Ein Ritter für die Reformation

11. Mai 2015

Franz von Sickingen, "der letzte Ritter", war ein machtbewusster Adeliger, der in Fehden gegen mächtige Fürsten zu Felde zog. Er war aber auch ein Freund des Humanismus, der als Zeitgenosse Luthers führenden Reformtheologen Zuflucht bot. Anlässlich der Lutherdekade widmet sich eine große Ausstellung im Landesmuseum Mainz dieser schillernden Gestalt. Prof. Dr. Wolfgang Breul von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) initiierte die Schau.
 

Im Jahr 2017 jährt sich ein Ereignis von weltgeschichtlicher Dimension zum 500. Mal: Am 31. Oktober 1517 soll Martin Luther seine 95 Thesen eigenhändig an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg genagelt haben. Ob der Thesenanschlag wirklich genauso stattfand, ist bis heute umstritten. Unumstritten jedoch sind die weitreichenden Folgen. Die von der Bundesregierung und diversen Kirchen ausgerufene Dekade "Luther 2017 – 500 Jahre Reformation" führt mit einer Vielzahl von Veranstaltungen auf das große Jubiläum hin.

"Was in Rheinland-Pfalz noch fehlte, war ein Leuchtturmprojekt, etwas Auffälliges", erzählt Prof. Dr. Wolfgang Breul von der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Als er vor sechs Jahren nach Mainz kam, wurde er ins rheinland-pfälzische Planungsteam zur Lutherdekade berufen. Dort präsentierte er die Idee zu einer Ausstellung rund um eine der auffälligsten Gestalten der Zeit Luthers: Franz von Sickingen.

Der Ritterführer schlechthin

"Franz von Sickingen war in den Jahren vor der Reformation eine der wichtigsten Kräfte im Südwesten des Heiligen Römischen Reichs", erzählt Breul. "Er gilt als der Ritterführer schlechthin." Während der deutsche König – unter anderem mit seinem "Ewigen Landfrieden" von 1495 – darauf hinarbeitete, das alte Recht der Ritterfehde abzuschaffen, pochte Sickingen mit Vehemenz darauf. "Er betrieb die Fehde exzessiv. Die Stadt Worms hat er belagert und beschossen." Das war ein immenser Aufwand für einen Ritter. "Gegen den hessischen Landgrafen Philipp führte er im Jahr 1518 sogar 8.000 bis 12.000 Mann ins Feld."

Doch das ist nur die eine Seite des Franz von Sickingen. 1519 lernte er den Humanisten Ulrich von Hutten kennen und schätzen. Dieser machte ihn wenig später mit Luthers Ideen bekannt. Vor dem Auftritt des Reformators auf dem Reichstag in Worms im April 1521 bot Sickingen Luther Asyl auf seiner Bad Kreuznacher Ebernburg an. Luther lehnte zwar ab, aber in der Folge kamen andere führende reformatorische Theologen auf die Burg. Unter anderem begab sich Martin Bucer in die Obhut des streitbaren Ritters. Die Burg wurde zur "Herberge der Gerechtigkeit".

"Sickingen und Hutten hatten ein Gespür für talentierte Leute", erzählt Breul. "Für ein, zwei Jahre war die Ebernburg das Strategiezentrum der Reformation im Südwesten." Sickingen selbst setzte sich in einem Sendbrief für die Ziele der Reformation ein. "Der Laienkelch war ihm wichtig und der Austritt von Mönchen und Nonnen aus den Klostern. Die Bilderstürmerei aber lehnte er ab."

Drei Jahre Vorbereitung

Die große Ausstellung "Ritter! Tod! Teufel? Franz von Sickingen und die Reformation" im Landesmuseum Mainz wird ein lebendiges Bild von Franz von Sickingen, dem "letzten Ritter", zeichnen. Wertvolle Leihgaben werden die Schau zu jenem Leuchtturmprojekt machen, das bis dahin fehlte.

"Am Anfang hatte ich wenig Hoffnung, dass die Ausstellung tatsächlich zustande kommt", erzählt Breul. Doch die Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz und das Land unterstützten die Idee. Ministerpräsidentin Malu Dreyer übernahm die Schirmherrschaft. "Wir konnten einen wissenschaftlichen Beirat aus hervorragenden Fachleuten bilden." Unter anderem wurde mit Prof. Dr. Thomas Kaufmann aus Göttingen ein führender Reformationshistoriker gewonnen. "Über drei Jahre hinweg haben wir die Schau vorbereitet."

"Ritter! Tod! Teufel?" wird sich nicht nur mit Franz von Sickingen beschäftigen. "Unser Wunsch war es, unterschiedliche Aspekte der Ritterschaft des 15. Jahrhunderts darzustellen." Der Alltag der Ritter wird sichtbar werden und auch ihre Politik soll ein Thema sein. "Die Ritter damals organisierten sich in Netzwerken", führt Breul ein Beispiel an. Sichtbares Zeichen eines solchen Netzwerks ist die rheinland-pfälzische Burg Eltz mit ihren zahlreichen Türmen. Mehrere Herren fanden sich hier zusammen – und jeder hatte seinen eigenen Turm. "Das war schon eine Art Ritter-WG."

Der europäische Horizont

Breul war es zudem wichtig, einen Blick über den deutschen Tellerrand hinaus zu werfen. "Wir wollen das Thema in einen europäischen Horizont stellen." In Adelsrepubliken wie Polen-Litauen oder Böhmen und Mähren spielte die Reformation mit ihren verschiedensten Strömungen schließlich ebenfalls eine große Rolle. "Es gab Lutheraner, Calvinisten, Antitrinitarier, Täufer ..." Auf diese Verwerfungen reagierten die Adeligen in Polen-Litauen auf ihre Art. Sie verbanden sich im Jahr 1573 zur Warschauer Konföderation. "Es war eine sehr weitreichende Toleranzvereinbarung", erklärt Breul. Adelige unterschiedlichster religiöser Überzeugung wirkten daran mit.

Die eindrucksvolle Urkunde dazu wird leider nicht im Original in der Ausstellung zu sehen sein. "Sie gehört zum UNESCO-Weltdokumentenerbe. 200 Siegel, zum Teil noch völlig intakt, stehen für die Vielzahl der Adeligen, die hier unterzeichneten." Das Dokument lässt sich kaum transportieren, es wird daher nur als Foto im Landesmuseum Mainz zu sehen sein.

Sonst aber verspricht Breul einen reichen Reigen an Exponaten. Bilder von Cranach und Dürer werden zu bewundern sein, prunkvolle Rüstungen, Medaillen und einiges mehr. Breul zeigt den Flyer zur Ausstellung. Dort sind unter anderem Ausschnitte eines Schandbriefs aus dem Jahr 1520 zu sehen: Adelige Herren in Rüstung hängen kopfüber und gefesselt an einer Stange. "So entehrte Sickingen seine Gegner öffentlich." Ein Exemplar dieses Flugblatts hing damals in Mainz aus. Dieses Blatt wird im Landesmuseum zu sehen sein – im Original.

Reformation in der Region

Breul hat viel zu tun in diesen Tagen, denn die Ausstellung "Ritter! Tod!Teufel? Franz von Sickingen und die Reformation" steht nicht allein. Erst im März 2015 ist eine Tagung zu "Ritterschaft und Reformation" auf dem Gutenberg-Campus zu Ende gegangen, die Breul mit leitete, und gerade kommt er von einer Pressekonferenz zu einer begleitenden Vortragsreihe, die das Institut für Geschichtliche Landeskunde der JGU anbietet: "Reformation in der Region – Personen und Erinnerungsorte." Auch das Gutenberg- und das Dom- und Diözesanmuseum werden mit von der Partie sein: Sie zeigen eigene Ausstellungen als Ergänzung zur großen Schau im Landesmuseum.

"Das Thema wird mich noch bis in den Herbst hinein beschäftigen", meint Breul lächelnd. Dann will er sich wieder seinem eigentlichen Forschungsgebiet widmen. "Ich bin im Hauptberuf Pietismusforscher", bekennt er. Doch der Pietismus muss weichen. Franz von Sickingen drängt mächtig ins Rampenlicht.