Das Sams spricht Arabisch

13. Mai 2015

Der Deutsch-Arabische Übersetzerpreis des Goethe-Instituts in der Kategorie Nachwuchsübersetzer ging im vorigen Jahr an Mahmoud Hassanein, einen Doktoranden des Germersheimer Fachbereichs Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Im Interview erzählt er von seiner Arbeit, von der Literatur und den Kulturen.
 

Dieses Buch kennt in Deutschland beinahe jedes Kind: "Eine Woche voller Samstage" ist längst ein moderner Kinderbuchklassiker. Das Sams, Paul Maars sommersprossiges Fantasiegeschöpf, grinst breit und frech vom blauen Einband. Doch diese Ausgabe ist etwas anders: Arabische Schriftzeichen wandern über die Seiten und um die Illustrationen. Für Europäer beginnt diese Geschichte falsch herum, nämlich vom Buchrücken her, wie ein japanischer Manga. Fremdes und Vertrautes reichen sich die Hand.

"Das Sams übersetzen, wie mache ich das?" Diese Frage stellte sich Mahmoud Hassanein vor rund fünf Jahren. "Ich gehe bei jedem Buch anders vor", erzählt er, "ich brauche immer eine neue Strategie." Maars Roman glänzt mit Wortspielen, mit Reimen – und nicht zuletzt mit dem Sams selbst. "Da hilft es nichts, an der Oberfläche kleben zu bleiben." Eine Übersetzung Wort für Wort verfehle die eigentliche Funktion des Buchs.

Kein donnernder Donnerstag

"Im Arabischen sind die Tage nach ihrer Reihenfolge benannt. Die Woche beginnt mit dem Sonntag, dem Ersten, es folgen der Zweite, der Dritte … Wir haben keinen Donnerstag, der donnert, und ein Sonntag, an dem die Sonne scheint, wäre für ein arabisches Kind nichts Besonderes. Es scheint ja fast immer die Sonne." Das Sams wäre schlicht zum Siebten geworden. Das hätte wenig Raum für Assoziationen gelassen. "Ich habe lange gegrübelt und recherchiert und dann alte Bezeichnungen für die Wochentage im Arabischen gefunden", sagt Hassanein, "Bezeichnungen, die nicht mehr benutzt werden, die aber eigene Bedeutungen haben."

Hassanein sitzt in einem Gemeinschaftsbüro des Arbeitsbereichs Deutsch / Interkulturelle Germanistik am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft (FTSK) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz am Standort Germersheim. Gerade ist es still rundherum und das ist gut so, denn Hassanein ist kein Mann der lauten Töne. Selbst sein Lächeln wirkt eher leise, wenn er erzählt.

Seit dem Jahr 2004 arbeitet Hassanein als Übersetzer, seit 2013 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter in Germersheim. Derzeit sitzt er an seiner Promotion. "Menschenrechte und Translation" ist der Arbeitstitel. Im November 2014 wurde er mit dem Deutsch-Arabischen Übersetzerpreis des Goethe-Instituts Kairo in der Kategorie Nachwuchsübersetzer ausgezeichnet, eine Ehrung, die ihm viel bedeutet. "Es ist eine Anerkennung und eine ganz große Bestätigung für das, was ich tue", sagt Hassanein. Bekannte Namen schmückten die Jury. "Da saßen einige der führenden Übersetzer vom Arabischen ins Deutsche und umgekehrt."

Nachdenken über das Übersetzen

Hassanein nahm den Preis im Goethe-Institut in Kairo, seiner Geburtsstadt, entgegen. Hier erblickte er 1982 das Licht der Welt, hier studierte er Germanistik und Arabistik. "Ich wollte damals Sprachen studieren, das war klar." Warum aber ausgerechnet Deutsch? "Der erste Eindruck von einer Sprache ist oft der entscheidende, der Kontakt mit Menschen, die sie sprechen." In diesem Fall waren es deutsche und österreichische Touristen, denen Hassanein begegnete. "Bis heute klingt für mich das Deutsche schöner als zum Beispiel das Französische." Davon abgesehen sei für einen Ägypter die deutsche Literatur durchaus nicht fremd. "Wer sich literarisch interessiert, kennt natürlich Goethe und Schiller, aber auch Frisch oder Dürrenmatt."

Nach dem Studium übersetzte Hassanein Anleitungen für Autos und Gebrauchsanweisungen für diverse Haushaltsgeräte. Er lernte viel, auch allerlei Organisatorisches rund um die Übersetzertätigkeit "Nach einiger Zeit hatte ich alles gemacht, was in dieser Firma möglich war." Er suchte neue Herausforderungen. "Ich war noch jung – und ich war noch nie in Deutschland gewesen." Er wollte weiter studieren. "So kam ich nach Germersheim. Hier habe ich die Literaturübersetzung und das Nachdenken übers Übersetzen kennengelernt."

Mustafa Al-Slaiman, seinerzeit Dozent in Germersheim, legte ihm ein schmales Buch auf den Tisch: "Das musst du unbedingt übersetzen." So kam Peter Härtlings "Das war der Hirbel" ins Arabische. Hassaneins Affinität zu Kinder- und Jugendbüchern nahm ihren Anfang, auch wenn er sich keineswegs auf dieses Genre beschränkt. "Ich möchte mich möglichst breit aufstellen und mich in verschiedenen Textsorten ausprobieren", sagt er. So bekam er den jüngsten Preis für die Übersetzung einer Textprobe aus Wolfgang Herrndorfs Roman "Sand" und auch der Lyrik will sich Hassanein in Zukunft widmen.

Kultur als Konstruktion

Doch am meisten kann er über seine Erfahrungen mit Kinder- und Jugendbüchern berichten. Die Übersetzung von Maars "Das Sams" sei in einem Berliner Kindergarten gut angekommen, sagt er. "Auch Paul Maar selbst war begeistert." Der sei ebenfalls als Übersetzer tätig, des Arabischen sei er allerdings nicht mächtig. "Aber ich habe in einem Aufsatz mein Vorgehen erklärt", sagt Hassanein. "Das Sams spricht Arabisch", überschrieb er den Text.

"In Ägypten wird Kinderliteratur immer noch nicht ernst genommen", erzählt Hassanein "Es wird nicht wahrgenommen, wie wichtig sie ist. Es gibt zwar populäre Autoren, die für Kinder schreiben, aber sie gelten nicht wirklich als Schriftsteller." Bei der Realisierung seiner Übersetzung half eine groß angelegte Initiative des Kultusministeriums von Abu Dhabi. "Sie unterstützt Übersetzungen aus verschiedensten Sprachen ins Arabische."

Angesprochen auf die kulturellen Unterschiede, die die Lektüre des Sams in der arabischen Welt erschweren könnten, runzelt Hassanein leicht die Stirn. "Das mit den Kulturen – ich weiß nicht, ob das stimmt. Wenn man von der islamischen Kultur redet, hat man immer gleich die arabische Welt im Blick. Dabei ist ein Land wie Indonesien überhaupt nicht arabisch geprägt. Wir neigen dazu, Kulturen in Schubladen zu pressen. Das ist bequem, wird aber ihrer Komplexität nicht gerecht. Kulturen sind Konstruktionen. Die Grenzen ziehen die Menschen selbst, um sich zu unterscheiden, sich abzusetzen. Sie sind nicht vorgegeben. Tatsächlich gibt es viele Berührungspunkte. Es gibt zum Beispiel im Islam wie im Christentum Fundamentalisten. Sie haben eine ähnliche Kultur."

Krabat, Potter und das Sams

Hassanein schlägt einen weiten Bogen. "Man könnte vielleicht auch von einer Kinderkultur sprechen, die überall auf der Welt gleich ist. Alle kennen Harry Potter und Harry Potter bleibt überall Harry Potter. Wo er herkommt, ist egal."

Das klingt nach guten Aussichten für das Sams. Immer noch grinst es breit auf jenem arabischen Büchlein, das Hassanein mitgebracht hat. Längst hat er weitere dazugelegt: Ottfried Preußlers "Krabat" etwa oder ein zweisprachiges Bilderbuch mit einem arabischen und einem deutschen Märchen. Hassanein hat noch einiges zu sagen – auch zu seiner Promotion über Menschenrechtserklärungen im Arabischen. Doch das sind andere Geschichten für andere Tage. Diese hier ist nun erzählt.