Boehringer Ingelheim im Nationalsozialismus

7. September 2015

Die Rolle der Großindustrie im Nationalsozialismus ist gut erforscht. Zahlreiche Veröffentlichungen berichten von den Verstrickungen der IG Farbenwerke oder BMW. Doch wie steht es um die mittelständischen Betriebe? Dazu ist kaum etwas bekannt. Prof. Dr. Michael Kißener vom Historischen Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) füllt diese Lücke: Nach drei Jahren Forschung hat er nun das Buch "Boehringer Ingelheim im Nationalsozialismus" vorgelegt.
 

"Es war nicht unser Ansatzpunkt, ein Urteil zu fällen, es ging uns nicht um gut oder böse", stellt Prof. Dr. Michael Kißener gleich zu Beginn des Gesprächs klar. "Für ein mittelständisches Unternehmen war es im Nationalsozialismus undenkbar, sich außerhalb der politischen Sphäre zu bewegen. Es musste Kompromisse schließen, sonst wäre es unter die Räder gekommen."

Also wehten auch auf dem Firmengelände des Pharmaunternehmens Boehringer Ingelheim die Hakenkreuzfahnen. "Hitlers 'Mein Kampf' wurde zu Jubiläen an verdiente Mitarbeiter verschenkt." Es gab Zwangsarbeit – und die Misshandlung von Zwangsarbeitern. "Aber das war ohnehin klar. Uns interessierte noch etwas anderes."

Überraschende Ergebnisse

Der Professor für Zeitgeschichte am Historischen Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz hat mit einem kleinen Team minutiös recherchiert. Das Ergebnis liegt jetzt vor: "Boehringer Ingelheim im Nationalsozialismus – Studien zur Geschichte eines mittelständischen chemisch-pharmazeutischen Unternehmens" heißt der 292 Seiten starke Band. "Wir haben sehr viele Reisen unternommen. Wir haben 27 Archive in Deutschland und in Frankreich konsultiert. Wir haben Zeitzeugen, darunter ehemalige Zwangsarbeiterinnen in der Ukraine, interviewt."

Vor allem drei Aspekte wollte Kißener näher beleuchten. "Wir wissen viel über die Großindustrie in der Zeit des Nationalsozialismus. Aber für mich war interessant: Welchen Handlungsspielraum hatte ein mittelständisches pharmazeutisches Familienunternehmen? Darüber wissen wir nicht viel – und über die Rolle der Pharmazie ist gar nichts bekannt."

"Im Rahmen meiner Regionalstudien ist auch die Frage aufgetaucht: Führen bestimmte Charakteristika des Raums Rheinhessen zu gewissen Ausrichtungen einer Firma? Ist ein regionaler Faktor festzustellen?" Und schaut er auf die Nachwirkungen der Diktatur: Wie verhielt sich die Leitung von Boehringer Ingelheim in der Nachkriegszeit? "Zu allen drei Themen fanden wir Überraschendes heraus."

Drei Männer standen 1933 an der Spitze von Boehringer Ingelheim: Albert und Dr. Ernst Boehringer, die Söhne des Firmengründers, und deren Schwager Julius Liebrecht. "Sie waren streng konservativ und national gesinnt." Auch fürs Militär hatten sie ein Faible. "Aber sie waren keine Nationalsozialisten."

Leben mit dem Naziregime

Dennoch traten sie in die NSDAP ein, Liebrecht 1933, die Brüder 1937. "Das wurde erwartet. Wären sie nicht eingetreten, hätte das gravierende Konsequenzen gehabt, auch für das Unternehmen. Der Spielraum war begrenzt, Boehringer war – um einen modernen Begriff zu benutzen – nicht systemrelevant. Die Firma wäre ersetzbar gewesen." Konkurrenten wie Knoll, Boehringer Mannheim oder Merck standen in den Startlöchern.

Andererseits hatte Ernst Boehringer durchaus seine eigene Vorstellung, wie er sich dem Regime gegenüber zu verhalten hatte. "In der Festschrift zum 50-jährigen Bestehen der Firma aus dem Jahr 1935 findet sich keine Hakenkreuzfahne, Hitler wird nicht mal erwähnt." Das war mehr als ungewöhnlich. "Ein eifriger Referent hatte im Entwurf bereits Elogen auf Hitler angestimmt. Ernst Boehringer hat sie gestrichen." Auch in den Parteiapparat ließ er sich nicht einspannen. Albert Speer als Architekt der Kriegswirtschaft hätte ihn gern in eine hohe Position gehoben. "Boehringer antwortete, er sehe für sich nur zwei Verwendungsmöglichkeiten: im Unternehmen oder an der Front."

In Rheinhessen gab es viele Juden. "Die jüdische Bevölkerung war relativ gut integriert. Daraus erklärt sich, dass in der Region jüdische Mitarbeiter zum Teil geschützt und so lange wie möglich gehalten wurden. An sich ist das noch nichts Besonderes. Aber es handelte sich meist um wichtige Funktionsträger, um Vorstandsmitglieder." Bei Boehringer war das anders.

Jüdische Mitarbeiter

"Wir finden Fälle, in denen jüdischen Mitarbeitern geholfen wurde, obwohl sie keine wichtige Funktion innehatten. Für Boehringer entstand nicht mal ein Vorteil." Ein Apotheker aus Köln-Nippes etwa heiratete die Jüdin Ada Zilken. Daraufhin konnte er sich in seinem Beruf nicht mehr halten. Boehringer stellte den Mann ein, der 1942 starb. "Seine Frau wäre zu diesem Zeitpunkt für den Abtransport in ein Konzentrationslager geradezu fällig gewesen, aber ihr Name verschwand immer wieder von den Listen. Sie hat vom Unternehmen weit über das Jahr 1945 finanzielle Leistungen bekommen."

Den Zwangsarbeitern ging es bei Boehringer besser als anderswo. Sie durften am Wochenende bei den Gemüsebauern der Region arbeiten, um ihren kargen Speiseplan aufzubessern. Doch es kam auch zu Misshandlungen. Gegen Kriegsende gab es ein Kellergefängnis auf dem Gelände. Verstöße gegen die Arbeitsordnung führten zu Meldungen an die Gestapo. In mindestens einem Fall wurde ein Arbeiter im KZ Buchenwald ermordet. Zwei Fälle sind bekannt, in denen erkrankte Zwangsarbeiter nach Hadamar transportiert und dort vergast wurden.

Im Zentrum all dieser Widersprüchlichkeiten, dieses vielschichtigen Bilds steht für Kißener der Firmengründersohn Dr. Ernst Boehringer. "Er war eine außerordentlich interessante Persönlichkeit, die nach dem Krieg eine ungeheure Wendung vollzog." Ernst Boehringer stellte nach 1945 Widerstandskämpfer ein – aber auch viele Personen mit brauner Vergangenheit. Für ihn war es unerträglich, dass die Siegermächte moralische Urteile über Deutschland fällten. Das stand nach seinen Vorstellungen nur den Deutschen selbst zu. "Die Nürnberger Prozesse hielt er für ein Unrecht." Die Bundesrepublik betrachtete er mit Distanz. "Aber anders als zum Beispiel Dr. Oetker weigerte er sich, rechte Parteien zu unterstützen."

Dr. Ernst Boehringer

Ernst Boehringer reiste viel – und diese Reisen begannen, sein Weltbild zu ändern. "Aus den USA kam er begeistert zurück. Indien und der massenhafte Hunger dort machten ihn nachdenklich." In Frankreich besucht er das Dorf Espalion. "Dort spendete er jede Menge Geld für soziale Projekte. Er kam auf die Idee, dass er etwas tun will, um Deutsche und Franzosen auszusöhnen. Er erfindet auch die Internationalen Tage Ingelheim, damit sich Deutsche und andere Völker kennenlernen." Ein Land steht jeweils im Mittelpunkt. "Musikgruppen treten auf, es gibt Vorträge, ein kulinarisches Angebot – und das alles, um den in der NS-Zeit aufs Nationale verengten Blick der Ingelheimer aufzubrechen."

Vor vier Jahren begann Kißener seine Forschungsarbeit in Ingelheim. Seinerzeit wirkte er als wissenschaftlicher Berater am Bürgerprojekt "Ingelheim im Nationalsozialismus" mit. "Ich sagte damals schon, man könne diese Zeit nur verstehen, wenn man auch die Rolle des größten Arbeitgebers der Region erforscht." Das ist nun geschehen.

"Die Familie Boehringer stand diesem Projekt sehr aufgeschlossen gegenüber", erzählt Kißener. "Man sagte mir: Es wäre gut zu wissen, was damals geschah. Das Unternehmensarchiv bot dafür zu wenig Material." Boehringer förderte das Projekt finanziell. "Aber niemand nahm Einfluss auf unsere Forschung." Letztendlich sorgte sogar ein Zuschuss der Familie dafür, dass die wissenschaftliche Veröffentlichung nun zu einem passablen Preis zu erstehen ist. Denn viele sollen dieses Buch lesen, das wäre nicht nur im Sinn der Boehringers.