Alte Pflanzen frisch aus dem Beet

10. September 2012

Ob Mombacher Winter, Gonsenheimer Treib oder Hunsrücker Puffbohne – im Bauerngarten auf dem Gelände des Botanischen Gartens wachsen seltene Nutzpflanzen und regionale Sorten, die beinahe in Vergessenheit geraten sind. Auf 100 Quadratmetern findet sich eine ungeheure Vielfalt mit mancher Überraschung: Hier blüht der Salat, und eine Zwiebel wacht über die Möhren.
 

Das große Blatt leuchtet in kräftigem Grün, der Stängel glänzt gelborange im grellen Sonnenschein. Die Pflanze schimmert feucht, sie wirkt wie lackiert. Zum Essen ist sie beinahe schon zu schön.

"Mit Mangold können Sie eigentlich all das machen, was Sie mit Salat machen können", erzählt Dr. Ute Becker. "Er schmeckt ein wenig wie Spinat. Es gibt auch Leute, die sagen, man kann den Stängel wie Spargel zubereiten." "Aber auf jeden Fall haben Sie an so einem Blatt nicht so viel zu putzen wie am Spinat", ergänzt Dr. Ralf Omlor.

Seltene Nutzpflanzen, regionale Züchtungen

Der Kustos des Botanischen Gartens und die Leiterin der Grünen Schule an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) machen mit bei der Bauerngarten AG. Jeden Freitagnachmittag trifft sich diese Gruppe, um ihr besonderes Stück Garten zu pflegen. Sie ist 2010 aus dem Freundeskreis des Botanischen Gartens hervorgegangen. Knapp zwei Dutzend Profi- und Hobbygärtner haben sich zusammengeschlossen, um seltene Nutzpflanzen und regionale Züchtungen in einem Ambiente zu ziehen, wie es über Jahrhunderte allenthalben den ländlichen Bereich prägte.

"Der Bauerngarten diente zur Ernährung der Familie, lieferte aber auch Blumen", erklärt Becker. "Dabei durfte er nur wenig Arbeit machen."

Geschützt wird das gerade mal 100 Quadratmeter umfassende Gelände von einem Staketenzaun aus Kastanienholz. Im Mittelpunkt des Gartens findet sich ein Rondell mit Kräutern, gekrönt von einem Damaszener Rosenstock. "Diese Rose ist ein wenig in Vergessenheit geraten", erzählt Ingrid Tim, während sie nebenan ein Beet jätet. "Früher gab es sie oft an Höfen und Klöstern." Die Bauern übernahmen den prestigeträchtigen Blumenschmuck. Er war ein kleines Stück Luxus im Mittelalter, eine Art Statussymbol.

Eine Möhre ging ins DDR-Exil

Um das Rondell herum finden sich die Beete von jeweils wenigen Quadratmetern. Auf ihnen wachsen die eigentlichen Schätze. Der Gonsenheimer Treib etwa streckt hier sein grünes Kraut Richtung Sonne. Die Möhre wurde einst im Mainzer Stadtteil Gonsenheim gezüchtet, der ersten Adresse für Edelgemüse. Eine Weile ging sie ins Exil, sie wurde nur noch in der DDR angebaut. Nun ist sie zurück.

"Wir pflanzen gern Mischkulturen", sagt Becker und deutet auf die Zwiebeln zwischen den Möhren. "Sie vertreiben die Möhrenfliegen, die mögen den Geruch nicht." Becker zieht eine Möhre heraus. Kurz ist sie und dick. Sie entspricht so gar nicht dem, was im Supermarkt zu haben ist. Aber genau das ist Programm im Bauerngarten. Er soll die Augen dafür öffnen, welche Vielfalt Nutzpflanzen jenseits der Gemüseabteilungen zu bieten haben.

Die Bohne fürs andere Geschmackserlebnis

Für den Unterhalt der 100 Quadratmeter braucht die Bauerngarten AG nicht viel Unterstützung. Der Freundeskreis half mit einer Anschubfinanzierung von 2.500 Euro, mittlerweile aber reichen wenige Hundert Euro im Jahr völlig aus. Die Arbeit im Garten wird ausschließlich ehrenamtlich geleistet. Die Pflanzen selbst kommen oft aus den Gärten der engagierten Mitglieder.

Gabriele Gröll etwa hat die Hunsrücker Puffbohne beigesteuert. Die Pflanze wächst nun neben dem Mombacher Speck, einer weiteren lokalen Bohnensorte. "Viele dieser Pflanzen verschaffen Ihnen ein Geschmackserlebnis, das Sie so nicht mehr kennen", sagt Omlor. Ein Schuss Ironie ist herauszuhören. Denn nicht immer muss dieses Geschmackserlebnis positiv ausfallen. "Der Mombacher Speck zum Beispiel wird schnell fädig." Bei manchen Pflanzen mag es also einen Grund gegeben haben, warum sie bei Bauern und Kundschaft aus der Mode gerieten.

Der Salat aus der Genbank

Ein seltener Schatz im Garten ist der Mombacher Winter, eine regionale Salatsorte, deren Samen nur über die Gaterslebener Genbank des Leibniz-Instituts für Pflanzengenetik und Naturpflanzenförderung zu bekommen waren. "Der Salat ist sehr robust. Er steht den ganzen Winter über", sagt Becker.

Die AG zog neue Samen daraus. Becker zeigt, wie das aussieht: In einem Beet stehen drei hoch gewachsene Pflanzen. Dem Laien erscheinen sie wie Sträucher. Das soll Salat sein? "Salat ist zuerst ein kurzer Stängel mit ganz eng gewachsenen Blättern." So wird er geerntet. Aber irgendwann schießt der Stängel hoch. Wir sagen ja auch: Der Salat schießt." Er verliert die typischen Salatblätter, wird schlank und bildet Blüten.

"An solchen Beispielen wollen wir zeigen, wie wichtig es ist, selber Samen zu ziehen. Meist ist das nicht mal schwer." In der benachbarten Grünen Schule spielt der Bauerngarten ebenfalls eine Rolle. Becker führt Schulklassen, aber auch neugierige Erwachsene gern mal hierher, damit sie erfahren, wie der blühende Salat aussieht oder wie die Kräuter im Rondell duften: Zitronenmelisse gedeiht hier, Pfefferminz und vieles mehr.

Am Ende lockt Eintopf

"Vor zwei Jahren sah unser Garten noch sehr ordentlich aus", erinnert sich Becker. Mittlerweile präsentiert sich unter der Sommersonne eine erstaunliche Vielfalt auf dem kleinen Grundstück. Die Ringelblume blüht, die Reisetomate zeigt knubbelige Früchte, und der Mangold glänzt.

"Im Herbst treffen wir uns alle zum Saisonabschluss", erzählt Omlor. "Dann gibt es Eintopf aus dem, was hier wächst." Doch bis dahin ist noch einiges zu tun. Denn selbst wenn der Bauerngarten wenig Arbeit macht: Ins Schwitzen bringt er Becker, Omlor und Co. allemal, wenn sie sich am Freitag treffen, um ihre ungewöhnlichen Pflanzen zu pflegen.