Haggis dampft, Whisky fließt: Es lebe der Dichter!

25. Januar 2016

Mit der Burns Night erinnern Schotten und Nichtschotten Jahr für Jahr an einen großen Poeten der Highlands, an einen Womanizer und Frauenverehrer, einen Nationalisten und Anhänger der Französischen Revolution. Im Jahr 2001 kam diese Tradition an die Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Mittlerweile ist die Nacht für Robert Burns Kult auf dem Campus. Hunderte feiern den schottischen Poeten auf schottische Art.
 

Auf silberfarbener Servierplatte tragen sie ihn herein: den Haggis. Zu den Klängen des Dudelsacks wird er stilecht präsentiert. Robert Burns besang ihn einst als "great chieftain o' the puddin-race", als "großen Häuptling in der Würstewelt" – oder so ähnlich. Die Übersetzung muss hier leider müder Abklatsch bleiben. Seine Haut, der Schafsmagen, ist prall gefüllt mit allerlei Innereien, mit Fett, Zwiebeln und Hafermehl. Rund, mächtig und kräftig nach Gewürzen duftend liegt er da. Er wartet auf sein Schicksal: das Messer.

"Dies ist die 257. Burns Night", verkündet Max Lindemann vom Organisationsteam, "es ist die zwölfte Burns Night in Mainz und die fünfte an diesem Ort." Das Auditorium maximum in der Alten Mensa ist eng besetzt, rund 300 Gäste reiben ihre Ellenbogen aneinander. Sie alle sind gekommen, um den großen schottischen Dichter bei Whisky, Ale und Haggis zu feiern. Dem Nationalgericht der Highlands erweisen sie stehend die Ehre.

Ein Hauch Highlands in Mainz

Martin McGarrigle, ein waschechter Schotte und Wahlmainzer, darf den Haggis anschneiden. Vor allem aber darf er Burns' große Ode "Address to a Haggis" vortragen: "Fair fa' your honest, sonsie face, great chieftain ..." Das Englisch mit dem starken schottischen Zungenschlag klingt fremd und irgendwie doch vertraut. Dunkel rollen die Vokale. Zu den Versen hebt McGarrigle das Messer: Er sticht energisch zu. Das hat beinahe schon was von Majestätsmord, weniger von schnödem Anschneiden des Fleischgemischs. Ein schottischer Zeigefinger gleitet über die geritzte Schafsmembran und wird genüsslich zum Mund geführt. McGarrigle ist hoch zufrieden. "Das ist der beste Haggis überhaupt", wird er später bekennen. "The best haggis ever."

Im Jahr 2001 kam die Burns Night nach Mainz. Kirsten Kearney und Fiona Campbell, zwei Austauschlektorinnen aus Schottland, wollten ein Stück ihrer Heimat an den Rhein verpflanzen und fanden schnell Gleichgesinnte. Die Burns Night bot sich an, die traditionsreiche Geburtstagsfeier für den berühmten schottischen Barden. Sie wird nicht nur in den Highlands, sondern weltweit an vielen Orten begangen. Warum also nicht auch in Mainz?

Es begann bescheiden in einem Hörsaal des Philosophicums mit improvisiertem Tanz auf den Fluren. Doch nach und nach wuchs die Nacht. Sie zog um ins Studierendenhaus, Livemusik kam hinzu. Die Flut der Fans schwoll beständig an, fast immer war die Burns Night ausverkauft. Mittlerweile führen die Hochschulgruppe Schottische Freunde, Campus Mainz e.V. und das Studierendenwerk Mainz gemeinsam Regie bei der Veranstaltung in der Alten Mensa.

Der Finther Haggis

"Ich glaube, das ist die größte Burns Night außerhalb von Schottland", mutmaßt McGarrigle kühn. "Für mich ist es ein Stück Heimat und es ist ein Privileg, dabei sein zu dürfen. Die Burns Night ist eine großartige Gelegenheit, um zum Feiern zusammenzukommen, sie ist aber auch eine Gelegenheit, etwas über den unsterblichen Dichter zu erfahren."

Der Ablauf ist festgelegt – mehr oder weniger. Klar ist: Immer begrüßt der Dudelsack das Publikum und immer erklingt "Selkirk Grace", das alte schottische Tischgebet: "Some hae meat and canna eat, / And some wad eat that want it; / But we hae meat, and we can eat, / And sae let the Lord thank it." ("Der sitzt vor'm Mahl und leidet Qual, / Und der's gern äß, entbehret es; / Doch wir hab'ns Mahl und keine Qual, / Drum: Dank, der Herr beschert es."). Es folgt der erste Toast mit echtem schottischen Whisky.

Auftritt der Haggis: "Address to a Haggis" ist sicher der erste Höhepunkt des Abends. "Ein paar Jahre lang haben wir den Haggis in unseren Rucksäcken von Schottland nach Mainz gebracht", erinnert sich Lindemann. "Dann bin ich auf die Suche nach einem Mainzer Metzger gegangen, der uns einen regionalen Haggis zubereiten kann." Beim siebten, dem Finther Metzger Luckas, wurde er fündig. "Er sagte, er würde es mal probieren. Am Anfang fehlte noch Pfeffer, inzwischen ist sein Haggis hervorragend." Dem gefüllten Schafsmagen gilt der zweite Toast des Abends: "Raise the glasses, ladies and gentlemen. Everyone: the haggis!"

Während Fleischgeruch durchs Auditorium wabert, geht es weiter zum "Loyal Toast". Der sollte streng genommen der Queen gelten. Doch damit haben die Schotten so ihre Probleme, und auch der Mainzer Lindemann interpretiert die Sache ganz eigen: Am Ende gilt der Toast Angela Merkel – genauer: der Haltung der Kanzlerin in der Flüchtlingskrise.

Burns und die Widersprüche

Marc Berninger, einem Veteranen der Mainzer Burns Night im bajuwarischen Exil, kommt es zu, die Rede auf Burns selbst zu halten. "Dieser akademische Teil des Abend soll euch erinnern, dass dies nicht eine Art Karneval ist mit Haggis und Whisky statt mit Weck, Worscht und Woi."

Berninger skizziert einen Poeten der Widersprüche, einen Dichter des 18. Jahrhunderts, der einerseits den schottischen Nationalismus hoch hielt, andererseits die Ideale der Französischen Revolution feierte, einen frühen Sozialisten. Er spricht von einem Mann, der einerseits von der unsterblichen Liebe sang, andererseits in 20 Jahren mit fünf verschiedenen Frauen mindestens neun, möglicherweise aber auch 40 Kinder in die Welt setzte.

"Doch sind das wirklich Widersprüche? Burns konnte sehr sentimental sein Land lieben und zugleich von der Brüderlichkeit aller Menschen überzeugt sein." Und die Frauen liebte er tatsächlich unsterblich – nur eben eine nach der anderen. "A toast to the immortal memory of Robert Burns."

Zum letzten Toast des Abends heben Frauen und Männer getrennt das Glas. Beim "Toast to the Lassies" tritt traditionell ein Herr ans Podium und blickt auf die Damenwelt. Zum "Reply", dem "Toast to the Laddies" bekommt eine Dame Gelegenheit zur Entgegnung.

Cèilidh dancing

In Mainz erfährt das Ganze eine besondere Wendung: Emily Goodling redet in der Rolle eines Mannes über die Herren, Ruben Bruder schlüpft in die Haut einer Schwester und sinniert aus dieser Position: "Burns loved the lassies and loved to love them. – Ich denke, er respektierte jede einzelne. Für ihn waren sie kein hübsches Anhängsel der Männer, kein bloßer Nachtrag der Schöpfung." Heute fliegen Frauen in den Weltraum, sie leisten auf allen Gebieten Großes. "And just in passing the lassies drag the laddies along." Und die Frauen ziehen die Männer mit, ganz nebenbei.

Am Ende der Burns Night steht der schottische Volkstanz, the Cèilidh dancing. Schon seit Jahren liefern Taylor's Friends aus Mainz die Live-Musik dazu. Tradition ist angesagt, freies Herumgehüpfe eher nicht gefragt. Vom Podium schallt die Anweisung: "Wir starten mit einem einfachen Tanz, the friendly waltz. Wir bilden einen Kreis, die Damen haben ihre Partner zur Linken. Und eins, zwei, drei, eins, zwei, drei. Nun wird es kompliziert. Die Dame schwingt vor dem Herrn herüber ..."

Die 257. Burns Night wird eine lange Nacht. Männer in Kilts und Frauen im Tartan mögen zwar die Ausnahme sein in dieser Nacht, dennoch geht es sehr schottisch zu. Der Whisky fließt, der Haggis arbeitet in den Eingeweiden, das Tanzbein fliegt – und all das zum unsterblichen Gedenken an den einen großen schottischen Barden: Robert Burns.