Crowdfunding für einen Schornsteinfeger

14. August 2013

Benjamin Brittens Kinderoper "Der kleine Schornsteinfeger" wird einer der Höhepunkte beim "Singing Summer 2013" der Hochschule für Musik. Regisseurin Claudia Isabel Martin stellt in ihrer Inszenierung ein aktuelles Thema in den Mittelpunkt: Mobbing unter Schülern. Um das Projekt zu finanzieren, sucht die Doktorandin Unterstützung übers Internet. Auf einer Crowdfunding-Plattform wirbt sie um Sponsoren.
 

Die Mülltonne wirkt wie ein Fremdkörper zwischen all den Instrumenten und Notenständern. Solch ein profanes Requisit findet sich eher selten in der Black Box der Hochschule für Musik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Schäbig und schwarz steht sie auf der Studiobühne, wo sie bald Karriere machen soll: Sie wird zum Albtraum für Sammy, den Protagonisten in Benjamin Brittens "Der kleine Schornsteinfeger".

Im Zuge der Sommerschule "Singing Summer" interpretiert Claudia Isabel Martin das 1949 uraufgeführte Stück auf moderne Weise – und geht auch in Sachen Finanzierung moderne Wege. Per Crowdfunding soll das Geld für Ausstattung, Kostüme und Ähnliches zusammenkommen. Über eine Internet-Plattform wirbt sie für das Projekt. "Das ist das erste Mal, dass wir so etwas an der Hochschule versuchen", erzählt die Doktorandin. "Aber auf diese Art könnten wir in Zukunft vielleicht öfter Projekte finanzieren."

Sponsoring übers Internet

Martin hat die Kinderoper bei Startnext, einer Crowdfunding-Community insbesondere für künstlerische Projekte, angemeldet. Dort suchen Filmemacher, Designer, Musiker und andere kreative Köpfe nach Geldgebern. Sie stellen ihre Projekte im Netz vor, nennen eine Mindestsumme, die sie brauchen, und hoffen auf Sponsoren. Wird die Summe bis zu einem festgesetzten Datum erreicht, kann das Projekt realisiert werden. Ansonsten wird das Geld zurückerstattet.

Martin und ihre Mitstreiter wollen 1.100 Euro bis zum 20. August 2013 einwerben. 633 Euro sind bisher zusammengekommen. "Am Anfang lief es sehr gut", berichtet die Regisseurin. "Nun sind uns die Ferien dazwischengekommen.“ Im Moment tröpfelt der Geldhahn bescheiden. Womöglich müssen doch andere Quellen aufgetan werden für die Kinderoper.

"Der kleine Schornsteinfeger" erzählt die Geschichte von Sammy, der von Bob und Clem gezwungen wird, in den dunklen, engen Schornstein der Familie Brook zu klettern. Zum Glück jedoch wird Sammy von den Kindern der Familie Brook gefunden, gerettet und versteckt.

Mobbing kommt auf die Bühne

Martin verleiht dem Stück besondere Aktualität: Sammy landet diesmal nicht im Schornstein, sondern in der Mülltonne. Bob und Clem sind zwei Mitschüler, die ihn tyrannisieren, und das große Thema der Oper ist nun Mobbing.

"Ich wollte im Rahmen von 'Singing Summer' ein Stück für Kinder auf die Bühne bringen. Bei meiner Suche bin ich auf Brittens 'Kleinen Schornsteinfeger' gestoßen." Martin erkannte, dass sie mit dieser Oper ein hochbrisantes Problem ansprechen kann. "Mobbing ist gerade an Schulen ein Riesenthema. Sicher wurden auch früher Schüler von Mitschülern terrorisiert, aber durch das Internet nimmt das Problem ganz neue Dimensionen an. Man weiß nicht mehr, wer einen da mobbt und wie man sich wehren kann und soll."

Martin hat die Hauptfigur der Oper nicht eindeutig als Junge oder Mädchen angelegt. "Sammy kann wirklich jeder sein. Mobbing kann jedem passieren, da spielt das Geschlecht keine Rolle." Insbesondere Sieben- bis Zwölfjährige sind angesprochen, sich mit Sammy zu identifizieren. "Sie werden auch einbezogen in die Handlung."

Aufführungen für Schulen

Geplant ist, die Oper nicht nur an der Hochschule für Musik auf dem JGU-Campus, sondern auch an Schulen in der Region zu zeigen. "Das Echo ist schon ganz gut", freut sich Martin. "Wahrscheinlich wird es mehr Aufführungen geben als ursprünglich geplant."

Das Ensemble setzt sich größtenteils aus Studierenden der Hochschule zusammen. Zehn Akteure und zwei Musiker werden dabei sein, darunter Jonas Boy als Bob und Lukas Eder als Clem. "Das sind unsere ersten großen Gesangsrollen", erzählt Eder. Leicht nimmt er die Aufgabe nicht. "Kinderoper heißt ja nicht, dass es einfach ist. Britten benutzt ungerade Taktarten, ungewöhnliche Intervallstrukturen ... Das ist komplex. Trotzdem kommt die Komposition am Ende erstaunlich eingängig daher."

Boy und Eder spielen die Bösewichte, die am Ende bekehrt werden. "Mir war wichtig, dass Sammy nicht als Opfer erscheint, das etwas an sich ändern muss. Die Täter müssen sich ändern", sagt Martin. "Manche werden die beiden am Anfang vielleicht sogar für cool halten. Sie sind ja die, die das Sagen haben. Doch das wird umschlagen."

"Der kleine Schornsteinfeger" ist nicht Martins erste Inszenierung. "Aber es ist meine erste Inszenierung für Kinder. Ich bin gespannt, wie sie reagieren werden." Demnächst beginnt die heiße Probenphase. Die Mülltonne ist schon da. "Ich hatte beim Abfallverband Rheingau angefragt, ob sie uns eine überlassen können – und das taten sie dankenswerterweise." Nun wäre es schön, wenn noch etwas mehr Geld für die Ausstattung zusammenkäme. Jeder kann helfen – mit einem kleinen oder auch größeren Beitrag. Wer 300 Euro investiert, erhält sogar eine Sondervorstellung. Es lohnt sich.