Kultur mit Ecken, Kanten und ihren schrägen Seiten

13. Oktober 2015

Mit dem Multimediaprojekt "360 Grad Mainz: Kultur von allen Seiten" haben 17 Studierende des Journalistischen Seminars der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) eine wilde Mischung aus Artikeln und Videoclips, Audiobeiträgen und Fotostrecken vorgelegt. Ihr Blick auf die Kultur ist weit. Er umfasst viel Überraschendes und reicht weit hinter die Kulissen.
 

Johannes Gutenberg hält eine Spraydose in der Linken, Noten schweben quer durchs Bild, das Mainzer Doppelrad purzelt darüber hinweg. Ein Herr ohne Haut greift nach Geldscheinen, Theatermasken lächeln und weinen, eine Schreibmaschine wartet auf einen Dichter.

"Auf dieses Bild sind wir besonders stolz", sagt Jenny Stern, "weil es die Fülle der Themen abbildet, die wir präsentieren wollen." Zusammen mit David Ehl ist sie auf den Gutenberg-Campus gekommen, um im Schatten der Alten Mensa von ihrer Arbeit für das Projekt "360 Grad Mainz: Kultur von allen Seiten" zu erzählen. Mit diesem Multimediaprojekt beendete der Abschlussjahrgang 2015 sein Masterstudium am Journalistischen Seminar der JGU.

Allzuständigkeitsfeuilleton

"Eigentlich waren wir nur selten hier oben auf dem Campus", meint Ehl. Das Journalistische Seminar ist im Domus universitatis, dem 400 Jahre alten Universitätsgebäude in der Mainzer Innenstadt, zu Hause. "Aber in der Alten Mensa hatten wir damals unsere Aufnahmeprüfung", erinnert sich Stern. Rund 250 Bewerberinnen und Bewerber hofften auf einen der 20 Studienplätze.

"Kultur ist mehr als der Rentner im Opernparkett, Kultur ist der lebendige Ausdruck dessen, was uns bewegt. Wir verstehen uns als Allzuständigkeitsfeuilleton, wir wagen den Rundumschlag und stellen dabei die kritische Frage: Ist das Kultur oder kann das weg?" In drei Sätzen skizzieren 17 Studierende ihr Projekt. Sie bereiten die Besucher ihrer Website auf einen bunten Bilderbogen vor, der weit über das hinausgeht, was die Kulturseiten einer Zeitung bieten. "Unsere Idee war, dass Kultur eine grundlegende menschliche Ausdrucksform ist, die man nicht auf einen engen Begriff reduzieren kann", sagt Ehl.

Ehl und Stern firmierten als Chefredakteure des Projekts. "Aber wir wollten nicht die großen Chefs vom Dienst sein", stellt Stern klar. "Unsere Aufgabe war, den Überblick zu behalten. Wir waren die Organisatoren, wir sagten, was gemacht werden muss, und fragten, wer es macht."

Körperwelten und Uferlose

David Schafbuch berichtet für "360 Grad Mainz" vom Graffiti-Festival "Meeting of Styles" am Brückenkopf Mainz-Kastel. Er interviewt den Gründer des Festivals zur Sprayerszene. Dazu gibt es mächtige Bilder von den Werken, die auf den grauen Betonwänden entstanden.

Jenny Stern besucht den schwul-lesbischen Chor "Die Uferlosen". In dem Filmbeitrag geht es nicht nur um Chormusik. Die Situation von Schwulen und Lesben weltweit und in Deutschland kommt zur Sprache. Dieses Thema prägt die Arbeit, den Gesang, die Texte des Chors.

Frederik von Castell führt ins Alte Postlager zur aktuellen "Körperwelten"-Ausstellung. Gunther von Hagens Plastinierungen sorgten einst für hitzige Diskussionen, umstritten sind sie immer noch. Ehl drehte einen Videoclip dazu, in dem zwei Damen sich dazu äußern, warum sie nach ihrem Tod ihre Körper für diese Schau zur Verfügung stellen wollen. Hinzu kommen Impressionen von der Ausstellung.

Keine Kritiken, sondern Geschichten

"Wir wollten die Geschichten hinter den Geschichten erzählen", sagt Stern. "Wir wollten nicht die üblichen Konzertkritiken oder Rezensionen schreiben. Wir haben zwar sehr aktuell gearbeitet, aber es ging uns darum, etwas zu schaffen, das die Leute auch noch interessiert, wenn sie es in einem Jahr lesen."

Rund zwei Dutzend Artikel sind entstanden, in denen es um Kleinverlage und Computerspiele geht, um das Open Ohr Festival und um die Finanzlage aus Sicht der Mainzer Kulturdezernentin. Natürlich kommt auch das Staatstheater vor: Friederike Ostwald porträtiert den Schauspieler Clemens Dönicke. Ein Hörbeispiel macht mit seiner Kunst vertraut.

"Wir haben auch einige Themen drin, auf die ich vorher nicht gekommen wäre", sagt Ehl. Da ist zum Beispiel der Artikel von Anna Steiner und Esther Widmann zu den spektakulären Ausgrabungen in St. Johannis, dem älteren, dem ersten Mainzer Dom. "Die beiden haben hartnäckig recherchiert, das hat sich gelohnt." – "Ganz am Schluss haben wir dann gemerkt, dass wir noch gar nichts zur Fastnacht drin hatten", erzählt Stern. Also ging es ins Fastnachtsmuseum zu den berühmten Meenzer Schwellköpp.

Mainzer Kulturpuzzle

Ein Semester lang hat die Abschlussklasse am Journalistischen Seminar das Thema Kultur von allen Seiten betrachtet. Die Artikel und Audiosequenzen, die Clips und Fotostrecken sind dann innerhalb von zwei Monaten entstanden. Für die Studierenden war das längst keine ungewöhnliche Arbeit mehr. "Unser Studiengang ist sehr praxisorientiert. Die meisten von uns arbeiten seit Jahren frei für Zeitungen oder Sender", erzählt Ehl. Während des Studiums entstanden bereits Beiträge verschiedenster Couleur, darunter eigene Magazine und Sendungen für Campus TV.

Das Projekt "360 Grad" aber bleibt etwas Besonderes, denn mit dem von Prof. Dr. Karl Renner konzipierten Multimediaformat bieten die Studierenden alljährlich eine breite Palette von Produktionen, die für lange Zeit präsent bleiben soll. Sie füllen "360 Grad" mit ihren Ideen, gestalterisch wie inhaltlich, und jeder kann nachschauen, was entstanden ist.

Innerhalb der ersten Woche klickten bereits 1.359 Besucher auf die aktuelle Seite und Gutenberg begrüßte sie mit der Spraydose. Helena Henzel malte das Bild mit den vielen Anspielungen. Wie in einem Puzzle findet sich hier all das, was die 17 Studierenden zusammengetragen haben: ob zum Mainzer Stadtschreiber oder zur Mainzer Esskultur, zu Urban Gardening oder zur städtischen Unterwelt.