Der Turm zu Babel steht im Keller

10. November 2014

Kaum eine Sammlung der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) kann so viele außergewöhnliche Stücke aufweisen: Modelle erzählen vom Leben in biblischer Zeit, zehntausende Fotos und wertvolle Landkarten dokumentieren die jüngere Geschichte Israels und sieben Ossuare markieren einen Wendepunkt in der Bestattungskultur zur Zeit Jesu. Die Biblisch-archäologische Sammlung ist noch jung, aber sie führt weit zurück in die Geschichte.
 

Prof. Dr. Wolfgang Zwickel fängt klein an: "Das hier ist nichts Besonderes, das sind keine Museumsstücke", meint der Theologe, während er einen unscheinbaren Pappkarton öffnet. Zwischen den Falten eines Handtuchs liegen dort die Überreste eines Keramikkochtopfs. "99 Prozent von dem, was wir bei unseren Ausgrabungen finden, sind Scherben und Knochen, gerade mal ein Prozent sind andere Sachen. Wir sprechen hier nicht von einer Hochkultur, sondern von einem armen Land. Die Menschen im Gaza-Streifen oder in der Westbank waren nie reich. Das war früher so und das gilt heute noch."

In den Räumen der Evangelisch-Theologischen Fakultät auf dem Gutenberg-Campus sind dennoch einige Schätze zu bewundern. Vieles wirkt auf den ersten Blick unscheinbar, manches jedoch kommt prächtig daher. Die Biblisch-archäologische Sammlung erzählt von der langen Geschichte Palästinas, vom Heiligen Land.

Scherben, Scherben, Scherben

"Das hier sind Scherben eines edomitischen Kochtopfs aus dem siebten oder sechsten Jahrhundert vor Christus", erklärt Zwickel. "Sehen Sie diese Riffelung, diese Bemalung?" Er dreht und wendet die Bruchstücke in den Händen. Das hier ist Archäologie zum Anfassen, buchstäblich.

"Keramik ist für uns wichtig. Sie geht relativ schnell kaputt und sie ist billig. Sie ist also häufig – und sie ist Modeerscheinungen unterworfen. Die verschiedenen Keramikformen erlauben uns zu sagen, ob wir uns in der Eisenzeit I oder II befinden. Römisch-byzantinische Keramik sieht beispielsweise ganz anders aus als diese edomitische. Alle unsere Studierenden sollten solche Scherben in den Händen halten können. Es reicht nicht, Abbildungen in Büchern zu sehen."

Als Zwickel 1998 als Professor für Altes Testament und Biblische Archäologie nach Mainz berufen wurde, begann er, diese Sammlung aufzubauen, die in großen Teilen der Lehre zugutekommen sollte. "Wir haben kein Budget. Was ich Ihnen zeige, sind meist Schenkungen." Gemeinsam mit Doktorand Ulrich Hofeditz kümmert sich Zwickel um die Stücke, die verstreut im Forum universitatis, der alten Flakkaserne am Haupteingang des Campus, untergebracht sind.

Alte Karten von Palästina

Die Palästina-Keramiksammlung ist eine der größten in Deutschland. Das liegt auch daran, dass die Ausfuhr von Funden aus Israel strengen Reglementierungen unterworfen ist. Allenfalls in Tübingen können Fachleute ähnlich aus dem Vollen schöpfen wie hier. Nur ein Bruchteil der Stücke ist in den Fluren der Fakultät ausgestellt. "Unsere Vitrinen sind Leihgaben des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz", erzählt Zwickel. "Wir sind sehr froh, dass wir sie haben." Öllämpchen und Amphorenscherben sind zu sehen, ein Schminktiegel und das Fragment einer Tierskulptur. Doch all dies ist nur eine Facette der Sammlung.

In seinem Büro zieht Zwickel eine breite Schublade voller großformatiger Landkarten auf. "Das sind die ältesten kartografischen Vermessungen des heutigen Israel." Der Professor präsentiert prächtige Blätter aus dem Jahr 1880. Eines zeigt Jerusalem und seine Umgebung. "Diese Karten sind extrem präzise. Wir haben sie per Photoshop über moderne Karten gelegt. Sie stimmen oft auf den Millimeter genau überein." Dieser "Survey of Western Palestine" lässt die Stücke in den übrigen Schubladen verblassen, auch wenn etwa die Militärkarten aus dem Ersten Weltkrieg durchaus rar und wertvoll sind.

Jetzt geht es hoch unters Dach der alten Flakkaserne. Auch hier lagert Keramik. "Scherben, Scherben, Scherben", kommentiert Zwickel lächelnd. Daneben aber lagern längliche Kästen mit Glasplattendias aus dem frühen 20. Jahrhundert. "Zum Teil sind sie handkoloriert." Zwickel nimmt ein Dia heraus. Es zeigt die Geburtskirche in Bethlehem um Weihnachten 1910. Das Bild ist bestechend scharf. Wir haben 900 solcher Fotos digitalisiert." Insgesamt können Zwickel und Hofeditz auf rund 50.000 digital erfasste Bilder von Palästina zugreifen. Das sind wertvolle Zeitdokumente, die auf eine nähere Erforschung warten.

Knochenkästen aus Jerusalem

Vom Dach geht es hinunter in den Keller. Dort steht in einer kleinen Kammer der Turm zu Babel. Das hüfthohe Modell ist fein gearbeitet. Kleine Figuren wandeln auf der Treppe der Eingangsrampe. Jede Etage lässt sich abnehmen. Darunter kommt das reiche Interieur zum Vorschein. Dies ist nicht das einzige Modell der Sammlung. "Das Himmlische Jerusalem haben wir unter dem Turm gelagert", erzählt Hofeditz. Es muss für heute verborgen bleiben. Der Turm ist zu mächtig, um ihn einfach so anzuheben. Aber Modelle von alten Gräbern sind zu bewundern – oder die Nachbildung eines Schiffs. Kaum ein Ort in Deutschland kann solch eine Vielfalt an Modellen zur biblischen Lebenswelt vorweisen.

Die spektakulärsten Stücke aber hat sich Zwickel fürs Finale aufgespart. Im Eingangsbereich der Evangelisch-Theologischen Fakultät ruhen hinter Glas sieben Ossuare. Diese Knochenkästen markieren einen Wendepunkt in der Bestattungskultur Palästinas. "Sie wurden nur von 20 vor bis 70 nach Christus hergestellt und wir finden sie fast nur in Jerusalem und Jericho."

Nachdem der Körper eines Verstorbenen verfallen war, wurden seine Knochen im Ossuar gesammelt und beigesetzt. Während zuvor anonyme Gemeinschaftsgräber in Palästina die Regel waren, setzte sich damit allmählich die Individualbestattung durch.

Mit Ausstellungen unterwegs

Die Behälter aus Kalkstein weisen schlichte Muster auf. "Die rote Farbe ist wahrscheinlich ein Symbol für das Leben und die gravierten Rosetten symbolisieren die Sonne." Einige der Ossuare scheinen noch unvollendet. Hilfslinien weisen auf eine geplante Gravierung. "Das ist außergewöhnlich", merkt Zwickel an. "Solche Stücke sind sonst kaum bekannt." Wenige eingeritzte Worte erinnern an die Toten. "Julia Grashüpfer" steht dort oder schlicht "Liebling".

"In Deutschland gibt es neun Ossuare. Zwei stehen in Tübingen, sieben bei uns", erzählt Zwickel nicht ohne Stolz. Mit der Biblisch-archäologischen Sammlung hat er schon einige Ausstellungen bestückt. Eine Schau zum Leben von Frauen im antiken Palästina reiste durch Österreich, Ungarn und Polen. "Pflanzen der Bibel" präsentierte er zusammen mit dem Botanischen Garten der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und als die Ausstellung "Edelsteine der Bibel" durch Rheinland-Pfalz wanderte, kamen mehr als 100.000 Neugierige.

Wann allerdings die nächste Ausstellung ansteht, ist ungewiss. Zeit und Mittel sind knapp. Die Studierenden aber kommen garantiert in den Genuss der Sammlung. Semester für Semester halten sie Scherben in den Händen und lernen, sie zu lesen.