Mord im Hörsaal

12. Mai 2014

Seit mehr als zwei Jahrzehnten bringt sie aufwendige Musical-Produktionen auf den Campus der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU): Die Hochschulgruppe "Musical Inc." ist zu einer festen Größe über die Universität hinaus geworden. Nun bereitet sie mit "Curtains – Vorhang auf für Mord" ihre 20. Produktion vor. Wissenschaftlich begleitet wird die Aufführung von einer Vorlesungsreihe des Studium generale.
 

Sie wird sterben. Mareike Hachemer wird in der Rolle der Diva Jessica Cranshaw auf der Bühne zusammenbrechen. Bei der Premiere des Musicals "Curtains – Vorhang auf für Mord" am 30. Mai 2014 soll es passieren: Tatort ist die JGU. Doch noch sitzt Mareike Hachemer quietschlebendig in ihrer Wohnung in Mainz-Kastel. Sie will von einer Erfolgsgeschichte erzählen. Gemeinsam mit Sarah Dennert und Franziska Runkel, zwei weiteren Akteurinnen in "Curtains", möchte sie gut 20 Jahre "Musical Inc." Revue passieren lassen.

Mit ihren aufwendigen Musical-Inszenierungen im Uni-Hörsaal P1 hat sich die Hochschulgruppe längst einen Namen gemacht. Sie spielte "Hair" und "Blues Brothers", "Fame!" und "Cabaret". "Ich bin seit 2006 dabei", sagt Hachemer, die selbst an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz studierte und mittlerweile als Lehrerin arbeitet. Sie hat immer wieder mit verschiedenen Generationen der "Musical Inc." Kontakt aufgenommen und sich Geschichten aus früheren Zeiten berichten lassen.

"Die 'Musical Inc.' hatte im Laufe der Jahre etwa 900 Mitglieder und jeder, der dabei war, hat etwas anderes erlebt. Deswegen ist es unmöglich, die eine, wahre Geschichte der Gruppe zu erzählen", sagt sie. "Aber was wir definitiv wissen, ist das: Dem Gründergeist der kulturbegeisterten ersten Generation ist es zu verdanken, dass die 'Musical Inc.' immer noch besteht und die Philosophie von damals – nicht nur künstlerische Kreativität, sondern auch soziale Kompetenz und organisatorisches Know how zu trainieren – weiterhin lebt."

Musicals nach Lust und Laune

1993 haben zwölf Studierende die Welt des Musicals für sich entdeckt – so erzählte es Benedikt Descourvières, der der "Musical Inc." im zweiten Jahr beitrat und später ein Buch über die frühe Geschichte der Gruppe herausbrachte. "Manche haben es neben dem Studium, manche statt des Studiums gemacht." Sie trafen sich montags im Studihaus auf dem Campus und hier kam die Idee zur "Musical Inc."-Hochschulgruppe. "Wir hielten je nach Lust und Laune lange Sitzungen ab – oder eben nicht."

Damals wurde mit großer Kreativität an den Stücken gearbeitet, sodass aus den Vorlagen, an die man sich lose anlehnte, ganz neue Werke wurden. Ein Blick in das Programmheft von "Jesus Christ – Das Musical" von 1997/1998 zeigt, dass viel mehr als beim Original "Jesus Christ Superstar" Elemente aus dem Leben des historischen Jesus einflossen und so sehr differenzierte Charaktere entstanden.

Zunächst probte die Truppe am Rhein oder in der Alten Ziegelei, aber auch – wie heute noch – im Alten Musiksaal, im Hörsaal P1 und im Studihaus. Die Mitglieder der "Musical Inc." haben damals alle anfallenden Kosten selbst getragen. Lediglich der AStA unterstützte sie und tut das bis heute.

Studierende verschiedenster Fachbereiche spielten vorwiegend für Studierende. So ist es geblieben. "Es passierten verrückte Sachen. Für 'Blues Brothers' baute jemand ein Auto auf der Bühne nach, einfach, weil ihm danach war." Es entstanden Inszenierungen von "Linie 1" oder der "Dreigroschenoper". Das Programmheft zeigt noch einen liebevoll handgezeichneten Hai. Heute entstehen die Hefte mit Design-Programm und in Hochglanzdruck.

Ausgezeichnet von der EU

Dennoch war im Jahr 2001 die Luft raus. "Musical Inc." stand vor dem Aus. "Damals haben drei Leute die Sache gerettet." Peter Thomé, Gerd Krämer und Katrin Schneider wagten einen Neuanfang. "Es blieb sehr kreativ. In die Musical-Vorlagen haben sie eigene Passagen und moderne Popmusik eingebaut. Es gab zum Beispiel Vampire in Rockstar-Manier zu sehen." Über sechs Jahre führte das Trio einen bunten Haufen Musical-Begeisterter, bis auch hier die Arbeit stagnierte.

Im Jahr 2008 dann öffnete sich der Vorhang zum dritten und vorläufig letzten Akt. "Wir machten durch Lars Mattils Idee einen Verein aus 'Musical Inc.'", erzählt Mareike Hachemer. Die Hochschulgruppe bekam klarere Strukturen. "Dann wurden wir von der EU als Jugendinitiative 2008 ausgewählt. Wir bekamen den Preis auch wegen unserer demokratischen Arbeitsweise. Denn wir teilten Aufgaben und gaben Ressortverantwortung ab." Auch bei den Proben hatte jeder mal das Sagen. Selbst die Mitglieder des Kreativteams und des Vorstands wechselten häufig, nur Thomas Wagner und Andreas Blatt als Musikalischer Leiter und Korrepetitor sind als jahrelange Konstanten geblieben.

"Musical Inc." begann außerdem mit der Reihe "Musical Academical" eine Kooperation mit dem Studium generale. Vorlesungen zu stückbezogenen Themen oder Theater- und Musikwissenschaft begleiten seitdem die Arbeit der Gruppe. Dozenten unterschiedlichster Disziplinen leuchten die Dimensionen der Musicals aus. "Bei 'Pinkelstadt' ging es um Brecht und Wasserknappheit, bei 'Frühlings Erwachen' um Schule und Adoleszenz um 1900, bei 'Rent' um Aids. Wir haben – insbesondere in der Phase, in der Steffen Storck Regie führte – viele sozialkritische Themen beleuchtet."

So eine akademische Aufbereitung von Musicals gibt es an keiner anderen Universität, weshalb auch die großen Musical-Magazine davon berichten. "Ein Highlight in diesem Jahr war die Vorlesung von Dr. Dorothea Hatz", sagt Mareike Hachemer. "Sie erklärte unter anderem verschiedene Arbeitsweisen der Rechtsmedizin und wir zeigten Szenen und Gesangsstücke aus 'Curtains', was sich prima ergänzte."

Wer mitspielt, darf mitreden

Heute sind an die 100 Leute, überwiegend immer noch Studierende, an einer Aufführung beteiligt. "Davon stehen etwa 40 auf der Bühne, wir haben ein 15-köpfiges Orchester und 15 Bühnenbildnerinnen." Alles geschieht weiter ehrenamtlich, wenn auch viele Akteure mit profigleichem Können – zum Beispiel aus der Hochschule für Musik – zum Gelingen der Aufführungen beitragen. "Ehrenamtlichkeit ist uns wichtig. Da jeder der Beteiligten sich sehr engagiert, wäre es nicht fair, einzelne zu bezahlen", sagt Hachemer.

Mittlerweile ist die Anzahl derer, die sich beteiligten möchten, so groß, dass durch ein Casting ausgewählt wird, wer für welche Rolle geeignet ist. "Es bewerben sich oft über 100 Leute. Wir versuchen, bei Absagen sehr behutsam vorzugehen. Jeder kann dabei sein, vielleicht nur mit einer anderen Aufgabe, wenn es für die Bühne nicht reicht."

"Es ist, als hätte ich eine zweite Familie", sagt Sarah Dennert zu ihrer Arbeit bei "Musical Inc." Die Studentin ist erstmals bei einer Produktion dabei. "Während der Probenarbeiten kann man sich richtig einbringen. Jeder kann am Stück arbeiten. Da entwickelt sich ein toller Zusammenhalt."

Riesenaufwand für "Curtains"

Viel Arbeit ist es schon. "Zwei Abende die Woche gehen drauf", meint Franziska Runkel. "Zusätzlich haben wir Probenwochenenden." Die Studentin schreibt gerade an ihrer Bachelor-Arbeit. "Es ist schwer, alles unter einen Hut zu bringen, aber es ist für mich eine Ehre, bei solch einer großen Produktion mitzumachen."

"Curtains – Vorhang auf für Mord" heißt das neue Stück, in dem es um Mord am Theater geht. Der Aufwand für eine Aufführung ist inzwischen ungeheuer, auch finanziell. Allein die Bühnentechnik schlägt mit rund 30.000 Euro zu Buche.

"Dank der jeweils vorhergehenden Generation konnte die 'Musical Inc.' auf eine immer bessere technische Ausstattung oder auch mal auf finanzielle Pölsterchen zurückgreifen. Und unsere Incies verkaufen Kuchen oder Glühwein auf dem Campus, wenn es mal knapp wird", erzählt Hachemer.

Diese "Incies" werden Ende Mai wieder zeigen, was die "Musical Inc." auf die Beine stellen kann. In den letzten 20 Jahren waren die Vorstellungen fast immer ausverkauft und die Zahl der Aufführungen steigerte sich. Während die erste Generation das P1 sieben Mal füllte, sind es in diesem Jahr zwölf Vorstellungen für insgesamt rund 4.000 Besucher. Wer die Diva sterben sehen will, sollte sich also beeilen.