Brennpunkt Griechenland

7. Juni 2013

Zur Halbzeit seiner Vorlesungsreihe "Die Europäische Währungsunion – Erwartungen, Erfahrungen, Perspektiven" rückte Prof. Dr. Gerold Krause-Junk Griechenland in den Mittelpunkt. Der 14. Inhaber der Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur skizzierte den Weg des Landes durch die Krise.
 

Der Finanzwissenschaftler gesteht: "Ich habe mich ein bisschen verbummelt." Eigentlich wollte Stiftungsprofessor Gerold Krause-Junk an diesem Abend über mögliche Wege aus der Krise sprechen. Doch nun kündigt er seinem Publikum im größten Hörsaal auf dem Campus der Johannes Gutenberg-Universität Mainz an: "Ich brauche vorher noch ein bisschen Zeit für den Marsch in die Krise."

Als 14. Inhaber der Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur beleuchtet Krause-Junk gemeinsam mit prominenten Kollegen an zehn Abenden "Die Europäische Währungsunion – Erwartungen, Erfahrungen, Perspektiven". Jetzt ist Halbzeit, es bleibt also Raum für die Perspektiven, noch stehen die Erfahrungen im Vordergrund.

Kraus-Junk richtet den Blick auf Griechenland. Nachdem im Jahr 2007 die US-Immobilienblase platzte und 2008 die Investmentbank Lehman Brothers Inc. zusammenbrach, meldete sich 2009 der griechische Ministerpräsident und verwies auf Zahlungsschwierigkeiten. Am 18. März 2010 fehlten Giorgos Andrea Papandreou dann angeblich 5 Milliarden Euro, um diverse Lücken schließen zu können. Ein Betrag, der angesichts der noch folgenden Milliardenstützen lächerlich gering klingt.

Auf die Rettung spekuliert?

"Es ist klar, dass Länder mit hoher Staatverschuldung besonders unter der Krise litten", sagt Krause-Junk. "Wenn man hoch verschuldet ist und die Zinsen steigen, ist es logisch, dass man in weitere Schwierigkeiten gerät." Und die Zinsen stiegen. Für Griechenland wurde es immer teurer, an Geld heranzukommen.

Warum aber haben die Griechen überhaupt so viele Schulden gemacht? Finanzwissenschaftler Krause-Junk sieht zwei Möglichkeiten. "Zunächst: Damals gab es sinkende Zinsen. Die Politiker hatten in ihrem Haushalt aber Zinsen eingeplant. Also hatte man das Gefühl, man könne jetzt ruhig mehr Schulden aufnehmen." Die zweite Variante: "Es kann sein, dass die Griechen auf den Bail-out spekuliert haben." Also auf die Rettung durch die anderen europäischen Staaten.

Mit ein paar einfachen Formeln skizziert Krause-Junk Griechenlands damalige Lage. Im Ergebnis präsentiert er ein Land, dessen Volkswirtschaft mehr importiert als exportiert und das dabei ist, sich weiter zu verschulden. "Nicht nur im Staatssektor, auch im Privatsektor."

Wunderbares, chaotisches Italien

So eine Lage müsse nicht unbedingt in die Katastrophe führen. "Es gibt ja Länder mit hohem Potenzial und auf niedrigem Entwicklungsstand. Wenn sie da einen Euro investieren, kann viel dabei herausspringen." Nicht so in Griechenland. Der Kapitalimport wurde verwendet, um Zinsen zu bezahlen. Er brachte keine belebenden Impulse.

Krause-Junk weitet den Horizont. "Auch andere Länder haben sich übernommen." Er nennt Irland, das angesichts der Krise mit seinem Geschäftsmodell des "Internationalen Finanzzentrums" scheiterte, Portugal mit hohen Lohn- und Preissteigerungen, Spanien mit seiner Immobilienblase. "Auch Italien hat eine anhaltend hohe Schuldenquote." Doch in diesem Fall siegt das Staunen über die kühle Analyse des Finanzwissenschaftlers. "Italien ist ein Land voller Chaos, in dem nichts funktionieren dürfte, aber letztlich funktioniert doch wieder alles. Es ist ein faszinierendes Land."

Rating-Agenturen machten alles falsch

Viele Institutionen hätten sich in der Krise falsch verhalten. Krause-Junk nennt die Banken und die Ratingagenturen. "Diese Agenturen sind eigentlich sehr sinnvoll. Es ist nur so, dass sie alles falsch gemacht haben." Vor der Krise bekamen die Problemländer Topbewertungen. Die Ratings gingen erst herunter, als längst klar war, dass es Probleme gab. So verstärkten die Agenturen den Trend zu höheren Zinsen noch.

"Die Krise war also da. Ein ganze Fülle von Dingen war zusammengekommen. Entsprechend gibt es mehrere Möglichkeiten, mit der Krise umzugehen", leitet Krause-Junk zu den "Wegen aus der Krise" über, die er zumindest noch anschneiden will.

Was wäre gewesen, wenn man sich entschlossen hätte, den Bail-out Griechenlands, die Rettung, nicht zu vollziehen? Wenn man darauf gepocht hätte, dass alle Verträge eingehalten werden? "Das klappt nicht. Sie können nicht gegen ein öffentliches Vermögen vollziehen. Sollen wir der Regierung die Räume wegnehmen?" Ähnliches hätte passieren müssen, um die Schulden einzutreiben. "Es wäre zu einer ungeordneten Staatspleite gekommen. Ich habe damals verstanden und verstehe noch heute, warum die Politik das nicht riskieren wollte."

Abschied von der einfachen Lösung

Es kam also anders. Im Jahr 2012 gab es für Griechenland den Schuldenschnitt von 50 Prozent. Der Schuldenrückkauf von Staatspapieren mit einem Nennwert von 31,8 Milliarden für gerade mal rund 10 Milliarden Euro brachte eine weitere Erleichterung. Dennoch räumt Krause-Junk ein: "Im Nachhinein erscheint eine Staatspleite Griechenlands und eine anschließende Bankenrettung als die billigere Lösung. Wir werden es aber nie wissen."

"Von Vorlesung zu Vorlesung wird das Bild, das Sie zeichnen, immer dichter", resümierte Prof. Dr. Andreas Cesana, Vorsitzender der Stiftung Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur, am Ende des Abends. "Aber ich gewinne den Eindruck, dass es von Vorlesung zu Vorlesung komplexer wird. Und immer geringer wird die Möglichkeit einer einfachen Lösung." Ein zustimmendes Nicken Krause-Junks ließ die Antwort ahnen.