Kein Philosoph für Universitäten?

14. Juni 2019

Lange Zeit war sie die einzige wissenschaftliche Einrichtung, die sich an einer deutschen Hochschule mit Arthur Schopenhauer auseinandersetzte, und bis heute ist sie die zentrale Anlaufstelle für all jene, die sich mit dem Philosophen beschäftigen wollen: 2001 gründete Prof. Dr. Matthias Koßler am Philosophischen Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) die Schopenhauer-Forschungsstelle.
 

Das Interesse an Arthur Schopenhauer ist groß. Er gehört zu den Philosophen, die einer breiten Öffentlichkeit zumindest vom Namen her bekannt sind. "An den deutschen Universitäten aber war er immer ein bisschen das schwarze Schaf", meint Prof. Dr. Matthias Koßler vom Philosophischen Seminar der JGU. "Es gab dort lange keine Institution, die sich mit ihm beschäftigte. Das überließ man lieber privaten Organisationen."

Sicher, Schopenhauer äußerte sich alles andere als lobend über die heimatliche Hochschullandschaft. In seiner Abhandlung "Über die Universitätsphilosophie" aus dem Jahr 1851 schimpft er: "Wie weit wird man noch reichen mit der oktroyierten Rockenphilosophie, oder mit hohlen Wortgebäuden, mit nichtssagenden, oder selbst die gemeinsten und faßlichsten Wahrheiten durch Wortschwall verundeutlichenden Floskeln, oder gar mit hegelischem absoluten Nonsens?" Doch das kann kaum als Grund hinreichen, ihn links liegen zu lassen.

Anlaufstelle für internationale Forschung

"Ich verstehe bis heute nicht, warum man ihn in universitären Kreisen derart mit Samthandschuhen anfasst und bis auf wenige Ausnahmen so vorsichtig mit ihm umgeht, dass man sich am besten gar nicht mit ihm befasst", wundert sich Koßler. Er schüttelt den Kopf und lächelt. "Es ist und bleibt mir ein Rätsel. Ich habe mittlerweile aufgehört, mir darüber Gedanken zu machen."

Im Juni 2001 gründete Koßler die Schopenhauer-Forschungsstelle am Philosophischen Seminar der JGU. Es war die erste wissenschaftliche Einrichtung an einer deutschen Universität, die sich ganz diesem Philosophen widmete. "Sie entstand als Kooperation der Schopenhauer-Gesellschaft und der JGU, die vor allem die Räumlichkeiten und die Infrastruktur zur Verfügung stellt." Zudem wird die Forschungsstelle seit 2008 von der Dr. Walter und Dr. Gertrud Pförtner-Stiftung unterstützt.

"Wir waren lange die einzige Anlaufstelle für die internationale Schopenhauer-Forschung", sagt Koßler. Mittlerweile hat sich die Lage etwas geändert. So gibt es zum Beispiel in Hagen eine Arbeitsstelle zu Schopenhauer, doch Mainz bleibt im Zentrum: "Pro Jahr haben wir 10 bis 15 Stipendiatinnen und Stipendiaten aus der ganzen Welt zu Besuch, die bei uns für ihre Arbeiten recherchieren." Besonders für Doktorandinnen und Doktoranden ist die Recherche in Mainz oft wichtig. Aktuell betreut Koßler Gäste aus Russland, Japan, Brasilien, Italien und China.

"Gerade im Ausland wird Schopenhauer intensiv rezipiert. In Brasilien etwa gibt es zwei Professuren mit Schopenhauer-Schwerpunkt, und Japan hat eine eigene Schopenhauer-Gesellschaft." In Ostasien ist Schopenhauer wohl auch deswegen so beliebt, weil er sich ausführlich mit dem Buddhismus beschäftigt hat. "Er war der erste westliche Philosoph, der den Buddhismus wirklich ernst genommen hat. Er meinte, dass wir viel daraus lernen können."

Zwischen Aufklärung und Moderne

Schopenhauer steht am Übergang von der Aufklärung zur Moderne. "Er war der Überzeugung, dass nicht die Vernunft die Welt ausmacht und bestimmt, sondern der triebhafte Wille", erklärt Koßler. "Ich glaube, diese These ist der Grund, warum er gerade heute interessanter ist als viele andere Philosophen. Wir sehen uns mit Kriegen konfrontiert, mit massiven Übergriffen. Für ihn besteht die Lösung nicht darin, auf die Vernunft zu setzen, sondern das triebhafte Willensprinzip und die Eigeninteressen zurückzunehmen. Schopenhauer wendet sich gegen die Auffassung, dass im Grunde alles in Ordnung ist. Er kritisiert unter anderem, dass immer mehr Bedürfnisse erzeugt werden. Er wendet sich gegen die ständige Konsumsteigerung, gegen ein Wachstum, das letztendlich auf Kosten anderer geht.

2019 ist Schopenhauer besonders gefragt, denn vor genau 200 Jahren erschien sein Hauptwerk "Die Welt als Wille und Vorstellung". "Wir arbeiten an einer Jubiläumsausgabe", erzählt Koßler und holt einen Stapel Druckfahnen aus dem Regal. "Unsere Neuausgabe ist textidentisch mit Schopenhauers Handexemplar der ersten Auflage. Links haben wir eine Spalte mit dem gedruckten Text, rechts finden sich Schopenhauers handschriftliche Anmerkungen."

Werkausgaben sind ein weiterer wunder Punkt in der Schopenhauer-Rezeption: Es fehlt eine wissenschaftlich fundierte historisch-kritische Gesamtausgabe. Daran arbeitet die Forschungsstelle mit Unterstützung der Schopenhauer-Gesellschaft. "Auch die Schopenhauer-Bibliographie wird bei uns gepflegt, aber es fehlt an einer gedruckten Ausgabe."

Wer Schopenhauers Schriften erwerben will, sieht sich regelmäßig vor Problemen: Sein handschriftlicher Nachlass etwa wird nicht mehr gedruckt und ist nur noch zu horrenden Preisen zu haben. In der Schopenhauer-Forschungsstelle stehen diese Bücher selbstverständlich – und noch einiges mehr: Hier gibt es sogar Schopenhauer auf Japanisch und Chinesisch. "Wir werden bei Übersetzungen oft nach Unterstützung gefragt", erzählt Koßler. "Finanziell ist da wenig möglich, aber wir können wenigstens ein Vorwort beisteuern." Jüngst wurde Schopenhauer ins Türkische und ins Chinesische übertragen. "Wir bekommen häufig Belegexemplare."

Schopenhauer-Zitaten auf der Spur

Entschieden wichtiger für die Forschenden ist die große Aufsatzsammlung der Forschungsstelle. Sie geht auf Prof. Dr. Rudolf Malter zurück, der die Schopenhauer-Forschung am Philosophischen Seminar der JGU wiederbelebte. "Wer irgendwo auf der Welt zu Schopenhauer forscht, wendet sich an uns", meint Koßler selbstbewusst. Auch die Schopenhauer-Jahrbücher, an deren Herausgabe die Forschungsstelle beteiligt ist, finden sich hier. "Wir haben sie digitalisiert und eine Plattform eingerichtet, auf der bequem nach Stichworten recherchiert werden kann."

Ein weiterer Service ist die eigene Auskunftsstelle: Dienstags von 10 bis 12 Uhr ist sie telefonisch zu erreichen, mittlerweile allerdings kommen die meisten Anfragen per Mail. "Wir versuchen, allen weiterzuhelfen", sagt Koßler. "Recht oft kommen Fragen zu Zitaten, die Schopenhauer zugeschrieben werden. Er gilt als der Philosoph, der für alles einen guten Spruch hat." Manchmal aber stammen die schlauen Sprüche eben doch nicht von ihm: "Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts" ist einer dieser umstrittenen Aphorismen. "Das ist nach unserer Auffassung nicht von ihm. Wir haben nirgends etwas dazu gefunden."

Für Herbst 2019 planen die Schopenhauer-Gesellschaft und die Forschungsstelle den internationalen Kongress "Das Hauptwerk. 200 Jahre Arthur Schopenhauers 'Die Welt als Wille und Vorstellung'" in Frankfurt. Es liegt nahe, dass das Institut für Philosophie der Frankfurter Goethe-Universität sich beteiligt. Doch ist die Kooperation auf das Organisatorische beschränkt, weil Schopenhauer in der Alma Mater seiner Wahlheimat keine besondere Rolle spielt. Deutsche Universitäten tun sich immer noch schwer mit dem Philosophen. Mainz ist da die rühmliche Ausnahme.