Online gegen Schreibprobleme und Prüfungsangst

25. September 2015

Seit 2013 bietet die Psychotherapeutische Beratungsstelle der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) eine E-Beratung: Studierende mit Schreibproblemen oder Prüfungsangst wird übers Internet geholfen. Die Erfolge sind beeindruckend. Projektleiterin Linda-Maria Kempf sieht in dieser neuen Form der Beratung eine wichtige Ergänzung der herkömmlichen Angebote.
 

Psychotherapeutische Beratung über elektronische Medien – kann das funktionieren? "Als ich angefangen habe, mich mit dem Thema zu beschäftigen, war das ein ganz neuer Bereich", erzählt Linda-Maria Kempf. "Wir waren uns nicht sicher, was möglich ist. Wir wussten aber: Wenn wir solch ein Angebot schaffen, dann müssen wir etwas wirklich Gutes zur Verfügung stellen."

Im Jahr 2012 begann die Diplompsychologin mit der Konzeption einer E-Beratung an der Psychotherapeutischen Beratungsstelle (PBS) der JGU. 2013 kam mit Irene Warnecke eine weitere Kollegin hinzu. So lange dauerte es auch, bis die erste Beratungseinheit erprobt werden konnte: "E-Beratung bei Schreibproblemen" ging ins Netz.

"Das ist ein Bereich, in dem wir mit unseren bisherigen Kursen und Beratungsgesprächen große Erfolge erzielt haben", berichtet Kempf. Es ist auch einer der Bereiche, die bei der PBS häufig nachgefragt werden. Mehr als 800 Studierende wenden sich pro Jahr an die Beratungsstelle. Schreibprobleme und Prüfungsangst sind zwei Themen, mit denen es die Psychotherapeutinnen immer wieder zu tun haben. "E-Beratung bei Prüfungsangst" heißt folgerichtig das zweite Angebot, das sich im Moment in der Pilotphase befindet.

Neuland für die Beratungsstelle

Das E-Beratungsteam konnte also auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen, wie Studierenden in beiden Bereichen zu helfen ist. Die Erfahrungen, wie das im Netz geschehen könnte, waren allerdings gering. Was sie an Untersuchungen dazu fanden, überraschte sie zudem. "Im psychotherapeutischen Kontext wird die Beziehung zwischen Klienten und Therapeuten als das Wichtigste gesehen. Ich war erstaunt, als ich las, dass auch strukturierte Computerprogramme sehr gute Erfolge erzielen", so Kempf.

Es war klar, dass es nicht reichen würde, die herkömmlichen Texte zu nehmen und einfach ins Internet zu stellen. "Wir haben unser Material überarbeitet und verdichtet. So entstanden pro Programm sechs Module, von denen jedes innerhalb einer Woche durchlaufen wird." Einige Schwerpunkte zu Schreibproblemen konzentrieren sich auf "Wissenschaftliches Schreiben", "Schreibpraxis fördern" oder "Motivation aufbauen und Aufschieben überwinden". In Sachen Prüfungsangst geht es um "Angst und Blackout", "Prüfungsvorbereitung" und "Prüfungscoaching".

Kempf schaute sich um, wo innerhalb der Universität Kompetenzen zum Medieneinsatz im Internet vorhanden waren. Wer beschäftigte sich also mit Themen wie E-Learning und mit MOOCs, den Massive Open Online Courses? Unter anderem stieß sie auf Dr. Malte Persike vom Psychologischen Institut, auf das Medienzentrum und das Zentrum für Datenverarbeitung der JGU. "Sie alle waren eine große Hilfe."

Multimediales Angebot

Neben den zu erwartenden Texten und den üblichen Aufgabenstellungen für die Klienten entschied sich das PBS-Team, Screencasts und kurze Filme zu drehen. "Bei den Filmszenen kamen echte Schauspieler zum Einsatz", erzählt Kempf – und setzt lächelnd hinzu: "Ich glaube, das Ergebnis wäre nicht so gut geworden, wenn wir uns einfach selbst gefilmt hätten." Nun können die Studierenden unter anderem eine gekonnt inszenierte Prüfungssituation sehen. "Sie werden danach aufgefordert, eine Prüfungssituation selbst nachzuspielen, entweder mit Freunden oder Verwandten oder notfalls auch einfach allein vor dem Spiegel."

Alleingelassen werden die Studierenden nicht. "Wir führen mit jedem, der zu uns kommt, zuerst ein Gespräch. Wie wichtig sind zum Beispiel die Schreibprobleme? Wenn sich ein schwere Depression dahinter verbirgt, muss ich damit ganz anders umgehen, als wenn es wirklich nur ums reine Schreiben geht." Das Team der PBS schaut genau, was angeraten ist: Sind Therapiesitzungen nötig, würde ein Kurs aus dem herkömmlichen Angebot der Beratungsstelle passen – oder vielleicht doch die neue E-Beratung?

Die Vorteile dieser Beratungsform liegen auf der Hand: "Sie eignet sich besonders für Studierende, die auswärts wohnen und deswegen nicht Woche für Woche hierher kommen können, oder für Studierende, die sich ihre Arbeit an den Modulen individuell einteilen möchten."

Signifikante Erfolge

Einfach ins Netz gehen und die E-Beratung ausprobieren – das funktioniert nicht. "Solche offenen Angebote werden zu häufig abgebrochen", weiß Kempf. Außerdem spürt sie die Verantwortung als Therapeutin. "Wir wollen unsere Arbeit so gut wie möglich machen. Ich fände es schade, wenn sich jemand frustriert aus der E-Beratung verabschieden würde, ohne dass wir jemals ein Gespräch geführt hätten."

Die E-Beratung wird allmählich eingeführt. "Im Jahr 2013 hatten wir 20 Klienten, beim zweiten Durchgang 40 und für dieses Jahr haben wir uns 60 vorgenommen." Die Ergebnisse werden ständig überprüft. Evaluation wird in dieser relativ frühen Phase großgeschrieben.

"Im Bereich der Prüfungsangst haben wir signifikante Erfolge erzielt." Vielfach erprobte Fragebögen zu diesem Thema lagen bereits vor. Eine Evaluation war also kein Problem. Anders liegt der Fall bei den Schreibproblemen. "Da gibt es noch keine standardisierten Fragenkataloge, zumindest keine, die auf die spezielle Situation von Studierenden zugeschnitten sind. Wir sind deswegen gerade dabei, selbst einen Katalog zu erstellen." Dieses Projekt wird in Zusammenarbeit mit der Abteilung Psychologie in den Bildungswissenschaften unter der Leitung von Prof. Dr. Margarete Imhof durchgeführt und vom Zentrum für Bildungs- und Hochschulforschung (ZBH) unterstützt. Aber es lässt sich schon feststellen: Erfolgreich ist die E-Beratung auch auf diesem Gebiet.

Vieles könnte sich Kempf in diesem Bereich noch vorstellen. "Vielleicht schaffen wir in Zukunft doch auch ein offenes Angebot." Außerdem könnten Module der E-Beratung in anderen Beratungsformen zum Einsatz kommen. "Im Grunde ist unsere E-Beratung nie fertig. Auf dem Gebiet gibt es so viele Entwicklungen, da müssen wir uns auch ständig weiterentwickeln."

Im Moment arbeiten Kempf und die Psychologische Psychotherapeutin Hanna Konradi, die als Vertretung für Warnecke eingesprungen ist, noch intensiv an dem E-Beratungs-Projekt. Doch in diesem Jahr läuft die Finanzierung über den Hochschulpakt II aus. "Wir bemühen uns gerade um ein weitere Förderung", meint Kempf. Für sie ist längst klar: "E-Beratung kann unsere herkömmliche Arbeit nicht ersetzen, aber sie ist eine wichtige Ergänzung, ein neuer Weg. Wir sollten sie unbedingt nutzen."