Expedition zu den Eifel-Schamanen

3. September 2013

Seit Jahren ist Mirko Uhlig den Schamanen der Eifel auf der Spur. An die 40 von ihnen hat er interviewt. Der Kulturanthropologe nahm an ihren Ritualen teil und versuchte, ihre Geisteswelt, ihre Motive zu ergründen. Seine Erkenntnisse wird er im Rahmen der Tagung "Sinnentwürfe in prekären Lebenslagen" im September 2013 vorstellen.
 

Nein, eine Schamanen-Trommel hat er nicht mitgebracht. Und auch wenn es um andere Utensilien geht, die den Kontakt zur Geisterwelt ermöglichen könnten, muss Mirko Uhlig passen. "So etwas besitze ich nicht", meint der Kulturanthropologe lächelnd. Er ist aus der Eifel angereist, um an einem sonnigen Nachmittag auf dem Campus der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) über sein Forschungsvorhaben zu sprechen, über Schamanismus im deutsch-belgischen Grenzgebiet. Exakt nennt sich sein Projekt "Sinnentwürfe in prekären Lebenslagen der Gegenwart: Eine transnationale Ethnographie geistigen Heilens im ländlichen Raum (Eifel)".

"Meine Kernfrage war: Warum machen Menschen das eigentlich? Wieso werden sie Schamanen? Warum entscheiden sie sich für einen solchen Lebensweg?" Uhlig führte rund 40 Interviews mit Eifel-Schamanen unterschiedlichster Couleur. "Das waren lange Gespräche – und die erste halbe Stunde blieb manchmal etwas brotlos. Diese Leute sind es nicht gewohnt, dass jemand aus der Wissenschaft sie ernst nimmt und wirklich nachfragt." Genau dies jedoch hatte sich Uhlig zur Aufgabe gemacht.

Wie ticken Geistheiler?

"Mich interessiert nicht so sehr, ob das, was diese Menschen praktizieren, wirklich funktioniert. Es geht nicht darum, wie die Dinge sind. Es geht vor allem darum, wie Leute etwas sehen. Ich finde es spannend, Menschen anzuschauen, die anders ticken als ich." Das fand offensichtlich auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG). Sie fördert Uhligs Forschungen, die demnächst in einer Tagung und einer Doktorarbeit am Institut für Film-, Theater- und empirische Kulturwissenschaft der JGU münden.

Uhlig traf den approbierten Arzt und den Bauingenieur, den Diplombiologen und den Herausgeber eines Modemagazins – alles Schamanen. "Viele hatten eine starke Zäsur in ihrem Leben, eine Krankheit oder einen Verlust. Sie sagten sich: So kann es nicht weitergehen. Oft spielte dann der Zufall eine Rolle. Vielleicht bot ein 'Indianer' in einem Nachbardorf eine Schwitzhüttenzeremonie an."

"Was diese Menschen anzieht, ist das Erdige, das Naturverbundene. Sie wollen zu den Wurzeln zurück." Dabei berufen sie sich insbesondere auf indianische oder keltische Traditionen. "Manche haben ein schlechtes Gewissen, dass sie indianische Rituale übernehmen. Sie meinen, dass sie sich damit etwas Fremdes aneignen." Die Sache mit den Kelten sei da unproblematischer. "Sie gelten vielen als die ersten Europäer, also als etwas Progressives."

Ob solche Ansichten mit dem Stand der Wissenschaft übereinstimmen, interessiert Uhlig und seine Gesprächspartner nur am Rande. "Es muss nicht historisch wahr sein, es muss schön sein", skizziert er ein Credo der Schamanen. "Tatsächlich wissen wir ja praktisch nichts über keltische Riten. Ob es bei ihnen Schamanen gegeben hat, lässt sich nicht belegen. Und das Bild vom Indianer-Schamanen gleicht eher einem Klischee."

Vom Ritual in der Schwitzhütte

Aber es gibt fünf, sechs Szene-Bestseller zum Thema Schamanismus, aus denen moderne Schamanen vor allem schöpfen. Darin steht eine Menge über keltische oder indianische Rituale – und an einigen hat Uhlig teilgenommen.

"Bei der Schwitzhüttenzeremonie wird eine Grube ausgehoben. Darüber kommt ein Gestell aus Hölzern, wobei die Holzarten wichtig sind – sie verfügen über ganz bestimmte Energien." Bettlaken, Wolldecken, alte Schlafsäcke oder Plastikplanen dichten die Hütte ab. Vor ihr steht ein Altar, auf den die Teilnehmer für sie bedeutungsvolle Gegenstände platzieren. Stäbe zwischen Schwitzhütte und einer benachbarten Feuerstelle bilden das "Spirit Gate", die Pforte der Geister. In der Glut werden Basaltsteine erhitzt, die später in der Hütte Saunaatmosphäre verbreiten werden.

"Es riecht nach Salbei, es ist richtig heiß. Der Schamane ruft die Geister hinein. Jeder darf zu ihnen sprechen, sie um etwas bitten, etwas fragen. Es geht oft um sehr greifbare Dinge: Warum tut mein Knie weh? Warum liebt mein Mann mich nicht mehr? Was in der Hütte gesagt wird, darf nicht nach draußen dringen. Ich werde es also in meiner Arbeit nicht erwähnen."

Stattdessen wird Uhlig viel über den Charakter des Eifeler Schamanentums schreiben. Einiges daran hat ihn überrascht. "Drogen als Mittel, um eine höhere geistige Ebene zu erreichen, sind verpönt." Auch stilisiere sich niemand zum Guru. "Es geht den Schamanen nicht um Macht oder geistige Führerschaft, es geht um Individualität."

Lebenshilfe vom Schamanen

Oft bieten Schamanen schlicht Lebensberatung. "In der Eifel ist die Versorgung mit Psychotherapeuten schlecht und es gibt die Tradition des dörflichen Geistheilers. Wenn es gut läuft, führt ein Schamane vier, fünf Sitzungen mit einem Klienten. Falls der Schamane merkt, dass er mit seinen Möglichkeiten am Ende ist, verweist er auf einen Therapeuten." Allerdings hat Uhlig den Eindruck, dass es nicht immer gut läuft. "Manche überheben sich. Da kommen zum Beispiel Missbrauchsfälle ans Tageslicht. Es muss raus, heißt es dazu. Die Geister werden es schon heilen." Uhlig ist sich nicht so sicher. "Da wäre professionelle Hilfe gut."

Der Kulturanthropologe kennt viele Beispiele schamanischer Praktiken. "Was ihnen allen zugrunde liegt, ist die Sehnsucht nach Ursprünglichkeit, nach Zusammengehörigkeit, aber auch nach Individualität. Von Esoterik halten die Schamanen der Eifel nicht viel. Sie pochen darauf, dass ihre Rituale wissenschaftlich fundiert sind. Der Glaube, dass alles miteinander verbunden ist, auch wir mit unseren Ahnen, ist stark. Alles ist beseelt, auch ein Baum. Wer so etwas glaubt, ist natürlich sehr aufmerksam der Umwelt gegenüber."

Uhlig tut das, was er erfahren hat, nicht einfach als Unsinn ab, auch wenn seine Welt eine andere ist. "Ich habe erlebt, dass es vielen Menschen gut geht mit ihrem Glauben, dass er ihnen hilft. In der Kulturanthropologie interessieren wir uns für derartige Konzepte: Wie gestalten wir unser Leben so, dass wir den Alltag bewältigen können?"

Vom 12.-14. September 2013 wird es im Philosophicum der JGU um schamanische und ähnliche Konzepte gehen. Kulturanthropologen, Historiker und Psychologen sprechen auf der Tagung "Sinnentwürfe in prekären Lebenslagen" über Facetten des Geistheilens. Dort wird Uhlig einen Einblick in seine Forschungen geben.

Vor allem aber ist er neugierig, was die Kollegen präsentieren. "Es gibt noch viele weiße Flecken zu bearbeiten. Das wird sicher spannend", wirbt er für die Veranstaltung. "Jeder kann kommen. Unsere Tagung ist öffentlich."