Klimaschutz in der Karibik

2. Juni 2022

Marion Geiss kam 2002 an die Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU), um Afrikanistik zu studieren. Immer war es ihr Wunsch, die Welt zu entdecken und Länder kennenzulernen. Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) bot ihr diese Möglichkeit: Geiss arbeitete an Entwicklungsprojekten in Tunesien und Thailand, Kolumbien und Jordanien. Seit 2016 ist sie in Grenada tätig, um dort die Anpassung an den Klimawandel voranzubringen.
 

Rund 7.500 Kilometer liegen zwischen Deutschland und dem Inselstaat Grenada weit draußen vor der Küste Venezuelas im Karibischen Meer. Im Oktober 2016 kam Marion Geiss hierher – doch nicht, um Urlaub zu machen wie so viele andere. Sie wollte ihren Teil dazu beitragen, ein ambitioniertes Klimaprogramm umzusetzen. "Inselstaaten sind besonders betroffen vom Klimawandel", erzählt sie. "Grenada möchte zeigen, was man alles tun kann. Das Argument lautet: Wenn wir das als kleiner Inselstaat schaffen, dann schaffen es andere auch."

Geiss ist an diesem Wochenende bereits früh auf den Beinen: "Wenn die Sonne aufgeht, ist sowieso nicht mehr an Schlaf zu denken. Die Vögel machen einen ziemlichen Krach." Tatsächlich sind sie im Hintergrund deutlich zu hören, denn die Internetverbindung von Mainz nach Grenada ist einwandfrei. Nichts weist darauf hin, dass zwischen den beiden Orten sieben Zeitzonen liegen: In Mainz regnet es um 14 Uhr, in Grenadas Hauptstadt St. George's steht das Thermometer um 8 Uhr bereits auf 28 Grad, und das bei strahlendem Sonnenschein. In Geiss' Leben spielen sowohl die karibische Insel als auch die Stadt am Rhein eine wichtige Rolle.

Studium als Tor zur Welt

"Ich bin in einem kleinen Dorf in Schwaben aufgewachsen. Nach dem Abitur wollte ich die große Welt kennenlernen. Also habe ich meinen Rucksack gepackt und mich für Freiwilligencamps beworben." Unter anderem war sie mehrere Monate in Ghana. "Als ich zurückkehrte, suchte ich nach einem Studium, das es mir später ermöglichen würde, viel herumzukommen." Sie schrieb für eine Zeitung, dort fragte sie nach Rat. "Ein Redakteur meinte, falls ich mich für den Journalismus entscheide, sollte ich eher nicht Germanistik studieren, sondern lieber etwas Spezielleres, womit ich dann eine Zusatzqualifikation mitbrächte. So kam ich auf Afrikanistik. Das interessierte mich." Sie schaute sich nach einer passenden Uni um und stieß auf Mainz. 2002 schrieb sie sich an der JGU ein.

Geiss arbeitete immer viel neben dem Studium, auch an den Wochenenden. "Damit finanzierte ich mir meine Reisen in den Semesterferien." Sie ging als Praktikantin nach Mali an die deutsche Botschaft, arbeitete für ein paar Monate bei einer Nichtregierungsorganisation in Tansania, besuchte Südafrika – und wieder Ghana. Im Zuge des Studiums lernte Geiss Kiswahili. "Leider komme ich kaum mehr dazu, es zu sprechen." Daneben engagierte sie sich im Studierendenparlament (StuPa) und gründete mit anderen Studierenden der Afrikanistik den Verein ebasa (Ebasa – Bildung – Beratung – Ethnologie). "Wir hinterfragten eurozentrische Sichtweisen und die Stereotypen, die viele mit Afrika und seinen Menschen verbinden. Dazu entwickelten wir auch Beratungsangebote, zum Beispiel für Lehrkräfte. Der Verein existiert heute noch." Nach ihrem Grundstudium verbrachte Geiss ein ERASMUS-Semester an der Londoner School of Oriental and African Studies. "Diversität ist ein großes Thema in der Afrikanistik. Hier wurde sie noch mal auf besondere Weise gelebt, da die Studierenden aus aller Welt nach London kamen."

Mit dem Abschluss in der Tasche ging Geiss erst einmal wieder für ein weiteres Praktikum ans Goethe-Institut in Tansania. "Ich merkte, dass der Berufseinstieg nach einem geisteswissenschaftlichen Studium gar nicht so einfach ist." In Brüssel absolvierte sie einen berufsbegleitenden Postgraduierten-Master in EU-Politik mit Schwerpunkt Klima. Gleichzeitig arbeitete sie erst Vollzeit in der Personalabteilung eines internationalen Herstellers von Schienenfahrzeugen und trat dann ein Praktikum bei der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) an, die nach einer Umstrukturierung 2010 in die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH aufging. Damit hatte sie den passenden Arbeitgeber gefunden.

Klimaschonende Kühlung

"Die GIZ wird von der deutschen Bundesregierung, aber auch von der EU beauftragt, verschiedenste Projekte auf der ganzen Welt umzusetzen. Uns ist dabei immer wichtig, dass wir auf Augenhöhe mit den Beteiligten vor Ort arbeiten. Unsere Projektpartner übernehmen die Führungsrolle, wir unterstützen." Ab Ende 2009 führte sie eine Stelle im GIZ-Büro Tunis für zweieinhalb Jahre nach Tunesien. "Dort erlebte ich den Arabischen Frühling hautnah mit, alles geschah praktisch vor der Haustür. Dieser Aufbruch im Land war eine sehr interessante Erfahrung."

GIZ-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter sind häufig direkt vor Ort tätig, zugleich koordinieren sie aber auch Projekte von den beiden deutschen Hauptsitzen in Eschborn und Bonn aus. 2012 wechselte Geiss nach Eschborn zu einem global tätigen Vorhaben, das sich mit dem Thema Kühlung beschäftigte. "Der Bedarf an Kühlung steigt ständig, ob es nun um Nahrungsmittel geht, um Wohnräume, Büros – oder jüngst um Impfstoffe." Dass Fluorkohlenwasserstoffe (FCKW) als Kühlmittel schädlich sind, ist längst bekannt. In vielen Ländern sind sie verboten. "Aber deren Nachfolger, die F-Gase, gehören ebenfalls zu den potenziell hoch schädlichen Klimagasen. Sie sind zum Teil 4.000-mal schädlicher als CO2." Natürliche Kühlmittel wären eine gute Alternative, sind allerdings oft nicht so einfach zu handhaben wie ihre künstlichen Gegenstücke. Geiss war in Sachen umweltschonende Kühlanlagen und Kühlmittel nicht nur von Eschborn aus aktiv, sie reiste nach Thailand und Kenia, nach Israel und Jordanien.

Ab 2013 lief in Grenada das Programm "Integrierte Strategien zur Anpassung an den Klimawandel". "In diesem Zusammenhang entstand unter Mitarbeit von mehr als 160 nationalen Repräsentanten verschiedener Sektoren ein nationaler Anpassungsplan, der vorsieht, alle relevanten Ministerien, Institutionen und Stromanbieter einzubeziehen. Sie sollen miteinander verzahnt werden, um die Energieinfrastruktur gegen extreme Wetterereignisse zu wappnen, die der Klimawandel hervorruft."

Immer neue Herausforderungen

2016 kam Geiss als Beraterin der GIZ nach Grenada. Sie brachte ihr Know-how auf dem Gebiet der Kühlung mit. Auch darauf liegt ein Fokus in dem kleinen Karibikstaat. Darüber hinaus schlägt sich das Engagement Grenadas in einer ganzen Reihe von Projekten nieder. Geiss skizziert eines davon: "An der Ostküste Grenadas gab es einst einen Wald aus Mangroven. Diese Bäume haben einen extrem hohen ökologischen Wert. Sie beugen unter anderem dem Landverlust vor und schützen vor allem flache Landgebiete vor Hurrikans." Stürme wurden in den letzten Jahrzehnten immer mehr zum Problem: "Der Hurrikan 2005 zerstörte 95 Prozent der Insel. Die Folgen sind bis heute spürbar." Eine Wiederaufforstung des Mangrovenwalds soll helfen.

Aktuell arbeitet Geiss im Auftrag des deutschen Umweltministeriums als stellvertretende Projektleiterin am Projekt "Klimaresistenter Wassersektor in Grenada", an dem sich neben der GIZ auch der UN-verwaltete Green Climate Fund beteiligt. "Wasser ist knapp auf den Inseln. In der Trockenzeit haben wir mit Dürren zu kämpfen. Die größten Wasserverbraucher sind die Landwirtschaft und der Tourismus. Deshalb arbeiten wir daran, die Wasserversorgung anders zu gestalten. Etwa durch Regenauffanganlagen oder indem wir Wasserverlust durch lecke Pipelines vermeiden. Dabei setzen wir moderne Technik ein: Wenn wir zum Beispiel aus einem hochliegenden Behälter Wasser zu den Verbraucherinnen und Verbrauchern leiten, muss ein Teil des hohen Drucks aus den Leitungen genommen werden. Das erreichen wir mit kleinen Turbinen in den Leitungen, die durch den Bremsvorgang Energie gewinnen. Diese Energie können wir wiederum nutzen."

2025 läuft das Projekt aus. Was wird Geiss danach tun? "Ich weiß es noch nicht", meint sie. "Grundsätzlich gehört es zur Philosophie der GIZ, dass wir unser erworbenes Wissen an anderer Stelle weitergeben. Ich finde es auch toll, sich immer neuen Herausforderungen zu stellen und ein neues Umfeld kennenzulernen. Das macht meine Arbeit so attraktiv."