"Ein wahrlich interdisziplinäres Projekt"

25. Mai 2016

Im Botanischen Garten der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) ist ein neuer Themengarten entstanden. Er widmet sich dem im Jahr 1485 in Mainz gedruckten Kräuterbuch "Gart der Gesundheit", in dem das gesamte Heilpflanzenwissen des Mittelalters versammelt ist. Besonderer Anziehungspunkt für die Besucherinnen und Besucher sind die 70 ausgewählten Arzneipflanzen und die künstlerische Beetgestaltung.
 

"Vergessen Sie alles, was Sie über die Welt heute wissen", fordert Dr. Ralf Omlor. "Amerika ist noch nicht entdeckt. Die Sonne dreht sich noch um die Erde. Es gibt viel Aberglauben. In dieser Zeit entstand ein Werk mit ungeheurer Strahlwirkung." Die Rede ist von einem Kräuterbuch, das selbst den Kustos des Botanischen Gartens der JGU überraschte, als er es vor rund 15 Jahren das erste Mal in Händen hielt. Es trägt den Titel "Gart der Gesundheit" und wurde 1485 von Peter Schöffer, einem Schüler Johannes Gutenbergs, in Mainz gedruckt.

Omlor kam die Idee, einen Themengarten zu diesem Werk zu schaffen. Diese Idee aber musste reifen, die richtigen Partner mussten gefunden werden, der richtige Moment musste kommen. Nun ist es so weit: Der neue "Gart der Gesundheit" im Botanischen Garten auf dem Gutenberg-Campus ist eröffnet.

Mutter der Kräuterbücher

"Es ist ein wahrlich interdisziplinäres Projekt", lobt Universitätspräsident Prof. Dr. Georg Krausch bei der feierlichen Eröffnung des Gartens. Der "Gart der Gesundheit" schlage unter anderem Brücken zur Medizin, zur Pharmazie, aber auch zur Kunsthochschule Mainz, die sich an der Gestaltung des Gartens beteiligte. Nicht zuletzt erinnere er zudem an den Namensgeber der JGU, Johannes Gutenberg, und seinen Buchdruck.

Als Botaniker lernte Omlor bereits im Studium die berühmten Kräuterbücher von Otto Brunfels, Leonhart Fuchs und Hieronymus Bock kennen. Die drei gelten als Väter der Botanik. "Mit ihnen beginnt im 16. Jahrhundert allmählich die wissenschaftliche Betrachtung der Pflanzen." Doch der "Gart der Gesundheit" ist noch mal rund 80 Jahre älter. Omlor sieht in ihm die Mutter der Kräuterbücher. "Es ist ein sehr aufwendig und sehr gut illustriertes Werk. Mein erster Eindruck war: Spannend!"

Verfasst wurde es von Johann Wonnecke. "Er war zu der Zeit wahrscheinlich der einzige studierte Arzt in Mainz." Auftraggeber war der Mainzer Domdekan Bernhard von Breidenbach. Er wollte den gesamten pharmakologischen Wissensschatz in einem Buch zusammenfassen lassen, "zur Ehre Gottes natürlich, aber auch zum Nutzen der Menschen".

Bilder nach der Natur

"Alle Pflanzen sollten nach der Natur illustriert werden. Das war ein neuer Gedanke." Just bei diesen Illustrationen allerdings gab es ein Problem. Breidenbach wünschte sich, dass die klassischen Quellen mit einbezogen wurden. Die bezogen sich jedoch auf Pflanzen des Mittelmeer- und des arabischen Raums. Das stellte die Illustratoren vor große Schwierigkeiten. Sie nahmen ältere Handschriften zur Hilfe und so zeigt der "Gart der Gesundheit" auch Bilder von Pflanzen, die nicht so ganz der Natur nachempfunden wurden.

Breidenbach wollte Abhilfe schaffen, indem er sich mit den Illustratoren auf Pilgerreise begab. Leider reisten sie zur falschen Jahreszeit, um die Pflanzen porträtieren zu können. Letztlich schadete diese Unternehmung dem "Gart" sogar eher. Denn der Domdekan brachte in der Folge ein Buch zu seiner Pilgerreise heraus, das höchst erfolgreich wurde und das Projekt vom Kräuterbuch in die zweite Reihe rutschen ließ. Dennoch enthält der "Gart der Gesundheit" 77 erstklassige, naturgetreue Zeichnungen.

Der dazugehörige althochdeutsche Text kommt zunächst etwas sperrig daher. "Vor 15 Jahren dachte ich: Okay, den kannst du vergessen", bekennt Omlor. Für den neuen Themengarten jedoch hat sich Dr. Madeleine Mai vom Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Universitätsmedizin Mainz der Texte angenommen. Nun präsentiert eine Schautafel am Beispiel des Kleinen Odermennig, was Wonnecke seinerzeit schrieb. Mai hat die Passage übertragen und ausführlich kommentiert.

Odermynge und der Wolff

"Odermynge grün gestoßen und also getrunken von dem Saft, vertreibt die erhabene Pestilenz ..." heißt es dort – oder: "Odermynge grün und frisch gestoßen und auf die bösen Geschwüre gelegt davon sich erhebet der Wolff, er geneset." Für Omlor ein Rätsel: "Was ist der Wolff?" Mai fand die Antwort: Es handelt sich um eine Hautkrankheit, die immer mehr gesundes Gewebe in den Prozess des geschwürigen Verfalls einbezieht. "Wie ein gieriger Wolf", fügt sie erklärend hinzu.

Nun also wird der "Gart der Gesundheit" zugänglich – ob auf der Tafel oder im Botanischen Garten selbst. Insgesamt 70 der 376 im Buch erwähnten Arzneipflanzen sind in einem der ältesten Teile des Gartens zu sehen. Einiges wird hier erst noch wachsen. Der Schlafmohn etwa. Dafür strahlt die Gartenringelblume bereits in sattem Gelb und der Bulgarische Rhabarber steht brusthoch.

"Genau genommen ist diese Ecke des Botanischen Gartens in den letzten Jahren ein wenig in Vergessenheit geraten", räumt Prof. Dr. Kadereit, Direktor des Gartens, ein. "Deswegen haben wir uns gedacht, wir müssen was machen. Die quadratische Anordnung der Beete wollten wir dabei belassen." Doch ein neuer, attraktiver Mittelpunkt sollte her. Der Freundeskreis des Botanischen Gartens und Prof. Dr. Elisabeth Gateff, seit vielen Jahrzehnten der JGU und ihrem Garten verbunden, unterstützten diesen Plan tat- und finanzkräftig.

Viel gefragte Kräuterkunde

Prof. Martin Schwenk von der Kunsthochschule Mainz regte ein Wegequadrat aus Steinplatten an, das vier zentrale Beete umschließt. In den hellen Jurakalk meißelte der Mainzer Steinmetz Johannes Braum einige Abbildungen von Arzneipflanzen nach dem Vorbild des Kräuterbuchs – und dazu eine Kegelschnecke, die seinerzeit so gar nicht "nach der Natur" gezeichnet wurde. Hier griffen die Illustratoren auf die alten Vorbilder zurück. Es entstand ein seltsames Wesen, das mit wachen Augen aus einer Art Köcher hinausschaut und aufmerksam seine Hasenohren spitzt.

Das Telefon stand tagelang nicht still, als heraus war, dass der "Gart" in Mainz eröffnet würde. Fast immer ging es um die Verwendung der Kräuter im Mittelalter. Mit Blick auf das breite öffentliche Interesse verspricht Omlor: "Dieser Themengarten wird in Zukunft oft am Anfang der Führungen durch unseren Botanischen Garten stehen."

Eine ganze Reihe von Veranstaltungen rund um den "Gart der Gesundheit" steht nun an. Verschiedenste Disziplinen werden zu Wort kommen. Eines allerdings wünscht sich Omlor: "Fragen Sie uns auf keinen Fall zu Details der Mittelalterlichen Klostermedizin. Die interessiert uns als Botaniker … nun ja: nur am Rande."