schulen zu verbieten und durch 'positive Disziplin' zu ersetzen. Was oft tatsächlich geschah war jedoch, dass die Schülerinnen und Schüler bei Verfehlungen dazu aufgefordert wurden, kleine Geldsummen zu zahlen. Viele der Kinder berichteten, dass das für sie eine größere Herausforderung darstellte, als einige Stockschläge zu erdulden." Diese Auslegung des Programms, die in einem von Armut geprägten Kontext wie Sansibar für Kinder und ihre Familien neue Schwierigkeiten mit sich brachte, war so nicht von Save the Children intendiert, wurde aber erst durch Fays Forschungsarbeit vor allem mit jungen Menschen aufgedeckt.

Das ist nicht unbedingt etwas Neues: Projekte und Ansätze, mit denen an sich etwas Positives erreicht werden soll, geraten in Konflikt mit den Realitäten vor Ort. "Ich habe seit Beginn meiner Forschung eng mit den Verantwortlichen von Save the Children zusammengearbeitet, meine Einblicke mit ihnen geteilt und sie bei Übersetzungen und Analysen von lokalen Programmen beraten. Es ist unabdingbar, solche Programme an die Praxis, an die gelebte Realität anzupassen. Kinderschutz ist ein emotional stark aufgeladenes Thema. Da kann es schwerfallen, nicht von vornherein mit einer bestimmen Position heranzugehen. Doch genau darum geht es bei der ethnologischen Forschung: Man muss die Überheblichkeit und Überzeugung, selbst von vornherein zu wissen, wie die Dinge funktionieren und warum Menschen handeln und leben, wie sie es eben tun, ablegen. Man muss sich ein 'beginner's mind' zulegen."

Im vergangenen Jahr stellte Fay ihr Buch "Disputing Discipline: Child Protection, Punishment and Piety in Zanzibar Schools" an der Goethe-Universität Frankfurt vor. Gastgeber war das Forschungszentrum Normative Ordnungen, wo sie bis zu ihrer Berufung an die JGU arbeitete. Dort entwickelte sie auch ein zweites Forschungsgebiet, das sie ein Stück die ostafrikanische Küste hinauf zum Sultanat Oman im Südosten der Arabischen Halbinsel führte: "Mich interessiert die swahilisprachige Diaspora im Oman. Aufgrund der jahrhundertealten Beziehung zwischen der Swahili-Küste und der Arabischen Halbinsel wachsen viele junge Omanis heute noch swahili- und arabischsprachig auf. Zeitgleich kommen zahlreiche Menschen aus der ostafrikanischen Region, vor allem von der Küste, zum Arbeiten dorthin, oft, indem sie Familienverbindungen folgen. Wie begreift sich diese Diaspora – wenn man überhaupt von einer sprechen kann – über den westlichen Indischen Ozean hinweg? Wer fühlt sich wie zugehörig und inwiefern haben sich diese Zugehörigkeitsgefühle und -praktiken über die Generationen verändert?"

Vom Potenzial der Ethnologie

In einem weiteren Schwerpunkt ihrer Forschungsarbeit befasst sich Fay mit afrikanischen Feminismen. Dazu wird sie im Sommersemester 2022 eine Lehrveranstaltung anbieten. "Es wird vor allem um zentrale Konzepte und Fragestellungen der Arbeit afrikanischer feministischer Aktivistinnen und Aktivisten gehen. Tansania, meine zentrale Forschungsregion, ist hier ein spannendes Beispiel, da es derzeit das einzige afrikanische Land mit einem weiblichen Staatsoberhaupt ist und sich dadurch momentan im globalen feministischen Diskurs ganz neu positioniert."

Die letzten Jahre waren aufgrund der eingeschränkten Reisemöglichkeiten ungewohnt für die Ethnologin, die Pandemie erschwerte vieles. "Die Corona-Zwangspause hat mich wie viele andere Kolleginnen und Kollegen dazu gebracht, unser Feld, das nun für längere Zeit nicht besucht werden konnte, neu zu denken und andere Zugänge zu finden, die es erlaubt haben, die wichtigen Beziehungen und Verbindungen vor Ort nicht abreißen zu lassen. Nun hoffe ich, demnächst endlich wieder in den Oman reisen zu können." Daneben arbeitet Fay momentan mit Kolleginnen und Kollegen an der JGU am Aufbau einer interdisziplinären Forschungsgruppe zu Indian Ocean Studies mit.

Zum Abschluss betont Fay: "Vielmehr als in der Ethnologie als Feld selbst sehe ich die größere Relevanz für unsere Gegenwart und Zukunft in der Ethnografie, unserer Methode und unserem Genre. Meine Doktormutter Christopher (Kit) Davis hat sie wunderbar treffend als 'disziplinierte Empathie' beschrieben, die als 'eine Art politischer Prozess' auf der 'Ebene des Alltäglichen' operiert. So eine disziplinierte Empathie brauchen wir in unseren hochpolitischen Zeiten mehr denn je, um mit Fragen zu sozialer Ungerechtigkeit, Rassismus oder dem Ausschluss von Menschen durch vorherrschende Machtstrukturen umzugehen. Ethnologinnen und Ethnologen haben hier oft besonders gute Werkzeuge und damit auch die Möglichkeit, vielleicht sogar die Verantwortung, sich an gesellschaftspolitischen Prozessen zu beteiligen."