Im Musik-Neubau hätte er gern auch studiert

16. Juni 2015

Er ist ein erfolgreicher Filmkomponist: Chris Bremus hat an der Hochschule für Musik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu seiner Karriere getan. Nun kehrt er nach Jahren für ein Gespräch auf den Campus zurück. Der 37-Jährige erzählt von seinem Studium, von Filmen, Werbesports und vom großen Glück.
 

Chris Bremus steht vor dem Neubau der Hochschule für Musik. "Toll", meint er. "Ich hätte zehn Jahre später studieren sollen." Aus den Probenräumen des Gebäudes dringen Violinenklänge. Eine Oboe ist zu hören. "Das hat mir damals schon gefallen. Es ist immer was los, es sind immer Musiker da."

Damals, das ist jetzt sieben Jahre her. Im Jahr 2008 absolvierte Bremus seinen Bachelor in Jazz und Popularmusik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz – just in jenem Jahr, als der Neubau der Hochschule für Musik eingeweiht wurde. Er selbst probte und lernte noch im Gebäude am Binger Schlag unterhalb des Gutenberg-Campus. Gitarre war sein Hauptfach.

"Wir Jazzer saßen traditionell im Keller, die Klassik war in den oberen Stockwerken", erinnert er sich. "Das passte irgendwie gut." Er lugt durch ein Fenster ins Tiefparterre: Das sieht wenig nach Jazz aus. Die beiden großen Orgeln der Hochschule für Musik dominieren einen lichtdurchfluteten Saal. "Faszinierend", meint Bremus. "Leider kenne ich mich mit Orgeln überhaupt nicht aus."

Eine besondere Dienstleistung

Bremus ist aus Berlin zu Besuch. Dort arbeitet er seit Jahren erfolgreich als Filmkomponist. Nicht nur die großen deutschen Fernsehsender gehören zu seinen Kunden, internationale Filmkonzerne buchen ihn und auch Werbespots renommierter Unternehmen hat er bereits seine Musik geliehen – oder besser: verkauft. "Das ist schon eine Art Dienstleistung, die ich erbringe", erzählt er von seinem Beruf. "Da stellt sich natürlich auch die Frage nach der musikalischen Identität." Davon wird noch die Rede sein an diesem Nachmittag auf dem Campus.

"Ich war seit Jahren nicht mehr hier", erzählt der gebürtige Speyerer. "Wir waren eigentlich sowieso selten auf dem Campus. Wir kamen zum Feiern und zum Essen in die Mensa." Das stimmt nicht ganz. Bremus' Zeit an der JGU begann mit einem Studium der Politikwissenschaft. "Das habe ich aber schnell wieder sein lassen." Die Musik lockte. Das war schon lange vor der Uni seine Leidenschaft.

"An der Hochschule für Musik fand ich Leute, denen man abgenommen hat: Die machen das aus Leidenschaft." Bremus meint damit sowohl die Studierenden als auch die Dozierenden. Der Austausch war ihm wichtig, der enge Kontakt. "Wir waren ja viel weniger Studierende als in anderen Bereichen. Jeder kennt jeden." Gäste aus anderen Nationen brachten ihre Traditionen mit. "Ich kam mit Musikrichtungen in Berührung, mit denen ich mich sonst nie beschäftigt hätte, mit Menschen, die einen komplett anderen Musikhintergrund hatten. Dazu kam der Unterricht – und wir haben unheimlich viel geprobt. All das hat meinen Horizont ungeheuer erweitert."

Literaturverfilmung "Werther"

Mit diesem erweiterten Horizont ging es mit dem Bachelorabschluss in der Tasche an die Filmakademie in Ludwigsburg. Dort studierte Bremus Filmmusik und Sounddesign. "Vielleicht hätte ich etwas Solides studieren sollen, BWL oder so." Filmmusik, das klingt eben nicht gerade nach einer sicheren Zukunft. "Aber meine Eltern haben mich voll und ganz unterstützt."

Verbindungen in die Branche ergaben sich früh. "Ich hatte viel Glück. Ein Schulfreund meines Bruders, Christian Rohde, ist Filmproduzent. Der hing öfter bei uns zu Hause ab." Zufällig arbeitete Rohde als Dozent in Ludwigsburg. "Gib mir mal Demo-Material mit", meinte er. "Vielleicht habe ich irgendwas für dich." Bremus lächelt. "Ich habe nicht unbedingt damit gerechnet, was von ihm zu hören." Aber er hörte von Rohde. 2008 drehte Regisseur Uwe Janson die Literaturverfilmung "Werther" für 3sat. Bremus komponierte die Musik. "Es war ein recht freies Projekt, ich hatte einigen Spielraum."

Bremus betont bescheiden: "Ich hatte Glück. Es ging schneeballmäßig weiter. Man wird weiterempfohlen, jemand kennt jemanden, der jemanden kennt ..." Es muss schon etwas mehr gewesen sein. Wer ins Werk des 37-Jährigen herein hört, ist von der Vielseitigkeit überrascht. Für den Film "Transpapa" etwa lieferte er 2012 einen Western-Song, während die Musik zum Feature "Helmut Schmidt – Lebensfragen" von 2013 unauffällig und im klassischen Gewand daherkommt.

Tatort, Dokus, Werbespots

"Mich reizt die große Bandbreite. Ich mache gern Filmmusik und habe schon für den 'Tatort' komponiert. Ich arbeite gern für Dokus, aber auch für Werbespots." Gerade dort sei die Arbeit sehr dicht. "Es ist eine Herausforderung, wenn man schnell zum Punkt kommen muss." Die Botschaft muss in wenigen Sekunden zünden. "Davon hängt viel ab. Es geht schließlich darum, ob sich ein Produkt verkauft oder nicht."

Nach dem Studium zog Bremus in die Hauptstadt. "Es gibt zwei große Filmzentren in Deutschland: München und Berlin. In Berlin war ich schon, da kannte ich Leute, also ging es nach Berlin."

Bremus komponiert am Keyboard und direkt in den Computer. Je nach Budget bleibt es dann bei den digitalen Tonspuren oder Musiker werden eingekauft, im Idealfall ein ganzes Orchester. "Am Anfang steht meist eine Telefonkonferenz, in der ich versuche herauszuhören, was der Regisseur möchte. Das ist aber eine sehr subjektive Sache. Manchmal höre ich nach den ersten Durchläufen: 'Das ist mir zu düster.' Und dann stellt sich heraus: Der Regisseur musste als Kind Geige üben und mag seitdem keine Geigenklänge."

Darauf muss Bremus eingehen – genau wie auf den Publikumsgeschmack, den gerade die Fernsehproduzenten oft genau im Auge haben, während sie mit dem anderen auf die Einschaltquote schielen müssen. "Ich bediene natürlich Erwartungen. Ich schaue aber auch, dass ich mich nicht verkaufe. Es muss immer meinen Charakter behalten – und für Serien-Schmonzetten würde ich nicht komponieren wollen, auch wenn die Kollegen handwerklich oft einen hervorragenden Job machen."

Schräge Bestseller-Krimis

Bremus' Auftragslage ist gut. Er ist zum Beispiel fest abonniert auf die Fernsehfilm-Reihe "Die Toten vom Bodensee". "Manche Kollegen haben Leerlauf. Da ist am Anfang des Jahres noch gar nichts da. Bei mir ist das anders." Und wieder fällt dieser Satz: "Ich hatte Glück."

Nach einem herausragenden Projekt gefragt, zögert Bremus. "Das müssen eigentlich andere beurteilen." Dann erzählt er von einer aktuellen Produktion: Mit "Der Metzger" präsentiert die ARD eine Reihe nach den Bestseller-Krimis der Österreichers Thomas Raab. "Ich mag Geschichten, die schräg sind", meint Bremus dazu. "Diese spielt in den Bergen. Ich habe versucht, alpine Musik zu komponieren, die nicht klassisch alpenländisch nach Hubert von Goisern klingt. Es ist eine Melange aus Zither, Banjo und vielem mehr geworden. Das hat gut funktioniert, es hat viel Spaß gemacht."

Mit diesen Worten verabschiedet sich Bremus vom Gutenberg-Campus. Es geht heute noch zum Mainz-05-Spiel in die Fußballarena jenseits der Universität. "Kumpel von mir haben Dauerkarten. Es ist schon Tradition, dass die mich einladen, wenn ich in Mainz bin." Und wieder hat er Glück.