Mainzer Ethnologin wird zum Chief in Ghana

13. März 2014

Es war das erste Mal, dass im nordghanaischen Nandom der Titel "maalu naa" vergeben wurde – und zwar an Prof. Dr. Carola Lentz vom Institut für Ethnologie und Afrikastudien der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Der Titel macht sie zu einer Art Häuptling oder genauer gesagt zum "development chief" einer Region, die knapp 100 Siedlungen und 50.000 Einwohner umfasst.
 

Ihr Büro im Forum universitatis auf dem Gutenberg-Campus wirkt aufgeräumt und eher nüchtern. Graue Ordner reihen sich klar beschriftet im Regal. Keine Frage, dies ist vor allem ein gut organisierter Arbeitsplatz. Und doch weht ein Hauch Ghana durch den Raum. Ein Gemälde zeigt schemenhaft Marktfrauen in bunten Gewändern und schräg gegenüber hängt jene Urkunde, die Prof. Dr. Carola Lentz zum "maalu naa" erklärt.

"'maalu' steht für 'gut machen'", erklärt die Ethnologin. "Salopp ausgedrückt bin ich also ein Macher-Häuptling." Beim großen Kakube-Kulturfestival im Dezember 2013 wurde Lentz von Nandom Naa Dr. Charles Puoure Puobe Chiir VII., dem Paramount Chief der Nandom Traditional Area in Nordghana, ausgezeichnet. Um allerdings begreiflich zu machen, was dieser Titel für sie bedeutet, muss Lentz ein wenig ausholen. Denn "Macher-Häuptling" trifft die Rolle der Professorin nur sehr bedingt.

Audienz beim Paramount Chief

"Für Ethnologen ist es typisch, dass sich die Forschung mit der Lebensgeschichte verbindet", erzählt Lentz. Bei ihr ist das in jedem Fall so. "Ich kam 1989 als junge Doktorin mit einer 13-köpfigen Studierendengruppe nach Nandom. Natürlich gehörte es sich, dass man da dem Häuptling seine Aufwartung machte."

Dieser Häuptling, der Paramount Chief, war gerade erst ins Amt gekommen, seine Position war noch umstritten. "Ein Jahr zuvor hatte es sogar einen kleinen bewaffneten Aufstand gegen den Chief gegeben."

Charles Puoure Puobe Chiir VII. gab der jungen Frau aus Deutschland und ihren Studierenden just zu dem Zeitpunkt eine Audienz, als er am meisten davon profitierte. "Der Paramount Chief von Nandom ist ein hochgebildeter Mann. Er hat in Italien Ökonomie studiert. Ich habe ihn als großen Selbstdarsteller und charismatischen Politiker erlebt. Er bestellte uns an dem Morgen zu sich, an dem das Kakube-Festival zum ersten Mal gefeiert werden sollte. Das ist eine Art Erntedankfest mit Tanzwettbewerben und politischen Reden."

Bitterkeit ist Süße

Der Chief machte die Deutschen zum Teil seiner Entourage und marschierte mit ihnen auf den Festplatz. Das versprach Prestige. "Ich wusste damals natürlich nicht um die Zusammenhänge", sagt Lentz.

Das sollte sich allerdings gründlich ändern, denn sie fühlte sich bald nicht nur bei dem Festival, sondern auch bei den Menschen in der Region von Nandom angekommen. Sie wurde in eine Familie vom Volk der Dagara aufgenommen und bekam den Namen "Tuonianuo", "Bitterkeit ist Süße".

Bei Anselmy Bemile, dem Familienoberhaupt, lernte Lentz den "Dagara way of life" kennen: Moderne Welt und lokale Traditionen, Christentum und die Weisheit der Vorfahren stehen nicht im Konflikt, sie sind vielmehr Teil einer einzigen Welt. "Diese Geisteshaltung ist typisch für Ghanaer."

Kolonialherren und Häuptlinge

Lentz forschte über die Rolle der Chiefs in der Region, deren Amt in seiner heutigen Form im Grunde erst von den Briten in der Kolonialzeit eingeführt wurde. "Im vorkolonialen Westafrika gab es Staaten mit Königen, einer Hierarchie und sogar einer kleinen Bürokratie. Daneben aber gab es auch Gesellschaften wie im Nordwesten Ghanas, die nicht zentralisiert waren, die durch Verwandtschaft und lokale Kulte für die Erdgottheit zusammengehalten wurden." Auch sie hatten ihre herausragenden Figuren, die "strongmen", die sich allerdings nicht auf einen umfassenden Führungsanspruch stützen konnten und kein erbliches Amt innehatten.

Die Briten als Kolonialherren interessierten sich nicht für solch feine Unterschiede. Sie suchten nach Persönlichkeiten, die sich als Mittelsmänner eigneten. Diese wurden dann als Häuptlinge, als Chiefs, eingesetzt. So entstand ein einheitliches Verwaltungssystem.

Nach der Unabhängigkeit 1957 übernahmen die Ghanaer dieses System von Häuptlingen als Bewahrern der lokalen Kultur und Mittelsmännern zwischen Regierung und Dorfbevölkerung. In Nandom interpretierten die Chiefs ihre Geschichte neu, um ihre Position zu legitimieren. Die Tradition der Chiefs sollte angeblich in die vorkoloniale Zeit zurückreichen. Die Ethnologin schrieb darüber und machte sich nicht nur Freunde.

Sieben Männer, eine Frau

Lentz forschte zu vielen Themen: zu Arbeitsmigration und Bodenrecht etwa oder zur Entstehung einer gebildeten Mittelklasse und zur besonderen Rolle Nordghanas, das im Rest des Landes als rückständig gilt. Immer wieder brachte sie auch ihre Studierenden mit. Zwei Bücher und zahlreiche Aufsätze entstanden. Lentz wurde zur Kapazität, zur Kennerin der Kultur.

Und genau dafür machte sie Charles Puoure Puobe Chiir VII. zum "maalu naa". Acht Personen wurden auf dem Kakube-Festival 2013 geehrt, darunter auch Dr. John Atta Mills, der verstorbene Präsident Ghanas, und der verstorbene Erzbischof Kardinal Peter Porekuu Dery. "Bei der Verleihung erwies sich der Paramount Chief wieder als kluger Taktiker. Er ehrte zum Beispiel vier Ghanaer und vier Europäer. Ich war allerdings die einzige Frau", erzählt Lentz.

Charles Puoure Puobe Chiir VII. ist inzwischen hochgeachtet. "Er war sogar Vizepräsident des National House of Chiefs, das hatte zuvor noch kein Nordghanaer geschafft." Lentz hält kurz inne, dann fügt sie hinzu: "Er ist ein außerordentlicher Mensch. Ich finde ihn beeindruckend."

Dank für großes Engagement

Dennoch hat sich die Ethnologin immer um Neutralität bemüht. Sie ließ sich nie von einer Partei vereinnahmen und nahm sogar Verstimmungen aufseiten einiger Chiefs in Kauf. "Meine Bücher werden als ausgewogen bezeichnet", meint Lentz dazu lakonisch.

Ihr neuer Titel "maalu naa" ist nicht erblich und er ist mit keinerlei Verpflichtungen verbunden. Er soll einfach ein großes Dankeschön sein für ihr jahrzehntelanges Engagement – auch wenn das dem Paramount Chief vielleicht nicht immer so gut in den Kram passte wie damals beim Kakube-Festival 1989.