"Ein Campus muss schön sein"

10. September 2014

Als Leiterin des Instituts für Genetik leistete Elisabeth Gateff Großes an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Als emeritierte Professorin bringt sie nun bedeutende Kunst in den Botanischen Garten auf dem Campus. Ihre Verbundenheit mit der Hochschule hat über die Jahrzehnte tiefe Wurzeln geschlagen.
 

"Eine Universität ist nicht nur ein Ort der Forschung und Lehre", sagt Elisabeth Gateff, während sie durch den Botanischen Garten auf dem Gutenberg-Campus spaziert. "Ein Campus muss schön sein. Die Studierenden sollten hier nicht nur mit der Lehre in Kontakt kommen, sie sollten auch etwas Ästhetisches erleben."

Von solchen Dingen zu reden, ist eine Sache. Doch Gateff tut entschieden mehr. Sie hat bedeutende Kunst in den Garten gebracht. Die Genetikerin finanzierte im Laufe der Jahre eine ganze Reihe von Skulpturen, die nun zwischen Beeten, Blumen und Bäumen die Besucher überraschen. Sie suchte Werke renommierter Künstler aus, darunter herausragende Stücke der Bingerin Anne-Marie Kuprat, die Gateff nun auf diesem besonderen Spaziergang zur Kunst begleitet ...

Von Kindern und Bären

Mächtig wirkt die Bärin unter den hohen Bäumen, aber keineswegs bedrohlich. Sie schaut hinüber zu ihrem Nachwuchs, der unbeschwert im Gras tollt. Die lebensgroßen Skulpturen strahlen Kraft und Lebendigkeit aus. Ihr Fell scheint struppig, die Körper wirken wie in Bewegung.

"Kinder lieben diese Bären", erzählt Gateff. "Sie klettern darauf herum. Das hier ist meine Idee von Kunst für den Botanischen Garten. Die Besucher sollen sich daran erfreuen, ohne vorher darüber philosophieren zu müssen."

Kuprat formte die Bären zuerst aus Papier. "Ich arbeite gern mit Wahrnehmung", erzählt die Künstlerin. "Die Papieroberfläche löst die Konturen auf. Ich kann sie nicht völlig kontrollieren. Das bringt etwas Unbestimmtes, Chaotisches hinein. Erst das Gehirn des Betrachters setzt die Figuren wieder zusammen. Dadurch bekommen sie etwas Lebendiges."

In einem aufwendigen Verfahren schuf die Kunstgießerei Mainz-Kastel bronzene Repliken der Papierbären. Nun warten die Tiere im Garten auf Besucher und fügen sich hier wunderbar in die Natur ein. Weder Kuprat noch Gateff können sich an diesem Vormittag dem Reiz der Kunst entziehen. Sie streichen über das Metall und schauen nach den blanken Stellen, wo Passanten bereits oberflächlich willkommene Spuren hinterlassen haben. Die Bären laden ein zum Berühren, zum Herantasten. Das spüren nicht nur Kinder.

Aufgewachsen im Garten

Gateff fördert den Botanischen Garten der Johannes Gutenberg-Universität Mainz in vielfältiger Weise. Auch für die Grüne Schule auf dem Gelände spendete sie einen großzügigen Betrag. "Ich bin in einem botanischen Garten aufgewachsen", erzählt sie. Gateff wurde 1932 in Sofia in Bulgarien geboren. Ihr Vater leitete dort den königlichen botanischen Garten. "Es war eine unglaublich schöne Kindheit. Wir wohnten mitten im Garten. Daneben lag der Zoo. Wir hörten die Löwen brüllen. Ich wurde mit den Blumen und Bäumen groß. Ich liebe die Schönheit, die das Leben bietet."

Nach dem Abitur war es Gateff nicht erlaubt, in ihrer Heimat zu studieren. Sie arbeitete einige Jahre in einer Starkstromfabrik, bevor sie 1956 als Flüchtling nach Deutschland kam und den Weg an die Münchner Universität fand. Sie studierte dort Biologie, Chemie und Geografie. Danach verbrachte Gateff einige Jahre in den USA, bevor sie nach Deutschland zurückkehrte. 1983 übernahm sie den Lehrstuhl für Genetik an der JGU und leitete hier bis 1997 das Institut für Genetik, wo sie Bahnbrechendes leistete: An Fruchtfliegen konnte sie nachweisen, dass Krebs eine genetische Grundlage hat.

"Anne habe ich während ihres Studiums hier kennengelernt", erzählt Gateff über ihre Begleitung. "Nicht wirklich kennengelernt", wehrt Kuprat ab. Sie studierte Kunst und Biologie an der JGU. "Aber wir haben uns damals schon gesehen", erwidert Gateff. Später trafen sie sich wieder: Da präsentierte die Künstlerin ein lebensgroßes Pferd aus Ästen und die Biologieprofessorin war begeistert.

Tanzendes Paar

Von den Bäumen und Bären geht es hinaus in die Sonne zu den Beeten. Der Weg führt vorbei an einer Blumenwiese. Auch dort steht von Gateff gestiftete Kunst: "Tanzpartie" heißt das Werk von Eberhard Linke. Ein Paar scheint sich dort selbstvergessen in der Natur zu drehen. Das Rostrot der Skulptur bildet einen starken Kontrast zum satten Grün. Die Figuren sind von innen aufgebrochen. Insbesondere die Gesichter bleiben fragmentarisch. Dennoch strahlt die Figur nichts Beunruhigendes aus. Sie fügt sich harmonisch in die Natur.

"Ich habe natürlich mit den für den Botanischen Garten zuständigen Personen besprochen, welche Kunstwerke wir wo aufstellen. Sie haben sich die Stücke auch vorher angeschaut, um zu sehen, ob sie passen", erzählt Gateff. Sowohl der Direktor des Botanischen Gartens, Prof. Joachim W. Kadereit, als auch Kustos Dr. Ralf Omlor unterstützen die Initiative der emeritierten Professorin. "Ich kaufe nicht einfach nur, was mir selbst gefällt", bekräftigt sie.

Unter den schützenden Zweigen einer Hängebirke steht an einem kleinen Teich Reinhold Petermanns "Elisabeth II". Die Frauenfigur reckt die Arme nach oben, unten scheint sie mit den Pflanzen des Gartens verwachsen. Gateff hat die nymphenhafte Figur auf einer großen Retrospektive des Bildhauers entdeckt und erworben.

Skulptur zum Hineinkriechen

Von hier sind es nur wenige Schritte zu einer weiteren Skulptur Kuprats. Auf einer Steinbank sitzt "Susanne" und schaut auf die Beete der Systematischen Abteilung. Auch diese Dame arbeitete Kuprat zuerst in Papier, bevor sich die Kunstgießerei des Stückes annahm. "Danach war es mir fremd. Das Metall wirkte so dunkel." Also griff Kuprat zur Farbe. Nun strahlt "Susanne" in hellen Blautönen. Das verleiht der schlanken Frauenfigur mit dem leicht entrückten Blick zusätzlich etwas Ätherisches.

Der Spaziergang mit Gateff und Kuprat endet an der Grünen Schule, an dem Lernort, für den die Professorin ebenfalls spendete. Dass sie noch lange nicht am Ende ist mit ihren Plänen für den Garten, wird hier deutlich. "Es wäre doch schön, wenn wir hier etwas für die Kinder hätten. Vielleicht eine Skulptur, in die sie hineinkriechen könnten."

In ihrer Begeisterung wirkt Gateff so gar nicht wie eine gönnerhafte Mäzenin. "Ich bin keine reiche Person", sagt sie. "Aber ich gehe nicht in luxuriöse Hotels oder Restaurants." Lieber legt sie ihr Geld dort an, wo es dauerhaft und deutlich sichtbar wirkt. "Ich habe einfach Freude an der Freude der Menschen", sagt sie und lächelt – wie so oft an diesem sonnigen Vormittag im Botanischen Garten auf dem Gutenberg-Campus.