Lehre beleben, Austausch fördern

8. März 2016

Seit fünf Jahren bietet das Gutenberg Lehrkolleg (GLK) den Lehrenden der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) die Chance, sich weltweit nach neuen didaktischen Konzepten, nach innovativen Lehr- und Lernformen umzuschauen. Mit bis zu 30.000 Euro unterstützt das GLK Gastaufenthalte an vorzugsweise ausländischen Hochschulen. Dr. Anita Wohlmann hat dieses Angebot wahrgenommen und die Columbia University in New York City besucht. Von dort hat sie die "Narrative Medicine" nach Mainz mitgebracht.
 

Die Erfahrungen aus New York wirken noch immer nach. Das ist deutlich zu spüren, wenn Dr. Anita Wohlmann von ihrem Aufenthalt an der Columbia University erzählt. "Ich hatte schon länger geplant, das 'Narrative Medicine'-Programm dort zu besuchen. Ich hatte öfter angefragt. Im Frühjahr 2015 ergab sich dann die Gelegenheit, vor Ort zu hospitieren."

Wohlmann lehrt am Department of English and Lingustics der JGU. Sie ist Postdoktorandin im von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Graduiertenkolleg "Life Sciences, Life Writing: Grenzerfahrungen menschlichen Lebens zwischen biomedizinischer Erklärung und lebensweltlicher Erfahrung", das den Brückenschlag zwischen geisteswissenschaftlichen und naturwissenschaftlich-medizinischen Disziplinen wagt. Das Interesse an einem Programm, das Literaturwissenschaft mit medizinischer Ausbildung und dem medizinischen Alltag verbindet, lag also nahe.

Ein Semester in New York City

Das Gutenberg Lehrkolleg ermöglichte den dreieinhalbmonatigen Lehraufenthalt in den USA. "Aus Mitteln des GLK wurden der Flug und meine Mietkosten gezahlt und wir konnten zwei Lehraufträge vergeben, um meine Vertretung an der JGU zu sichern. Das war großartig."

Das "Narrative Medicine"-Programm an der Columbia University ist im Jahr 2000 von der Internistin Prof. Dr. Dr. Rita Charon ins Leben gerufen worden. In ihrem Berufsalltag hatte die Medizinerin immer wieder erfahren, wie wichtig die Geschichten sind, die ihre Patienten und deren Angehörige erzählen. Dabei merkte sie auch, dass ihr ein Instrumentarium fehlte, um mit diesen Geschichten umzugehen. Also wandte sie sich an das English Department ihrer Universität, um sich genau dieses Instrumentarium anzueignen.

Aus einem ersten Kontakt entstand dann nach und nach Charons Programm. "Inzwischen ist es sehr gut etabliert und sie sind sogar so weit zu sagen, dass der Begriff 'Narrative Medicine' eigentlich zu eng gefasst ist", erzählt Wohlmann. "Sie wollen es auf weitere Bereiche jenseits der Medizin ausdehnen."

Von der Nähe zum Text

Wohlmann hat an der Columbia University bei Prof. Dr. Maura Spiegel hospitiert. "Ich konnte ihre Seminare besuchen und bei ihr die Lehrmethoden der 'Narrative Medicine' erleben." In einem sechswöchigen Filmkurs etwa ging es um schwierige Lebensgeschichten und das Thema Tod. "Als Grundlage haben wir uns Filmausschnitte angesehen und uns gefragt: Wie erzählt der Film diese Geschichten, welche Mittel setzt er ein? Wir haben aber auch die inhaltliche Ebene diskutiert und was die Geschichte in uns auslöst. Diese Selbstreflexion war ein ganz wichtiger Punkt."

Der Aspekt der Selbstreflexion zog sich durch alle Veranstaltungen. "Das 'Reflective Reading' ist ein Standardformat des 'Narrative Medicine'-Konzepts. Wir haben zum Beispiel die Geschichte über einen Neuanfang behandelt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden dazu aufgefordert, über einen Beginn zu schreiben. Jeder konnte entscheiden, in welcher Form er das tut. Es konnte ein Gedicht sein, ein Bericht oder eine Art Tagebuch. Wichtig war, dass wir im Schatten der Geschichte mit uns selbst in Kommunikation treten. Was löst diese Geschichte in mir aus? Was für eine Geschichte ist in mir? Wir waren am Ende sehr überrascht, wohin uns dieses Schreiben schließlich geführt hatte."

Neuer Lehransatz für Mainz

Diese Methode der Auseinandersetzung mit einem Text ist für Wohlmann besonders interessant, weil sie im hiesigen Lehrbetrieb praktisch nicht vorkommt. "Es ist eine ganz andere Weise, mit Literatur zu arbeiten. Wir sind es eher gewohnt, auf Distanz zu gehen und Texte zu dekonstruieren. In den USA wird geradezu der direkte Austausch mit dem Text gesucht." Diese Überlegungen haben Wohlmann überzeugt: "Warum kommen Studierende denn an die Universität? Weil sie eine Ergriffenheit bei Texten spüren, weil sie ihnen etwas bedeuten und eher nicht, weil sie die Texte dekonstruieren wollen."

Also hat sie diesen Ansatz übernommen und ihn in ihr Seminar "Krankheitsgeschichten in der amerikanischen Literatur und Kultur" an der JGU eingebracht. Auch hier sollten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eigene Texte zum Thema schreiben. Es durften persönliche Erlebnisse sein, fremde und sogar erfundene. "Ich habe meine Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmer dann aufgefordert, ihre Geschichte aus einer anderen Position neu zu erzählen, mit der Perspektive oder dem Genre zu spielen und zu schauen, was das mit der Geschichte macht."

Das Zentrum für Qualitätssicherung und -entwicklung (ZQ) der JGU hat das Seminar mittlerweile evaluiert – mit sehr guten Ergebnissen. "Viele haben angegeben, dass sie die Arbeit mit den Texten ganz anders wahrgenommen haben. Außerdem habe es ihnen geholfen, ein besseres Gefühl für Sprache zu bekommen und mit narrativen Strukturen umzugehen."

Kontakte intensiviert

Auch für das Skills Lab der Universitätsmedizin Mainz, das Kurse verschiedenster Art für Medizinstudierende anbietet, hat Wohlmann mit einer Kollegin aus der Medizin ein Angebot konzipiert. Das Echo ist ebenfalls sehr positiv ausgefallen: "Die meisten Studierenden meinten, diese Arbeit mit Texten könne ihnen im Umgang mit Patienten helfen. Sie hätten gelernt, genauer zuzuhören und zwischen den Zeilen zu lesen. Einige meinten sogar, dass der Kurs ihnen in Zukunft fehlen würde."

Ein reger Austausch zwischen der Columbia University und der JGU besteht seit Jahrzehnten, auf dem Gebiet der "Narrative Medicine" hat er sich nun weiter intensiviert. Wohlmann hat nicht nur neue Lehrmethoden aus New York City mitgebracht. Prof. Dr. Dr. Rita Charon war gerade im Dezember 2015 für einen Gastvortag an der JGU und im Juni 2016 ist ein dreitägiger Workshop mit dem Kernteam des amerikanischen "Narrative Medicine"-Programms in Mainz angesetzt. Auch Prof. Dr. Maura Spiegel wird dabei sein. "Ich selbst habe für den kommenden Summer Term einen Lehrauftrag an der Columbia University angeboten bekommen", erzählt Wohlmann.

Ihr Lehraufenthalt in den USA hat sich somit auf verschiedensten Ebenen ausgezahlt. Und das Gutenberg Lehrkolleg ist immer auf der Suche nach neuen Ideen und Konzepten, die mit einem zweiwöchigen bis sechsmonatigen Lehraufenthalt vorzugsweise an einer ausländischen Hochschule unterstützt werden können. Bis zum 31. März 2016 läuft die aktuelle Ausschreibungsrunde für eine Förderung im kommenden Wintersemester. Noch ist also Zeit, einen entsprechenden Antrag ans GLK auf den Weg zu bringen.