Keilschrift entziffern lernen

23. September 2015

Die Sammlung am Arbeitsbereich Altorientalische Philologie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) ist klein – aber sie enthält große Geschichte und Geschichten. Prof. Dr. Doris Prechel erzählt von der Vielfalt der Zeugnisse, die über 4.000 Jahre per Keilschrift aus dem Zweistromland überliefert ist.
 

Wenn Prof. Dr. Doris Prechel die Sammlung ihres Arbeitsbereichs präsentiert, dann führt sie den Besucher nicht vorbei an eindrucksvoll bestückten Vitrinen oder imposanten Exponaten. Sie begnügt sich erst einmal damit, drei Stücke Lehm auf ihren Schreibtisch zu legen.

Ein schwarzbraunes Quadrat ist zu bewundern. Es sieht aus wie ein winziges Kissen und ist nicht viel größer als eine Streichholzschachtel. Es folgt ein etwas größeres, helleres Fragment, Teil einer Tafel – und dann ist da noch dieser bauchige Zylinder, der sich gut in die Hand schmiegt: "Hier berichtet der assyrische König Assurbanipal, wie er den Turm von Babylon renovieren ließ", erklärt Prechel. Die Philologin deutet auf die kleinen Zeichen, die in sauberen Zeilen in die Tonoberfläche eingedrückt sind. Ein schönes Beispiel babylonischer Keilschrift.

Präzise Abgüsse

"Unsere Sammlung ist ausschließlich als Lehrsammlung gedacht", stellt Prechel klar. "Ich habe sie Stück für Stück angeschafft, nachdem ich 2001 nach Mainz berufen wurde. Sie besteht ausschließlich aus Abgüssen, allerdings aus hundertprozentig präzisen Stücken." Die Originale liegen größtenteils im Vorderasiatischen Museum Berlin. Das mag den materiellen Wert der Sammlung schmälern, didaktisch gesehen aber bringt es Vorteile. Denn wer bei Prechel am Arbeitsbereich Altorientalische Philologie des Instituts für Altertumswissenschaften studiert, wird diese Objekte garantiert in die Hand bekommen.

Prechel zieht aus einem Ordner ein Blatt voller Keilschriftzeichen hervor. "Wenn ich meinen Studierenden mit so etwas komme, schaue ich in lange Gesichter." Dann legt sie das unscheinbare dunkle Täfelchen daneben, auf dem sich eng die Schriftzeichen drängen. Hier und da scheinen sie gar über den Rand zu purzeln. "Das macht neugierig und es ist wichtig, dass unsere Studierenden ein Gefühl für die Tontafeln bekommen."

Der Text ist jeweils derselbe. Das Blatt Papier zeigt lediglich die Übertragung vom dreidimensionalen Objekt ins Zweidimensionale. "Autografie" heißt der Fachbegriff dafür. "Das ist im Grunde schon eine erste Interpretation." Das Täfelchen aus dem 6. Jahrhundert v.Chr. ist ein einfacher Vertrag, ein alltägliches Dokument aus dem Zweistromland. "Es bestätigt eine Auszahlung an Menschen, die für eine bestimmte Tätigkeit einen bestimmten Betrag Geld zu bekommen haben."

Das Tonfragment hingegen, die helle Scherbe, die zu einer größeren Tafel gehört, enthält Zeilen eines berühmten literarischen Textes: des Gilgamesch-Epos. Die Keilschrift hier wirkt entschieden geordneter und eleganter als auf dem winzigen Täfelchen.

Flut von Informationen

Prechel holt etwas weiter aus: "Um die Mitte des 4. Jahrtausends v.Chr. wurden wahrscheinlich unabhängig voneinander zwei Schriftsysteme entwickelt. Das eine waren die Hieroglyphen der Ägypter, das andere die Keilschrift aus dem Zweistromland. Die Hieroglyphen sind viel bekannter, schließlich machen sie mit ihren Bildsymbolen auf den ersten Blick viel mehr Eindruck als die Keilschrift."

Doch die Philologin hat weit mehr als nur einen Blick auf diese Keilschrift geworfen und sagt: "Wir haben hier eine Flut von Informationen zu den verschiedensten Bereichen des Lebens. Wir finden religiöse und literarische Texte, wir haben Wirtschaftsbilanzen, Verträge und Inschriften, wir lesen sogar Satiren – und einige davon sind echte Schenkelklopfer." Die Zahl der Artefakte wird auf rund eine Million weltweit geschätzt. "Es gibt gar nicht genug Fachleute, um diese Flut in absehbarer Zeit zu entziffern."

Für den Laien wirkt der Informationsgehalt eines solchen beschrifteten Tonstückchens sehr gering. Was kann schon draufpassen auf ein paar Gramm Ton? "Täuschen Sie sich da mal nicht", meint Prechel. "Keilschriften sind gemischte Wort- und Silbenschriften. Ein Symbol steht oft für ein Wort." Und Symbole gibt es zuhauf. "Von der Komplexität her wird die Keilschrift gern mit der chinesischen Schrift verglichen."

Texte für die Ewigkeit

Keilschriften wurden in speziellen Schulen gelehrt. Das Amt des Schreibers war erblich. "Für den einfachen Alltagsschriftverkehr reichte eine Grundausbildung." Verwaltungsschreiber lernten vor allem Brief- und Formularformen. Für die höheren Weihen, für esoterische oder literarische Abhandlungen, war auch eine höhere Ausbildung notwendig. "Diese Schreiber schufen Texte für die Ewigkeit", sagt Prechel und hält das Gilgamesch-Fragment hoch. Von der Qualität des Epos könnte sie viel erzählen. "Die Gewalt dieser Sprache ist ungeheuer. Wir entziffern raffinierte Andeutungen und Wortspiele, die kaum zu übertragen sind."

Über vier Jahrtausende hielt sich die Keilschrift. "Obwohl um 1300 v.Chr. mit der ugaritischen Keilschrift eine einfachere Alphabetschrift auftauchte, blieb die ursprüngliche Keilschrift noch 1.500 Jahre in Gebrauch. Das sagt viel über ihre Bedeutung."

Im Gegensatz zu den Hieroglyphen war das Keilschriftsystem des Vorderen Orients bei einer ganzen Reihe von Völkern in Gebrauch. "Wir schätzen, dass in rund 40 Sprachen geschrieben wurde." Die Sprache der Sumerer, die die Keilschrift entwickelten, stand in ihrer Art ziemlich einzig da. Das Schriftsystem aber wurde angepasst an verschiedenste Idiome, die sogar unterschiedlichen Sprachfamilien angehören konnten. Ob Akkader, Assyrer, Babylonier oder Hethiter – sie alle nutzten die Keilschrift.

Diese Sprachenvielfalt macht die Arbeit der Philologen nicht einfacher. "Hinzu kommt, dass ein Zeichen im Extremfall für 40 verschiedene Laute stehen kann. Mit gutem Grund spielt die Geschichte vom Turmbau zu Babel und der großen Sprachverwirrung in Babylonien."

Junge Altorientalistik

Geschichten über das Zweistromland, über Babylonien, kamen zuerst über Bibeltexte nach Europa. Die Autoren allerdings standen dieser Kultur mehr als skeptisch gegenüber. Wenig Schmeichelhaftes ist in der Heiligen Schrift zu lesen. Das Bild von Babylonien ist düster.

Ganz anders sieht die noch recht junge Disziplin der Altorientalistik auf diese Region. "Im Grunde gibt es uns erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Damals wurden die ersten Keilschrifttafeln entziffert." Daraufhin eröffnete sich ein ganz neues Panorama. Babylonien war der Mittelpunkt einer Hochkultur, Magnet und Schmelztiegel für viele Völker. "Die Metropole hatte eine ungeheure Strahlkraft. Es sieht so aus, als ob die meisten Einwanderer recht problemlos ihre eigene Kultur hinter sich ließen, um die babylonische zu übernehmen."

Zum Schluss präsentiert Prechel dann doch die beiden Vitrinen im Flur vor ihrem Büro. Sie zeigt auch noch die Nachbildung zweier prachtvoller Landschenkungssteine, sogenannter Kudurrus, die nicht nur mit Keilschrift, sondern mit Königsfiguren, Beamten und Göttersymbolen geschmückt sind. Prechel schwärmt nebenher ein wenig von wertvollen Schriften auf Bronze oder Silber, die vereinzelt gefunden wurden.

Doch all das ist im Grunde nicht mehr nötig. Die drei Lehmstücke auf ihrem Schreibtisch reichen völlig aus, um neugierig zu machen auf ein Forschungsgebiet, das zu den kleineren an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz gehört, aber gewaltig Eindruck machen kann, wenn sich der Besucher darauf einlässt.